Manche Menschen befürchten, "Kyrill" sei bereits eine Folge der Erderwärmung. Was lässt sich anhand eines einzelnen Orkans überhaupt sagen? Ein Interview mit Thomas Martin vom IFM-GEOMAR.
Thomas Martin ist Experte für Klimadynamik am IFM-GEOMAR, Leibniz Intitut für Meereswissenschaften.
Thomas Martin vom IFM-GEOMAR. (© Foto: oh)
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sueddeutsche.de: Erst lässt der Winter auf sich warten, nun fegt ein Orkan über Deutschland. Viele Menschen fragen sich nun: Ist "Kyrill" schon ein Symptom des Klimawandels?
Thomas Martin: Winterstürme sind für diese Zeit eigentlich keine Besonderheit. Allerdings ist es jetzt zu einer Verkettung unglücklicher Umstände gekommen.
Die Tiefdruckgebiete, mit denen solche Stürme zusammenhängen, wandern in unseren Breiten an der Polarfront entlang. Die liegt von uns aus gesehen normalerweise weiter im Norden oder im Süden, so dass uns die meisten dieser Tiefs gar nicht treffen - oder nur ihre Ausläufer.
Aber jetzt befindet sich die Polarfront über Deutschland. Und wir liegen gewissermaßen direkt auf der Autobahn der Tiefdruckgebiete.
Dadurch haben wir derzeit diesen extrem milden Winter. Außerdem hat uns das Tief "Kyrill" ausgerechnet zu seinem Höhepunkt in voller Breite erfasst. Das Ergebnis war beeindruckend.
sueddeutsche.de: Handelt es sich also nur um ein zufälliges Phänomen, das mit der globalen Erwärmung nicht zusammenhängt?
Martin: Die Frage ist: Hängt die Verschiebung der Polarfront dieses Jahr mit dem Klimawandel zusammen?
Das lässt sich so einfach nicht sagen. Wenn wir den Klimawandel als Puzzle betrachten, dann haben wir schon einige wichtige Teile zusammen.
Die Abnahme des Meer-Eises in der Arktis, die Zunahme der Global-Temperatur, das Abschmelzen der Gletscher, Anstieg des Meeresspiegels. Das passt alles schon ganz gut zusammen.
Aber wenn wir ein Puzzle-Teil sehen wie jetzt den Orkan - oder überhaupt einen so milden Winter - dann haben wir zwar eine ungefähre Vorstellung davon, wo es in das Bild des Klimawandels hineingehört. Für einen einzelnen Sturm können wir aber nicht sagen: Der ist eine Folge der Erderwärmung.
sueddeutsche.de: Wieso nicht?
Martin: Wir beobachten ja nicht das Klima, sondern das Wetter. Und das schwankt von Jahr zu Jahr - mit sehr großen Unterschieden. Der Klimawandel liegt darin verborgen, aber die Veränderungen sind viel kleiner als die jährlichen Unterschiede.
Wir sehen den Klimawandel, wenn wir weit in die Vergangenheit zurückblicken. Vielleicht lässt später einmal so etwas sagen wie: Seit 2000 hat sich drastisch etwas geändert. Aber für ein einzelnes Jahr lässt sich das nicht festmachen.
sueddeutsche.de: Ist "Kyrill" nicht allein wegen seiner Stärke schon auffällig für Deutschland?
Martin: Solche besonderen Stürme gab es in den vergangen Jahren immer wieder. Den letzten hatten wir vor acht Jahren. Und es wird sie auch in Zukunft geben. Unsere Klima-Modelle deuten allerdings darauf hin, dass sie etwas häufiger auftreten werden. Vielleicht nicht mehr alle acht bis zehn Jahre, sondern alle acht Jahre und häufiger.
sueddeutsche.de: Es wird also in Deutschland vermutlich häufiger solche milden Winter mit starken Stürmen geben - und die Wahrscheinlichkeit, dass die Stärke eines einzelnen Sturms mit dem Klimawandel zusammenhängt, wächst?
Martin: Ja. Wobei es nicht unbedingt die Stärke der Stürme sein muss, die sich verändert. Vielleicht ist es auch nur ihre Zahl. Und das bedeutet auch nicht, dass nicht der nächste Winter schon wieder kalt wird, oder dass dieser schon zu Ende ist. Was wir gerade gesehen haben, passt allerdings schon sehr gut in unser Bild vom Klimawandel und seinen Folgen.
sueddeutsche.de: Müssen wir auch damit rechnen, dass sich die Jahreszeiten verschieben?
Martin: Man beobachtet tatsächlich eine Verschiebung des Herbst- und Frühjahrsanfangs. Allerdings nur um Tage. Man sieht das zum Beispiel anhand der Aufzeichnungen von Baumblüten oder am Verhalten der Zugvögel. Die Biologie stellt sich offenbar auf eine Veränderung ein.
sueddeutsche.de: Niemand in Deutschland wird sich für die Zukunft stärkere Stürme wünschen. Was müssen wir tun, um den Klimawandel aufzuhalten?
Martin: Jeder einzelne muss sich seiner Verantwortung bewusst werden. Dabei ist es das wichtigste, die Verbrennung fossiler Brennstoffe zu reduzieren, um die Kohlendioxid-Emission zu verringern. Woher beziehe ich meine Energie, wie baue ich mein Haus, was fahre ich für ein Auto. Deutschland allein kann global gesehen eigentlich nur zeigen, wie es gehen könnte - und sein Wissen einsetzen, um neue Technologie dorthin zu exportieren, wo es wichtig ist.
sueddeutsche.de: Wo ist das?
Martin: Das sind die Schwellenländer. Auch die Menschen dort wollen Kühlschränke, Autos, Heizungen, Klimaanlagen. Wenn wir in diesen Bereichen weiterhin ineffiziente Energieschleudern produzieren, mag das noch nicht so schlimm sein, wenn es sich auf Deutschland beschränkt.
Aber wir exportieren diese Produkte. Unsere Verantwortung liegt also auch darin, Techniken zu entwickeln, die global verträglich sind.
(sueddeutsche.de)
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