Boom von Navigationssystemen Unser Orientierungssinn geht auf Krücken

Illustration: Alper Özer

Wir kennen die Welt, wie sie das Navigationssystem sieht. Ohne digitale Hilfsmittel kommen viele immer schlechter zurecht. Verkümmert unser Orientierungssinn?

Von Steve Przybilla

Heiligabend 2014: Eine junge Frau aus Frankfurt ruft von ihrem Auto aus die Polizei. Sie steckt, völlig verzweifelt, in einem Schlammloch fest - mitten im Wald. Das Navi hat die Autofahrerin in die Irre geführt. Wo sie sich denn befinde, wollen die Beamten wissen. Doch es ist schon dunkel, und die Verkehrsteilnehmerin hat jegliche Orientierung verloren. Erst vier Stunden später, unter Einsatz von zehn Streifenwagen und eines Handy-Ortungsgerätes, wird die Frau gefunden.

Anekdoten wie diese kennt jeder. Mal ist es der Rentner, der im Rhein statt am Ziel landet. Ein anderes Mal der Lkw-Fahrer, der nach Mazedonien statt Polen tuckert. Der Schuldige scheint in allen Fällen schnell gefunden: das verflixte Navi. Man lacht, schimpft, und ist sich einig: blöde Technik. Aber wie kann es überhaupt sein, dass wir ganz offensichtliche Falsch-Fahrten erst so spät bemerken? Verlieren wir durch moderne GPS-Navigation unseren natürlichen Orientierungssinn? Wenn ja, was kann man dagegen tun? Sogar Experten zucken bei solchen Fragen häufig mit den Schultern.

Im vergangenen Jahr sorgten der Neurowissenschaftler John O'Keefe und das Forscherpaar May-Britt und Edvard Moser für Aufsehen, als sie den Nobelpreis für Medizin verliehen bekamen. Bereits 1971 hatte O'Keefe bei Versuchen mit Ratten etwas Erstaunliches festgestellt: Immer, wenn sie sich an einem bestimmten Platz aufhielten, wurden spezielle "Ortszellen" in ihrem Gehirn aktiv. O'Keefe leitete daraus ab, dass die Tiere über eine "innere Karte" verfügen müssen.

Jahrzehnte später stieß das Ehepaar Moser im Ratten-Hirn auf "Gitternetz-Zellen", die wie ein Koordinatensystem arbeiten. Überträgt man beide Erkenntnisse auf den Menschen, kommt man, vereinfacht gesagt, zu folgendem Schluss: Sobald wir eine Stadt besuchen, speichern wir automatisch eine "innere Karte" in unserem Kopf. Beim nächsten Besuch wäre ein Stadtplan zur ersten Orientierung also gar nicht nötig.

Wer dem Navi blind folgt, kommt in den Wald

Und doch verlassen sich immer weniger Menschen auf ihre angeborenen Fähigkeiten, sondern schalten lieber ihr GPS-Gerät ein. Aber leidet darunter automatisch der Orientierungssinn? Dirk Burghardt, Professor für Kartografie an der TU Dresden, ist davon überzeugt. "Wer lange nur nach Navi durch eine Stadt fährt, baut keine mentale Karte auf", sagt Burghardt. Die Geräte selbst verstärkten diesen Effekt sogar noch. "Es wäre hilfreich, wenn sie von der Detailansicht zwischendurch herauszoomen würden, um eine Gesamtübersicht anzuzeigen", so Burghardt. Stattdessen werde standardmäßig die immer gleiche 3-D-Ansicht präsentiert - schädlich für die Orientierung, meint der Kartenexperte.

Ob dies tatsächlich so ist, wollte der Bildungspsychologe Stefan Münzer mit einer Studie belegen. Im Jahre 2007 schickte er zwei Gruppen von Probanden zu Fuß durch den Saarbrücker Zoo. Die einen waren mit einem Navi ausgestattet, die anderen mit einem traditionellen Kartenausschnitt. Im Anschluss an den Spaziergang zeigte Münzer den Probanden Fotos von Kreuzungen, die sie der richtigen Stelle auf dem Stadtplan zuordnen sollten. Die Gruppe der Kartennutzer schnitt dabei "erheblich besser" ab, sagt Münzer heute.

Bei einer anschließenden Tour über den Campus der Saarbrücker Uni zeigten sich erneut die Vor- und Nachteile der digitalen Geräte. Die Probanden erhielten Navis mit verschiedenen Anzeige-Modi. Anschließend zeichneten sie aus dem Kopf eine Karte des gelaufenen Weges. Das Ergebnis: "Wenn auf dem Navi nur grobe Informationen zu sehen waren, erstellten die Testpersonen bessere Karten", so Münzer. Dass Navigationsgeräte neben der Wegstrecke oft auch eine Fülle von werblichen Inhalten wie Restaurants, Kneipen, Banken und Tankstellen anzeigen, ist demnach schlecht für die Orientierung. "Das lenkt ab und bringt lernmäßig überhaupt nichts", urteilt Münzer.