Open Science Wer nicht veröffentlicht, macht auch keine Karriere - darum horten viele Forscher ihre Daten

So viel Offenheit ist ungewöhnlich in der Wissenschaft. Fachveröffentlichungen sind die Währung des akademischen Systems. Wer seine Daten oder Ergebnisse verrät, riskiert, dass andere Forscher ihm zuvorkommen. Oft artet Forschung in absurde Wettrennen um die Erstveröffentlichung aus. An nahezu jedem Forschungsthema arbeiten etliche Gruppen rund um die Welt, machen die gleichen oder sehr ähnliche Versuche, geben für die gleichen Erkenntnisse Geld aus. Doch nur die Schnellsten können ihren Aufsatz in einer hochrangigen Publikation unterbringen.

Forscher wie Hanke wollen deshalb mit dem alten System brechen. Sie setzen auf Kooperation statt Konkurrenz, auf offene Daten statt Geheimniskrämerei. "Open Science" wird diese Idee auch genannt.

Um seine Messungen für andere noch nützlicher zu machen, erhebt Hanke inzwischen sogar Daten, die er selbst gar nicht benötigt. "Ich habe schnell gemerkt: Ich muss nur ein klein wenig mehr machen, um viele weitere Fragestellungen zuzulassen", erklärt der Psychologe. Er stockte seine Versuche also auf eigene Kosten auf, zeichnete neben Hirnbildern auch den Herzrhythmus, die Atmung und die Bewegungen der Probanden im Scanner auf. 350 Gigabyte an Messdaten hat er bereits ins Netz gestellt, in monatelanger Arbeit gesammelt von hoch spezialisierten Wissenschaftlern, bezahlt mit Tausenden Euro öffentlicher Forschungsgelder.

Das war für Hanke ein wichtiger Punkt. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hatte ihm, wie vielen anderen Wissenschaftlern, staatliche Mittel gewährt. Das geschieht nicht, um den Ruf und die Berühmtheit eines einzelnen Wissenschaftlers zu mehren, sondern um allgemein nützliche Erkenntnisse zu gewinnen. Aus diesem Grund liegen die Daten der Magdeburger Arbeitsgruppe nun für alle zugänglich auf einem Server. Jeder kann sie mit kostenloser Software betrachten und analysieren - auch interessierte Laien, wenn sie wollen.

Doch mit seiner Offenheit geht Hanke auch ein Risiko ein: Andere Psychologen könnten die Daten mit den gleichen Fragestellungen analysieren wie er. Und schlimmstenfalls den Artikel zuerst veröffentlichen, den die Magdeburger geplant hatten. "Tatsächlich muss sich der Datenersteller in so einem Fall auf die Fairness der anderen verlassen", sagt Stefan Winkler-Nees von der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG. "Doch wir arbeiten daran, Mechanismen für entsprechende Regelwerke umzusetzen." Winkler-Nees leitet seit 2013 ein Förderprogramm zur Informationsinfrastruktur für Forschungsdaten. "Open Science ist ein Begriff, der momentan sehr en vogue ist", sagt er. Diese Entwicklung kommt den Zielen der DFG entgegen: Das Teilen von Daten zum gemeinsamen Erkenntnisgewinn, das klingt nach effizienter Forschungsarbeit.

Wie bei der Wikipedia kann die Masse der Nutzer die Qualitätskontrolle übernehmen

Man könnte es auch als Imagekampagne für Open Science bezeichnen, was Stefan Winkler-Nees und seine Kollegen betreiben. "Wir versuchen, die verschiedenen Institute davon zu überzeugen, dass das Bereitstellen der Forschungsdaten an sich einen Wert hat." Um das Prinzip Open Science weiter zu etablieren, hat die "Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen" schon 2008 eine Schwerpunktinitiative zur "Digitalen Information" gestartet. Eines der Ziele: Den "Mehrwert der Nachnutzung und der Verfügbarkeit von Forschungsdaten" nachzuweisen.

Natürlich gibt es auch einige offene Fragen. Die Qualität der veröffentlichten Daten muss zum Beispiel gesichert und überprüfbar sein. Dafür gibt es verschiedene Lösungsansätze: Ähnlich wie beim Onlinelexikon Wikipedia kann beispielsweise die Masse der Nutzer eine kontrollierende Funktion übernehmen. Michael Hanke konnte so bereits seine Daten verbessern: "Wir haben schon zu frühen Zeitpunkten zwei sehr gute Hinweise bekommen", sagt er. Die Mitstreiter aus der Open Science-Gemeinde haben dem Psychologen also das Forscherleben leichter gemacht.

Auch die wissenschaftlichen Verlage reagieren bereits auf diese Entwicklung zu mehr Offenheit. Ähnlich wie beim "Open Access", einer Publikationsform, die es jedem Interessierten erlaubt, Fachartikel kostenfrei zu lesen, weil der Autor für die Veröffentlichung bezahlt, gibt es inzwischen Überlegungen, aus der Open-Science-Idee ein Geschäftsmodell zu stricken. Die Nature Publishing Group etwa, einer der führenden Wissenschaftsverlage, hat jüngst das Magazin Scientific Data gegründet. Es druckt keine Artikel mit Ergebnissen und Interpretationsteil, sondern sogenannte "Data Descriptors". Das sind bloße Bestandsaufnahmen der Daten und der angewandten Methoden, korrigiert von fachaffinen, qualitätsbewussten Redakteuren. Diese Artikel sind zitierbar. Mehr noch: Wer die bereitgestellten Daten weiter verwenden will, verpflichtet sich, auf den Ersteller zu verweisen. So kann auch der teilungswillige Forscher die Zahl seiner Zitierungen erhöhen - und damit seine Publicity in der Wissenschaftswelt.

Was anderswo mit seinen Hirnbildern gemacht wird, weiß Hanke nicht genau. Sicher kann er nur sagen, dass je eine Arbeitsgruppe aus Australien und England seine Ergebnisse nutzen. Derweil produziert er fleißig weiter: In der nächsten Phase seines Experiments werden die Probanden wieder mit "Forrest Gump" traktiert werden. Dieses Mal mit Bild. Das macht die Messungen aber noch komplexer. Welch ein Glück, dass die Magdeburger Psychologen nicht allein sind mit all ihren Daten.