Open Access für wissenschaftliche Artikel Teuer, günstig oder kostenlos

Wissenschaftliche Forschungsergebnisse werden meist in Journals veröffentlicht, für die man viel Geld bezahlen muss. Immerhin dürfen Autoren, die mit öffentlichen Geldern gefördert wurden, nun ihre Artikel nach einem Jahr umsonst verbreiten. Die "Open-Access"-Bewegung hält das für einen faulen Kompromiss.

Von Franz Himpsl

Wissenschaftliche Autoren, die in Periodika publizieren, dürfen nach Ablauf eines Jahres ihre Texte öffentlich zugänglich machen: Das hat der Bundestag gerade im Zuge einer Novellierung des Urheberrechtsgesetzes beschlossen. Allerdings gilt dies nur für Beiträge, die aus einer "mindestens zur Hälfte mit öffentlichen Mitteln geförderten Forschungstätigkeit" heraus entstanden sind - ein Großteil der universitären Forschung ist damit ausgeschlossen. Ein fauler Kompromiss?

Das neue Zweitveröffentlichungsrecht dürfte jedenfalls eher einen Anfangs- als einen Endpunkt in der Kontroverse um die Zukunft wissenschaftlichen Publizierens markieren. Eine Kontroverse, die ebenso überfällig wie facettenreich ist.

Unlängst sorgte der Zellbiologe Shoukhrat Mitalipov für Aufsehen: Seinem Team sei es gelungen, menschliche Embryos zu klonen und aus diesen schließlich embryonale Stammzellen zu gewinnen. Eine Sensationsmeldung. Wenig später räumte Mitalipov jedoch Fehler in der Studie ein - ein Gutachter der anonymen Internetplattform PubPeer hatte sie entdeckt. Auch wenn Mitalipov betont, die Mängel seien belanglos, bleibt der Eindruck, dass die Qualitätskontrolle der Zeitschrift Cell, wo die Studienergebnisse Mitte Mai veröffentlicht wurden, nicht gegriffen hatte. Solche Fachzeitschriften lassen Manuskripte im sogenannten Peer Review anonym von Kollegen begutachten. Hat ein Text diesen Prozess, der oft Monate dauert, erfolgreich durchlaufen, kann er publiziert werden. Im Falle der Stammzellenstudie der Forscher um Mitalipov vergingen gerade einmal vier Tage, bis sie zur Veröffentlichung akzeptiert wurde.

Ulrich Bahnsen und Ulrich Schnabel haben in der Zeit die These aufgestellt, der Fall Mitalipov habe gezeigt, dass die Wissenschaft an einer "gründlichen Debatte über Sinn und Unsinn des Gutachterwesens" nicht mehr vorbeikomme. In der Tat ist das Peer-Review-Verfahren nicht über jeden Zweifel erhaben. Überaus aufwendig, weist es keine einheitlichen Standards auf und erfordert blindes Vertrauen in die Sorgfalt und Neutralität der ehrenamtlichen Gutachter. Welche Alternativen aber gibt es? Internet-Plattformen wie PubPeer oder Naboj können die klassische Begutachtung sinnvoll ergänzen, aber werden sie diese je in Gänze ersetzen? Es scheint jedenfalls nicht unwahrscheinlich, dass die Zukunft der Qualitätskontrolle wissenschaftlicher Publikationen - auch - im Netz liegt.

Gegen monopolartige Strukturen im Verlagswesen

Was für die Begutachtung gilt, gilt umso mehr für das Publizieren selbst. Unter dem Schlagwort "Open Access" hat sich eine Bewegung formiert, die freien Online-Zugang zu wissenschaftlicher Literatur fordert: Wissen, das mit öffentlichen Mitteln produziert worden ist, soll auch für die Öffentlichkeit einsehbar sein - ohne teure Zeitschriftenabonnements, die die Etats der Bibliotheken belasten.

So scheint denn auch der Wunsch, die teilweise monopolartigen Strukturen im wissenschaftlichen Verlagswesen, die die hohen Zeitschriftenpreise erst möglich machten, aufzubrechen, in der Wissenschaftsgemeinde Hand in Hand zu gehen mit einer zunehmenden Open-Access-Begeisterung. Auf der Tagung des "Global Research Council" etwa haben sich Ende Mai siebzig internationale Forschungsorganisationen auf einen Aktionsplan geeinigt, der die Verbreitung der Idee des freien Zugangs vorantreiben soll.

Was die konkrete Umsetzung von Open Access betrifft, werden vor allem zwei Modelle diskutiert: das "grüne" Prinzip, die öffentlich zugängliche Archivierung oder Zweitveröffentlichung eines zunächst auf herkömmlichem Wege publizierten Textes, und das "goldene" Prinzip, nach dem Texte von Anfang an in Open-Access-Zeitschriften veröffentlicht werden sollen.

"Deutschland braucht keine Landschaft voller bereits veröffentlichter Texte"

Die Obama-Regierung gab im Februar bekannt, die "grüne" Strategie forcieren zu wollen, nun zieht auch die Bundesrepublik mit dem neuen Zweitveröffentlichungsrecht nach. Eine Maßnahme, die nicht unumstritten ist. Der Wissenschaftsstandort Deutschland brauche keine "Repositorienlandschaft" voller bereits veröffentlichter Texte, glaubt man beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels. "Im Gegensatz zum ,grünen' kann ,goldenes' Open Access ein nachhaltiges Geschäftsmodell sein", sagt Börsenvereins-Justiziar Christian Sprang - der Weg über die Zweitveröffentlichung führe eher zu Verwirrung, zumal dabei unterschiedliche, oft nicht zitierfähige Textversionen entstünden.

Horst Hippler hingegen, der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, hat sich jüngst verstärkt für das Zweitveröffentlichungsrecht eingesetzt. In einem Gastbeitrag für die FAZ betonte er, dass er ebenso wie die "goldene" auch die "grüne" Variante als notwendigen Bestandteil einer Open-Access-Strategie ansieht, deren Vorteil es sei, dass sie Auffindbarkeit und wissenschaftliche Kommunikation fördere. Open Access sei zudem eine Antwort auf die "ins Unhaltbare" führende Situation an den Bibliotheken, deren Erwerbsausgaben von 2003 bis 2011 um mehr als ein Drittel gestiegen seien.

Dass eine erhöhte Zugänglichkeit von Forschungsergebnissen der Wissenschaftsgemeinschaft zupass käme, dürfte kaum jemand bestreiten. Ob freilich Open Access unter dem Strich tatsächlich mit einer Kostenersparnis verbunden ist, ist fraglich. Auch Open-Access-Zeitschriften müssen sich finanzieren - sie tun dies vor allem über Publikationsgebühren. Wenn dann statt der Subskribenten die Autoren, und damit letztlich die Forschungseinrichtungen und Förderorganisationen, die hinter diesen Autoren stehen, für eine Publikation aufkommen müssen, scheint aus Steuerzahlersicht wenig gewonnen.

"Gift für die Wissenschaft"

Wer sich über die Reformierung des wissenschaftlichen Publizierens Gedanken macht, der sollte im Übrigen nicht nur das Verlagswesen in den Blick nehmen. Bedenklich sind auch Entwicklungen in der Wissenschaft selbst, wie ein offener Brief zeigt, der auf der Webseite des Guardian erschien. Der unter Federführung des Neurowissenschaftlers Chris Chambers und des Experimentalpsychologen Marcus Munafo verfasste Text, den 71 weitere internationale Forscher unterzeichneten, weist auf ein strukturelles Problem hin: Für einen jungen Wissenschaftler, der im akademischen Feld etwas werden will, gilt es, um jeden Preis in möglichst renommierten und vielzitierten Zeitschriften zu publizieren. Eine derartige Publikationskultur sei aber "Gift für die Wissenschaft".

Insbesondere in den Biowissenschaften habe sich gezeigt, dass der Zwang zur prestigereichen Veröffentlichung zu methodisch fragwürdigen Praktiken führt. Denn um überhaupt die Chance zu bekommen, in einer großen Zeitschrift zu erscheinen, sollten die eigenen Resultate nicht nur positiv sein, sondern sich auch in ein eingängiges, widerspruchsfreies Narrativ fügen. So sei es gängige Praxis, sich aus der Gesamtmenge der erhobenen Daten nur bestimmte Datensätze herauszupicken oder die Zielsetzung einer Studie im Nachhinein zu verändern, wenn diese unerwartete Resultate liefert.

Um dem entgegenzuwirken, schlagen die Verfasser des Briefes vor, die Artikel-Form des "Registered Report" zu größerer Geltung zu verhelfen. Diese sieht vor, dass wissenschaftliche Projektvorschläge schon begutachtet und gegebenenfalls zur Publikation zugelassen werden, bevor sie in die Tat umgesetzt werden. Was aus wissenschaftstheoretischer Sicht erstrebenswert erscheint - denn auch aus Fehlern lernt die Wissenschaft -, ist auf der Seite der Zeitschriften mit einem gewissen Risiko behaftet: Wer will schon Gefahr laufen, in seinem Journal eine ganze Reihe von "missglückten" Studien publizieren zu müssen? Es ist nur schwer vorstellbar, dass sich dieses Konzept in absehbarer Zeit als Standard durchsetzt. Fest steht aber, dass dem wissenschaftlichen Publikationswesen große Umbrüche und harte Konflikte bevorstehen.