Nach jeder Ölpest stellt sich die Frage, wie man mit verölten Seevögeln umgehen soll. In Norddeutschland ist ein Streit darüber entbrannt, ob den Tieren überhaupt zu helfen ist.
Hamburg - Woher das Öl kam, schweres Heizöl, ist ungeklärt, aber die Meldungen waren erschreckend. Auf den Inseln Föhr und Amrum wurden im Februar Hunderte verölte Seevögel gefunden.
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Das Opfer einer Ölpest. (© Foto: dpa)
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Etwa 300 Tiere wurden in eine niederländische Seevogel-Rettungsstation gebracht, etwa 70 Trauerenten landeten im Tier-, Naturschutz und Jugendzentrum Weidefeld im schleswig-holsteinischen Kappeln. Dort kümmerte sich das Team des Biologen Torsten Schmidt, 44, um die verschmutzten Vögel. "Es war ein Erfolg", sagt er, "über 50 Prozent der Tiere konnten wieder ausgewildert werden. Bei den Holländern waren es wohl 280 von 300."
Ginge es nach der Niedersächsischen Wattenmeer-Stiftung, dürfte es solche Erfolgsmeldungen gar nicht geben. Die Stiftung des Landes Niedersachsen zur Förderung des Umwelt- und Landschaftsschutzes im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer hat jüngst einen Antrag zur Einrichtung einer Seevogel-Rettungsstation in Norden/Norddeich abgelehnt.
In der dortigen Seehundstation sollten mit 500.000 Euro die Voraussetzung geschaffen werden, ähnlich wie in Kappeln verölten Seevögeln professionell zu helfen.
Doch die Stiftung unter Vorsitz des Umweltministers Hans-Heinrich Sander (FDP) berief sich auf eine Studie, nach der die Rettung solcher Tiere unmöglich ist. Man müsse sich damit abfinden, hieß es, verölte Vögel besser "gleich zu erlösen". Die Leiter der Nationalpark-Häuser Baltrum, Dornumersiel und Juist schlossen sich an.
Torsten Schmidt, der Biologe aus Kappeln, ist "entsetzt", so sagt er das selbst - denn die fragliche Studie ist alt und unter Tierschützern umstritten. Sie stammt aus den Jahren 1999 und 2000, die erhobenen Daten und analysierten Rettungsmethoden sind noch älter. Die Hilfsmethoden, so Schmidt, seien aber nach dem Pallas-Unglück 1999 in Deutschland sehr verbessert worden.
Laut Studie werden von 10.000 verölten Vögeln nur 200 lebend gefunden, von denen nur 96 nach Reinigungsmaßnahmen wieder ausgewildert werden könnten. Davon lebe nach einem Jahr nur noch eines. Eins von zehntausend Tieren - das wäre in der Tat eine verheerende Quote.
Doch Tierschützer Schmidt hält diese Statistik für sehr gewagt. Es fehlten aus Kostengründen die telemetrischen Daten, also die Überwachung geretteter Vögel per Funksender. Die statistische Absicherung der Behauptung sei demnach "äußerst schwierig", sagt Schmidt.
Die Seevogelrettungsstation in Kappeln ist eine von nur zwei Einrichtungen dieser Art im Land und wird vom Deutschen Tierschutzbund betrieben. Schmidt kritisiert vor allem die Pauschalisierung: "Wir betreiben individuellen Tierschutz, helfen jedem einzelnen Tier. Wir lassen ja auch ein verletztes Reh nicht mit dem Hinweis verenden, dass jährlich Tausende Rehe überfahren werden."
Zwar bedeute jede Rehabilitierungsmaßnahme für einen verölten Vogel Stress, weshalb die Überlebenschancen der Tiere zuvor in einem Auswahlverfahren geprüft werden müsse. Ein "pauschaler Todesbefehl", wie der Tierschutzbund-Präsident Wolfgang Apel die Verweigerung des Fördergeldes nannte, ist laut Schmidt aber ebenso wenig akzeptabel. Die Wahrheit zwischen retten und sterben lassen liege wie so oft in der Mitte.
Dass vor allem die (teure) Qualität der Hilfe zählt, zeigt das Beispiel USA. Dort müssen Reedereien für jedes Fass Öl, das etwa an der Küste Kaliforniens vorbei transportiert wird, eine Abgabe entrichten, die direkt in die Tierrettung fließt. "Dort", sagt Schmidt, "gibt es Möglichkeiten, 3000 Tiere auf einmal aufzunehmen. Davon können wir nur träumen."
- Tödliche Umweltverschmutzung Plastik im Magen 02.05.2008
- Umweltverschmutzung Aus der Luft ins Fleisch 17.09.2007
(SZ vom 17.06.2008/mcs)
Riexinger und Kipping führen die Linke
Der Versuch, ein Leben zu retten, lässt keinen Spielraum für ökonomische Diskussionen.
Selbstverständlich muss auch Geld in Präventionsmaßnahmen gesteckt werden - allerdings auch wieder von den Verurusachern. Eigentlich dürfen solche Unfälle nämlich nicht passieren. (!!!)
Wenn dann doch etwas passiert, dann hat der Verursacher gefälligst den entstandenen Schaden wieder gut zu machen, und zwar so gut wie nach dem Stand der Forschung möglich. Werden nicht 100% der Vögel gerettet, muss der Verursacher eben zusätzlich einen Beitrag zur Forschungsfinanzierung aufbringen, damit zukünftig ein höherer Prozentsatz gerettet werden kann.
Ihre "Präventionsargumentation" käme der Situation gleich, eines schwerverletzes Unfallopfer, dessen Überlebenschanche nur gering ist, sterben zu lassen und statt dessen das gesparte Geld lieber in Unfallverhütungsmaßnahmen zu stecken. Könnte man schließlich vielleicht mehr erreichen, oder?
Übrigens: zu Ihrer Formulierung "ach so arme Ölopfer" ist völlig unangebracht. Oder sind Sie der Meinung, die verklebten Vögel profitierten insgeheim ungerechtfertigt von Ihrem Opferdasein? Lächerlich.
@brazzy: Den Tieren wäre dann weit mehr geholfen wenn man das Geld in Prävention stecken würde....
^^
Also Panama, Weißrussland und Idonesien neue Tanker kaufen?
"sich lohnen" muß keinen monetären Profit bedeuten. Und es ist IMMER sinnvoll und richtig, darüber nachzudenken ob mit etwas, das man tut, überhaupt nennenswert zum Erreichen der Ziele beiträgt, die einem wichtig sind - oder ob man diese Ziele auf andere Art und Weise besser erreichen könnte.
Wie schon erwähnt: wenn das Ziel das Wohl der Vögel ist, die saubergeschrubbten Vögel aber trotzdem fast alle bald darauf sterben, dann könnte man mit dem gleichen Aufwand durch Präventionsmaßnahmen wahrscheinlich viel mehr Vögel retten - man würde sich dabei halt wahrscheinlich nur nicht so toll wohltäterisch vorkommen. Aber das ist ja nicht das Ziel, oder?
Emotionale Entscheidungen aus dem Bauch heraus sind keineswegs immer (oder auch nur meistens) einer nüchternen Kosten/Nutzen-Rechnung moralisch überlegen - im Gegenteil, sie öffnen Selbstbetrug und Instrumentalisierung Tür und Tor.
Ich frag mich, warum darüber überhaupt nachgedacht wird, ob die Säuberungsaktion sich lohnt.
Der Mensch trägt die volle Verantwortung für solche Katastrophen. Und nicht nur der Verursacher, sondern auch der Verbraucher!
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