Ölpest BP-Ingenieure schlugen lange vor dem Unglück Alarm

Bereits im Juni 2009 warnten Ingenieure des Ölrisen BP vor Gefahren auf der Deepwater Horizon. Das Management ignorierte sie. Das Öl sprudelt ungehindert weiter ins Meer.

Es ist eine der größten Umweltkatastrophen in der US-Geschichte - und sie hat gerade erst begonnen. BP kapituliert vor seiner Ölquelle im Golf von Mexiko. Sie wird wie schon seit fünf Wochen weiter unglaubliche Mengen Gift ins Meer schießen. "Wir konnten den Ölfluss nicht stoppen", musste BP-Manager Doug Suttles gestehen. Die sogenannte "Top-Kill"-Methode, bei der Spezialschlamm sowie Gummireste und Faserabfälle in das Loch gepumpt wurden, scheiterte.

Auf Nachfrage konnte Suttles nicht sagen, warum genau die "Top-Kill"-Methode nicht funktionierte. "Wir wissen das nicht sicher", sagte er. Das ausfließende Öl habe nicht "nachhaltig" gestoppt werden können. BP-Chef Tony Hayward hatte die Erfolgschancen der Methode zuvor auf 60 bis 70 Prozent geschätzt.

Womöglich wird es erst im August Entlastung geben - durch eine neue Ersatzbohrung. Jetzt kann das Unternehmen nur versuchen, so viel Öl wie möglich abzufangen, bevor es noch mehr Küsten verseucht, Tiere tötet und Fischern die Existenz raubt.

US-Präsident Barack Obama äußerte sich enttäuscht über das Scheitern. "Während wir zunächst optimistische Berichte erhielten, ist jetzt klar, dass es nicht geklappt hat", erklärte der Präsident in Washington.

BP hatte die "Top-Kill"- Methode als beste Chance auf ein Verschließen des Lecks eingeschätzt. Stattdessen sollen nun mithilfe ferngesteuerter Roboter die zerstörten Ölleitungen an dem Bohrloch entfernt und eine Kuppel über dem Loch installiert werden, durch die das austretende Öl auf ein Schiff an der Oberfläche abgepumpt werden kann. Mit dieser Methode soll BP zufolge in der kommenden Woche begonnen werden.

Obama warnte, dass auch diese Methode "nicht ohne Risiko" sei. Sie sei noch nie in einer solchen Tiefe ausprobiert worden. Er sicherte zu, dass seine Regierung weiter "alle verantwortungsvollen Mittel, um dieses Leck zu stoppen", ergreifen werde. Jeder Tag, an dem weiter Öl austrete, sei "ein Angriff auf die Menschen der Golfküstenregion, ihre Existenz, und den natürlichen Reichtum, der uns allen gehört". Die Umweltkatastrophe mache wütend und sei zugleich "herzzerreißend".

Frühzeitige Warnungen

Dabei gab es rechtzeitig interne laute Warnungen. Der britische Ölriese BP hatte offenbar schon Monate vor der Explosion der Ölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko Sorge um die Sicherheit der Bohrinsel - und setzte sich nach einem Medienbericht dennoch über konzerneigene Bestimmungen hinweg.

Wie die New York Times unter Berufung auf interne Dokumente des Unternehmens berichtet, hätten BP-Ingenieure bereits am 22. Juni 2009 ihre Bedenken darüber geäußert, dass eine Metallverschalung, die der Konzern am Bohrloch zum Einsatz bringen wollte, unter großem Druck kollabieren könnte.

"Das wäre sicherlich der schlimmste anzunehmende Fall", warnte der Zeitung zufolge ein Ingenieur des Ölkonzerns in dem BP-Bericht. "Aber ich habe erlebt, also seid euch bewusst, dass es passieren kann."

BP habe dennoch an der Verwendung der Verschalung festgehalten und sich dafür eine spezielle Erlaubnis von Verantwortlichen des Konzerns eingeholt, schreibt die Zeitung weiter. Diese Genehmigung war demnach erforderlich, weil die Sicherheitsbestimmungen, die sich das Unternehmen selbst auferlegt hat, verletzt wurden.

Die Deepwater Horizon war am 20. April explodiert und zwei Tage später gesunken. Seitdem strömen kontinuierlich große Mengen Öl ins Meer und bedrohen die Küstengebiete mehrerer Bundesstaaten im Süden der USA.

Tag 40 der Ölpest - das Öl sprudelt ungehindert weiter

Am Tag 40 der Ölpest ist BP fast wieder ganz am Anfang. Nur das alles schlimmer ist, denn statt 700 Tonnen Rohöl, wie zunächst angenommen, fließen zwischen 1600 und 3400 Tonnen täglich ins Meer.

Das Öl schwappt erst jetzt richtig an Land. Nach Angaben der US-Küstenwache sind bislang 270 Kilometer Küste und 13 Hektar Marschland verseucht, rund 470 Vögel, 220 Schildkröten und 25 Meeressäuger verendet. Die Zahlen könnten dramatisch steigen, jetzt, da das Öl fast ungehindert weiterfließt.

Doug Suttles, der Chef des operativen Geschäfts bei BP, verkündet seit Wochen mit eiserner Miene die Fortschritte und Rückschläge im Kampf gegen die Ölpest. Diesmal zeigt sein Gesicht, dass etwas gar nicht stimmt. "Es verängstigt uns alle, dass wir es nicht schaffen, die Quelle zu schließen", sagt er.

Die unablässig sprudelnde Quelle wird sich nun wahrscheinlich frühestens im August verschließen lassen. BP bohrt derzeit neue Zugänge zur Quelle rund vier Kilometer unter dem Meeresboden. "Wir sind damit halb fertig. Aber je weiter runter wir kommen, desto schwerer wird es", sagt BP-Chef Tony Hayward.

Dabei wird das bestehende Steigrohr zur Quelle abgesägt. Auf die Öffnung wird ein Auffangbehälter gestülpt, der das Öl und Gas zu einem großen Teil sammeln soll. Von dort würde es durch eine Leitung zu einem Schiff an der Meeresoberfläche geleitet - wenn alles klappt. "Wir können nicht garantieren, dass es funktioniert", sagt BP-Manager Suttles. Es könne vier bis sieben Tage dauern, bis man es wisse. Auch sei nicht sicher, wie viel Öl auf diese Weise tatsächlich aufgefangen werde.

Präsident "Oilspill"

Ein ähnlicher Versuch war vor mehreren Wochen gescheitert, weil Eiskristalle die Leitung am Auffangbehälter verstopften. Allerdings hatte BP eine wesentlich größere, 13 Meter hohe Kuppel eingesetzt. Man habe das Verfahren verbessert, sagte Sutlles. Der neue Anlauf sei zeitgleich zum "Top Kill" vorbereitet worden.

Angst statt Optimismus, jetzt geht es nur noch um Schadensbegrenzung. Auch für Obama, der durch die Ölpest in seine größte Krise als US-Präsident gestürzt ist. Bleibt sein Vorgänger George W. Bush ewiglich mit dem Hurrikan Katrina verbunden, dürfte Obama jetzt den Beinamen "Oilspill" bekommen. Kritiker werfen ihm schlechtes Krisenmanagement vor. Und manche thematisieren, dass BP im Wahlkampf Obama mit einer Spende von 70.000 Dollarunterstützt habe.

Was aber schwer wiegt: Kurz vor dem Unfall stellte sich Barack Obama schützend vor die Tiefseebohrungen der Ölindustrie. Sicher und umweltverträglich seien sie. "Ich habe mich geirrt", sagt er heute. Wochenlang behandelt Obama die Ölkatastrophe wie eine Krise der anderen. BP sei verantwortlich, BP müsse die Katastrophe bewältigen, BP habe "jeden Pfennig", den die Ölpest kostet, zu bezahlen. Als die Regierung über die Rohstoffbehörde MMS hineingezogen wird, die Genehmigungen für Bohrvorhaben auf hoher See durchgewunken hat, geißelt er die "behaglich Beziehung" zwischen den MMS-Beamten und der Ölindustrie. Dann kündigt er Reformen an. In Washington ein großes Thema.

Die Bevölkerung starrt aber nicht auf die Hauptstadt, sie schaut auf das menschliche und ökologische Drama an der Golfküste. Und dort will sie einen Präsidenten mit hochgekrempelten Ärmeln sehen. Nur einmal in fünf Wochen ließ sich Obama an der Küste in Louisiana blicken, für eine Kurzvisite. Kommentatoren fragen, warum er nach Kalifornien fliegt und Spenden sammelt, während das Land die größte Ölpest in seiner Geschichte erlebt.

Am Donnerstag dann die Wende. "Ich übernehme die Verantwortung", sagt er in einer langen Pressekonferenz. Am Freitag fliegt er noch einmal ins Krisengebiet, spricht mit verängstigten Fischern und örtlichen Politikern, nennt die Ölpest einen "Angriff auf die Menschen an der Golfküste". Obama will jetzt der Commander-in-Chief sein, ein Präsident in Aktion. Er schickt dreimal mehr Helfer an die betroffenen Küsten.

Schon jetzt ist es nach Zahlen die größte Ölpest in der US-Geschichte. Seit Beginn es Dramas sind nach Angaben von Experten rund 40.000 Tonnen Öl ins Meer gelangt. Beim dem Unfall des Tankers "Exxon Valdez" 1989 vor Alaska waren es 35.000 Tonnen.