Ökonomie und Ökologie "Grünes Wachstum" gibt es nicht

Wachstumskritiker Niko Paech (links) im Cafe an der Universität Oldenburg

Die Vorstellung von grünem Wachstum erscheint manchen als Widerspruch in sich. Können wir nur nachhaltig leben, wenn wir auf Wirtschaftswachstum und überflüssigen Konsum verzichten? Fragen an den Ökonom Niko Paech von der Universität Oldenburg.

Von Tilman Wörtz

Das Universitätsviertel von Oldenburg erwacht, die ersten Studenten tauchen in den Höfen und Fluren des Vorlesungsgebäudes auf. Weniger als sonst: Orkan Xaver ist für den Nachmittag angekündigt, mit Böen bis zu Windstärke 12 soll er über Norddeutschland hinwegfegen. Doch noch stehen die Bäume still im Hof, als Niko Paech in den Raum 006 eilt und seinen Laptop anstöpselt. Er hält eine Vorlesung zur sogenannten Just-in-Time-Fertigung in der Autoherstellung, die auf Lagerhaltung verzichtet. Oder, wie es Paech formuliert: die Lagerkapazitäten von der Firma auf die Straße verlagert. Ein noch verhaltener Anklang an seine deutlich radikaleren Thesen zur "Postwachstumsökonomie", die Niko Paech in Zeiten der Krise zu einem gefragten Vortragsredner an Universitäten, in Stadthallen und Volkshochschulen gemacht hat.

natur: Herr Paech, während Ihrer Vorlesung haben einige Studenten am Laptop gearbeitet. Eine Studentin hat sogar gechattet.

Niko Paech: Manche meiner Studenten glauben, sie wären multitaskingfähig. Ich hatte sogar schon welche in der Sprechstunde, die während des Gesprächs E-Mails nachgeschaut haben. Mit denen kann man keine fünf Minuten gemeinsam einen Gedanken entwickeln. Schade.

Warum verbieten Sie Laptops und Smartphones nicht einfach?

Konservativ genug wäre ich, aber nicht autoritär genug. Der schönere Weg ist der, ohne Verbote auszukommen. Meine Studenten sollen selbst darauf kommen, dass man sich besser auf eine Sache konzentriert und dadurch mehr Spaß hat.

Das sagen Sie, weil Sie kein Smartphone haben.

Nein, das sagt die Neurowissenschaft: Der Mensch kann nicht mehrere Dinge gleichzeitig verrichten. Wir überfordern uns systematisch, wenn wir zu viele Ereignisse in immer schnellerer Reihenfolge hintereinander ausschöpfen wollen. Wir leiden dann unter dem Gefühl der Zeitknappheit. Aus der Konsumforschung wissen wir, dass Konsum keine Freude mehr macht, wenn wir zu viel davon haben.

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  • natur 2/2014

    Der Text stammt aus der Februar-Ausgabe von natur, dem Magazin für Natur, Umwelt und nachhaltiges Leben. Er erscheint hier in einer Kooperation. Mehr aktuelle Themen aus dem Heft 2/2014 auf natur.de...

Aber anscheinend bereitet es den Menschen doch Freude, sonst würden sie es sein lassen.

In vielen Fällen tun wir Dinge nicht, um glücklich zu sein, sondern um das Unglück zu vermeiden, sozial und kulturell den Anschluss zu verlieren. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wenn ich in einem Umfeld lebe, in dem alle um mich herum eine bestimmte Automarke zelebrieren, eine besondere Elektronikausstattung oder Flugreisen an exotische Orte, bleibt mir gar nichts anderes übrig, als mich an diese Standards anzupassen.

Niko Peachs zentralen Thesen

"Befreiung vom Überfluss" fordert Niko Paech. Unser Ressourcenverbrauch sei nicht nur ökologisch katastrophal, sondern überfordere die Menschen auch psychisch. Seine wichtigsten Forderungen:

  • 20-Stunden-Woche
  • mehr Zeit, um selbst Obst und Gemüse anzubauen, Kleider und Elektroschrott zu reparieren, Produkte mit anderen Menschen zu teilen
  • Rückbau von 50 Prozent aller Autobahnen und 75 Prozent aller Flughäfen
  • Effiziente Technologien und Produkte, die umgewandelt und wiederverwertet werden können

Das Ergebnis: geringere Abhängigkeit von globalen Wertschöpfungsketten; zufriedenere Menschen

Mittlerweile haben wir allerdings derart viele Möglichkeiten des Konsums geschaffen, dass uns keine Zeit bleibt, die Dinge auch zu genießen. Wenn wir in so einer Situation unseren Verbrauch reduzieren, ist das kein Verzicht, sondern im Gegenteil: eine Aufwertung der Dinge, die dann in der engeren Auswahl verbleiben.

Klingt gut. Wenn ich aber die Marke von 2,7 Tonnen CO2-Verbrauch im Jahr anlege, von der Sie auch oft sprechen, dann sieht mein Leben schnell karg aus.

Der Wert kommt nicht von mir oder irgendwelchen Ökofreaks, sondern vom wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung für globale Umweltveränderungen. 2,7 Tonnen CO2 - so viel steht jedem Erdenbewohner im Jahr zu, wenn sich unser Klima bis zum Ende des Jahrhunderts nicht um mehr als zwei Grad erwärmen soll.

Auf dem Weg über den Campus passieren wir eine Leuchtreklame mit einem überlebensgroßen Fotomodell der Otto Group: "The power of shopping" steht in grellroten Lettern in der Unterzeile - das Versandhaus will Werksstudenten rekrutieren. Schon vom äußeren Erscheinungsbild her kontrastiert der Professor mit seiner braunen Jacke und dem Filzrucksack auffallend mit der Werbung.

Unser Leben nach einer CO2-Grenze auszurichten erfordert doch ein ungemeines Abstraktionsvermögen: Wir wissen nicht mal, ob der Orkan in ein paar Stunden tatsächlich über das Land stürmt. Viele Menschen zweifeln deshalb an der Verlässlichkeit der Klimamodelle.

Wir können zwar keine genauen Prognosen machen - aber der Zielkorridor wird immer enger. Wir bekommen eine immer genauere Vorstellung davon, was auf uns zukommt. Wir können doch eins und eins zusammenzählen. Wir sind fähig, abstrakt zu denken...

...und neue Technologien zu entwickeln, die unsere Probleme lösen.

Das ist genau der Fehler: Wir fixieren uns auf Objekte und erhoffen uns von ihnen die Rettung. Trotz aller energiesparenden Technologien hat unser Energieverbrauch im vergangenen Jahr wieder einen Rekordwert erreicht. Was bringt ein ökologisch designtes Smartphone, wenn ich immer mehr davon kaufe?

Durch die E-Bikes ist kein bisschen Autoverkehr reduziert worden

Durch die E-Bikes ist kein bisschen Autoverkehr reduziert, aber eine komplementäre Industrie geschaffen worden, die mit Plastiktachos und Spezialkleidung jeden Konsumentenwunsch erfüllt. Was hilft ein Passivhaus, wenn ich damit nur mein schlechtes Gewissen wegen all der Flugreisen entlaste, die ich unternehme? Ich muss den gesamten Lebensstil eines Individuums betrachten.

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  • natur 2/2014

    Der Text stammt aus der Februar-Ausgabe von natur, dem Magazin für Natur, Umwelt und nachhaltiges Leben. Er erscheint hier in einer Kooperation. Mehr aktuelle Themen aus dem Heft 2/2014 auf natur.de...

Das klingt ja fast so, als sei die Entwicklung energieeffizienterer Technologien völlig sinnlos ...

Erst, wenn wir uns an individuellen Obergrenzen für CO2-Mengen und anderen ökologischen Ressourcen orientieren, haben sie einen nachhaltigen Effekt. Dann kann das Neue das Alte verdrängen. Doch dann gibt es kein Wirtschaftswachstum. So ist das nun mal. Die Vorstellung von grünem Wachstum ist ein Widerspruch in sich.

Für viele wird das als Motivation nicht reichen, ihren Lebensstil zu ändern.

Die Verknappung strategischer Ressourcen wird uns bereits viel früher als die Klimaerwärmung zu Verhaltensänderungen zwingen. Da werden wir gar keine Wahl haben. Wir sind völlig abhängig geworden von unserem hohen Verbrauch an Fläche, Rohöl, Phosphor, Coltan. Das begrenzte Angebot trifft auf eine explodierende Nachfrage, vor allem aus Indien und China. Das kann nicht gut gehen. Die Preise für die meisten Dinge, die wir uns heute leisten, werden steigen. Wir werden unseren Lebenswandel einfach nicht mehr bezahlen können. Punkt.

Dann wird der Preis das Problem regeln. Brauchen wir dann nicht einfach nur abzuwarten?

Das wäre riskant. Wir können nicht sicher sein, dass die erzwungene Konsumreduktion ein stetiger Prozess sein wird. Der Zusammenbruch in Griechenland zeigt doch, dass Versorgungssysteme von jetzt auf gleich kollabieren können. Weil alles mit allem verbunden ist. Wie in der Ökosphäre.

Es macht also Sinn, schon jetzt vorbereitend eine Avantgarde zu schaffen, die neue Lebensstile ausprobiert, welche mit wenig Energie und Produkten, ohne Fluggeräte oder aufwändig hergerichtete Urlaubsorte auskommt. Deren Erfahrungswissen dient dann den anderen, die jetzt noch in Konsumträumen schwelgen. Die sehen dann: Die Pioniere lächeln über den Wachstumseinbruch. Und deren Leben ist gar keine Wurzelbehandlung. Diese Vorbildfunktion reduziert Frustration, Ängste und letztlich die Möglichkeit von Gewalt.

Wen meinen Sie mit Avantgarde?

Zum Beispiel die Transition Town-Bewegung, die Do-it-yourself-Kultur, die Urban Gardening- und Regio-Geld-Bewegung. Repair Cafés. Auch in dieser Kneipe hier findet regelmäßig ein Repair Café statt, bei dem sich Leute mit Reparaturen aller Art weiterhelfen.