Ökologie Hol's der Geier

Biologen plädieren für mehr Aas in der Natur, weil viele Wildtiere und Vögel von toten Nutztieren leben. Die EU fürchtet aber, dass sich durch herumliegende Kadaver Seuchen und Erregern ausbreiten könnten.

Von Daniel Lingenhöhl

Heftig zerrt der Fuchs am toten Wildschwein und schleift es schließlich aus dem Bild. Später thront ein Seeadler auf einem Kadaver und hält Dutzende Raben auf Distanz. Im Winter sucht ein Wolf nach Fleischresten unter dem Schnee - Szenen aus der Videoüberwachung eines deutschlandweit einmaligen Forschungsprojekts:

In der Lieberoser Heide im Osten Brandenburgs untersuchen Biologen um René Krawczynski, wie die Natur verendete Tiere verwertet. "Aas hat eine wichtige Schlüsselfunktion im Ökosystem. Das weiß hierzulande aber leider kaum jemand", sagt Krawczynski, der für die Deutsche Bundesstiftung Umwelt arbeitet.

Für seine Studie legt er mit seinen Kollegen von der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus seit zwei Jahren verunglücktes Wild auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz aus. Die bisherigen Ergebnisse überraschen, denn neben den üblichen Fliegen und Aaskäfern fanden sich auch unerwartete Gäste ein:

"Mist- und Marienkäfer und sogar Heuschrecken fraßen am Aas. Das hatte keiner erwartet", erzählt Krawczynski.

Binnen einer Woche vertilgten allein die Insekten ein Zehntel des Kadavers. Auf alten Tiergerippen, die die sowjetischen Truppen einst zurückgelassen hatten, entdeckten die Biologen neben seltenen Flechten sogar eine zuvor völlig unbekannte Pilzart.

Doch nicht nur kleine Lebewesen leben vom toten Wild: "Eines unserer Wildschweine wurde innerhalb einer Woche aufgefressen. Zeitweise versammelten sich bei ihm bis zu zwei Dutzend Kolkraben und vier Seeadler", sagt Krawczynski.

Auch Füchse, Wölfe, Mäusebussarde, Rotmilane und selbst kleine Singvögel profitierten vom leichten Zugang zur Nahrung: "Im Winter pickten Meisen und Amseln Stücke aus der Fettschicht der toten Tiere, um Mangelzeiten zu überstehen."

Noch mehr wimmelt das Leben bei größeren Kadavern, etwa von Pferden oder Rindern. "Die zahllosen Insekten, die um das Aas schwirren, locken Vögel wie Würger, Schmätzer oder die seltene Blauracke an", erläutert Dieter Haas vom Nabu-Zentrum für Vögel gefährdeter Arten.

Die Europäische Union setzt enge Grenzen

In Spanien wurden selbst Bären dabei beobachtet, wie sie lieber frische Maden fraßen statt toten Fleisches. Und wo es sie noch gibt, zehren Geier die verstorbenen Lebewesen nahezu restlos auf. Selbst Knochen verschmähen sie nicht:

Bartgeier etwa sammeln sie auf und lassen sie aus größer Höhe auf Felsen fallen, um Gerippe in schlundgerechte Stücke zu zerbrechen. Am Ende erinnern meist nur die Hörner und einige bleiche Knochen an das tote Tier, von dem zahlreiche Arten profitiert haben.

Dieser natürlichen Entsorgung hat die Europäische Union jedoch bereits 2002 enge Grenzen gesetzt. Die Verordnung 1774/2002 verbietet, dass innerhalb der EU tote Nutztiere frei in der Landschaft verbleiben - es sei denn, ein Tierarzt hat festgestellt, dass sie gesundheitlich unbedenklich sind.

Für Jens Schell vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), der Forschungseinrichtung der Bundesrepublik für Tiergesundheit, eine sinnvolle Regelung: "Die Maßnahme ist seuchenhygienisch auf alle Fälle gerechtfertigt. Von verendeten Tieren kann immer eine Gefahr für andere Tiere, aber auch für Menschen ausgehen. Eine zügige Entsorgung ist also erforderlich."

Ähnlich sieht es sein Kollege Franz Conraths, der als Epidemiologe am FLI arbeitet: "Von toten Tieren gelangen womöglich Erreger - etwa von Milzbrand oder Maul- und Klauenseuche - in den Boden, die Luft oder das Trinkwasser und sorgen dann lange Zeit für Unheil."