Nobelpreisträger Thomas Südhof Energie im Übermaß

Mit Thomas Südhof hat erneut ein Deutscher, der nicht in Deutschland forscht, den Nobelpreis gewonnen. Die Max-Planck-Gesellschaft konnte oder wollte den Wissenschaflter nicht dauerhaft in ihren Reihen halten. Dass er in die USA ging, hat er nie bereut.

Von Christina Berndt

Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass eine freiheitliche Erziehung nicht zwingend zu einem Mangel an Ehrgeiz führen muss, dann hat Thomas Südhof ihn erbracht. Als Sohn zweier Ärzte, aber Enkel zweier Waldorflehrer besuchte er eine Waldorfschule in Göttingen. Anthroposophisch sei seine Familie gewesen, erzählte er einmal. Aber davon abgehalten, ein Übermaß an Zeit und Energie in seine Profession zu stecken, hat sie ihn nicht.

Als fast übermenschlich beschreiben Wegbegleiter den Einsatz von Südhof für die Erforschung der Synapsen im Gehirn, die bei dem hochintelligenten 57-Jährigen selbst zweifelsohne ganz hervorragend funktionieren. Fast alle Forscher arbeiteten viel, heißt es. Aber was Südhof leiste, gehe weit darüber hinaus.

Dabei wusste Thomas Südhof, als er 1975 besagte Waldorfschule verließ, nicht so recht, wofür er seine Energie aufwenden sollte. So folgte er erst einmal dem Vorbild seiner Eltern. Mit Medizin verbaue man sich ja nichts, meinte er. Bald entdeckte er sein Interesse für die Wissenschaft, das er zunächst während seiner Doktorarbeit bei Victor Whittaker am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in seiner Geburtsstadt Göttingen auslebte.

Whittaker sei er ewig dankbar, erinnert sich Südhof. Denn der habe ihn sein und arbeiten lassen, wie er war. Das kann man nicht über jeden sagen. Direkt im Anschluss an Studium und Promotion ging Südhof 1983 zum Forschen in die USA - und kehrte bis heute nicht zurück.

Auch wenn sich die Max-Planck-Gesellschaft nun rühmen kann, diesen Ausnahmeforscher ausgebildet zu haben: Sie trägt auch die Verantwortung dafür, dass Südhof in den USA geblieben ist.

In den 1990er-Jahren gewann das Göttinger Max-Planck-Institut für Experimentelle Medizin Südhof als Direktor. Er hatte "enthusiastisch" angenommen, wie er sich erinnert. Schließlich lagen in Göttingen seine Wurzeln, auch kam seine damalige Frau, eine Geigerin, von dort. Doch nachdem er zwei Jahre lang zwischen Dallas und Göttingen gependelt war, legte ihm der damalige Präsident der Max-Planck-Gesellschaft nahe, auf seine Position zu verzichten und sich weiter in den USA umzusehen.

Dass er dem Vorschlag gefolgt ist, habe er nie bereut, sagt Südhof - nicht nur, weil ihm 2008 der Wechsel von Texas an die Stanford-Universität gelang: In den USA hätten ihm "die Breite und die Toleranz des Systems" erlaubt, sein "ikonoklastisches Temperament" auszuleben.

Unter Forschern gilt Südhof als ein Besessener, als einer, der hart und konsequent seine Ziele verfolgt und der zu Essen mit hohem Besuch gerne seine Doktoranden mitnimmt, damit diese die Konversation führen. Dass er nun Nobelpreisträger geworden ist, überrascht kaum jemanden. Nur eine Frage treibt die Wissenschaftsgemeinde um: Wie wird sich Südhof, der im Labor stets mit Birkenstocksandalen und aus der Hose hängendem Hemd zu sehen ist, im Frack machen?