Nobelpreis für Malaria-Forschung Chinas Genugtuung

Das erste Mal ging der Medizin-Nobelpreis nach China: an die Pharmakologin Tu Youyou.

(Foto: AFP)
  • Für die Volksrepublik China ist der Medizin-Nobelpreis für die Pharmakologin Tu Youyou ein Triumph.
  • Das Komitee belohnt das Bestreben des Landes, die traditionelle chinesische Medizin in moderne Biochemie zu überführen.
  • Auf dem Weg dorthin halfen auch Ho Chi Minh und Mao Zedong.
Von Paul Unschuld

Am Montag dieser Woche verkündete das Nobelpreiskomitee, dass neben einem Iren und einem Japaner auch die Chinesin Tu Youyou in der Sparte Physiologie und Medizin ausgezeichnet wird. Damit erreichte eine ebenso zielstrebig wie langfristig angelegte Entwicklung einen von China lang ersehnten Höhepunkt. Genau 100 Jahre nach der schlimmsten Demütigung, die die chinesische Kultur je erleiden musste, ist die Verleihung des ersten Nobelpreises in einem naturwissenschaftlichen Fach eine kaum zu überschätzende Genugtuung für das Land. Im Jahre 1915 hatte Japan 21 Forderungen an China gestellt, die auf einen weitgehenden Souveränitätsverlust des ehemals so stolzen Reichs der Mitte abzielten. Sie sind ein tiefer Stachel in einer Wunde, die der chinesischen Befindlichkeit seit dem von den Engländern initiierten Ersten Opiumkrieg 1840 beigebracht wurde. England, Frankreich, Russland, die USA, Deutschland - um nur die wichtigsten Eindringlinge zu nennen - und schließlich Japan bedienten sich an dem großen Kuchen, den China zu bieten schien.

Im 15. und 16. Jahrhundert erschienen Rezeptsammlungen mit 60 000 Vorschriften

Die Niederlage im Krieg gegen Japan 1894/95 und der Verlust der Insel Taiwan markierten einen ersten Tiefpunkt. Die spätere Invasion durch Japan, die unfassbaren Gräueltaten japanischer Militärs und Wissenschaftler in China bestärkten eine Absicht, die die Mehrheit der Reformer und Revolutionäre einte: Wenn der Westen und das kleine Inselreich Japan, das sich seit den Meiji-Reformen in den 1860er-Jahren dem Westen und westlicher Wissenschaft und Technologie geöffnet hatte, China so offenkundig überlegen sind, dann besitzen sie etwas Wichtiges. Das herauszufinden und sich anzueignen war politisches Ziel während des gesamten 20. Jahrhunderts. Der Nobelpreis für Medizin im Jahre 2015 ist für China eine neuerliche Botschaft: Wir haben es geschafft! Die Erfolge im Weltraum, die Stärke des Militärs, die Fähigkeit hervorragender Chirurgen, schwierigste Operationen durchzuführen, und viele andere Erfolge der chinesischen Aufholjagd haben das chinesische Selbstbewusstsein allmählich wieder erstarken lassen. Noch einmal wird es die Demütigungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts nicht zulassen.

Dass der Nobelpreis für Medizin ausgerechnet an eine in westlicher Pharmakologie ausgebildete und allein mit westlichen naturwissenschaftlichen Methoden arbeitende Forscherin verliehen wurde, ist besonders symbolträchtig. Tu Youyou, geboren 1930, studierte von 1951 bis 1955 an der Fakultät für Pharmazie der Medizinischen Universität Peking. Seitdem war sie am Institute of Materia Medica der China Academy of Chinese Medical Sciences tätig, zuletzt als Professorin. Es ist mittlerweile vielfach beschrieben worden, wie sie den natürlichen Anti-Malaria-Wirkstoff Artemisinin in einer weltweit verbreiteten Pflanze entdeckt hat, die aber allein in der chinesischen pharmazeutischen Literatur seit mehr als 2000 Jahren beschrieben worden ist. Aber der medizinhistorische Hintergrund ist noch wenig bekannt.

Das Rezept sagt: Nimm fünf Maß Urin und koche damit zwei große Handvoll qing hao

Artemisia annua L., im Deutschen als "einjähriger Beifuß" und im Chinesischen als qing hao bezeichnet, ist erstmals in einem handschriftlichen Dokument erwähnt, das Anfang der 1970er-Jahre in einem Grab in Mawangdui gefunden wurde, einem heute in Changsha gelegenen Ortsteil der Hauptstadt der Provinz Hunan. Dort heißt es: "Rezept für 'Weibliche Hämorrhoiden', die sich einen Zoll innerhalb des Afters befinden, . . . die während des Stuhlgangs aufbrechen und bluten und sich nach oben richten, wenn kein Stuhlgang ist. Nimm fünf Maß Urin und koche damit zwei große Handvoll qing hao, sieben handgroße Goldkarpfen, ein sechs Zoll großes Stück warm geklopfte Zimtrinde sowie zwei Knotenstücke getrockneten Ingwer. Zehnmal aufkochen. Die Flüssigkeit in eine Schale abgießen. Diese ist unter eine Sitzmatte zu stellen, in die eine Öffnung gebohrt wird. Mit den Dämpfen werden so die Hämorrhoiden behandelt. Wenn die Arznei erkaltet ist, endet die Behandlung. Die Behandlung mit den Dämpfen ist täglich dreimal durchzuführen." Eine Wirkung gegen die Malaria ist hier noch nicht angedeutet.

Freundlicher Blick, etwas schüchtern: Tu Youyou in ihrem spartanischen Labor in Peking im Jahre 1978. In ihren Händen hält sie ein Molekülmodell.

(Foto: Unschuld)

Angeblich auf Bitten des vietnamesischen Staatsführers Ho Chi Minh war in China in den 1960er-Jahren das Projekt 523 gestartet worden. Dessen Ziel war es, in der antiken chinesischen Literatur nach Hinweisen auf Substanzen zu suchen, die gegen Malaria wirken. Die Forschergruppe, zu der die junge Pharmakologin Tu Youyou zählte, fand zahlreiche Empfehlungen in der historischen Rezeptliteratur. Dieser Zweig unter den chinesischen pharmazeutischen Texten ergänzt seit zwei Jahrtausenden die Beschreibung von Einzelsubstanzen. Rezeptbücher und Arzneibücher waren während der gesamten Kaiserzeit die wichtigste Grundlage der chinesischen Medizin. Die im Westen heutzutage so bekannte Akupunktur hatte dagegen stets nur eine marginale Bedeutung.

Rezepte, die man unter dem Arm mit sich trägt

Bereits das erste Arzneibuch Chinas aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. beschrieb 365 Substanzen pflanzlicher, tierischer und mineralischer Herkunft. Auf knapp 1900 Beschreibungen kam dann die umfangreichste chinesische pharmazeutische Enzyklopädie in der Ming Dynastie, das "Ben cao gang mu" von 1598. Die Rezeptliteratur wuchs noch sehr viel dynamischer. In den Rezeptvorschriften der Mawangdui-Manuskripte wurden mindestens 240 Substanzen erwähnt; im 15./16. Jahrhundert druckten Verleger Rezeptsammlungen mit knapp 60 000 Vorschriften. Alle Substanzgemische, die irgendwann einmal als wirksam beschrieben worden waren, gingen in diese Werke ein und wurden immer wieder zurate gezogen.

Auch Ge Hong (284-364), ein namhafter Gelehrter, verfasste eine Rezeptsammlung und gab ihr den Titel "Zhou hou bei ji fang", wörtlich: "Rezepte, die man unter dem Arm mit sich trägt, um für akute Fälle gerüstet zu sein." Das dritte Kapitel trägt die Überschrift: "Rezepte gegen (abwechselnde) Kälte- und Hitze-Empfindungen, alle Arten von nüe-Erkrankungen." Der Terminus nüe, in manchen Landesteilen Chinas auch yao ausgesprochen, hat sich bis heute als Bezeichnung für die Malaria gehalten. Die Beschreibung der Symptome, zum Beispiel im "Su wen", einem der ältesten medizintheoretischen Texte Chinas, lässt kaum einen Zweifel zu, dass es sich bei der mit nüe/yao beschriebenen Krankheit um Malaria gehandelt haben dürfte. Insofern suchten die Mitarbeiter des Projekts 523 in den historischen Texten mit gutem Grund nach wirksamen Malariamitteln.