Neurowissenschaft Hirn-Boykott

Streit um das ambitionierte Human Brain Project: Mehr als 200 europäische Neuroforscher drohen, das Milliarden-Vorhaben zu boykottieren.

Von Robert Gast

Es ist viel Geld für ein ambitioniertes Ziel: Innerhalb von zehn Jahren soll das 1,2 Milliarden Euro schwere Human Brain Project (HBP) das Gehirn simulieren, 643 Millionen Euro will die Europäische Kommission für ihr "Flaggschiff"-Projekt bereitstellen. Nun soll das HBP vom Kurs abgekommen sein - das beklagen zumindest mehr als 200 namhafte Neurowissenschaftler in einem offenen Brief an die Kommission.

Die Unterzeichner, die zum Großteil nicht am Human Brain Project mitwirken, fordern eine transparentere Vergabe von Forschungsgeld innerhalb des Projekts. Auch solle die künftige Forschungsagenda des HBP von einem unabhängigen Experten-Gremium festgelegt werden. Falls die Europäische Kommission nicht nachbessere, wollen die Neuroforscher das Projekt, das auf die Anträge von externen Wissenschaftlern setzt, boykottieren.

Anlass für den Proteststurm ist eine Vereinbarung aus dem Juni, der zufolge ein neurowissenschaftliches Teilprojekt des HBP fallen gelassen werden soll, heißt es im Brief. Das Brain Project ist schon länger umstritten. Kritiker bezweifeln, ob man bereits genug über das Gehirn weiß, um sich an eine Simulation zu wagen.

"Es ist zu früh, so ein Modell zu bauen", sagt Heinz Beck von der Universität Bonn, der den offenen Brief unterschrieben hat. Jeden Monat entdeckten Forscher neue Prinzipien, nach denen sich das Gehirn organisiere, sagt er. "Und jetzt kommt jemand, der das Gehirn als Ganzes nachbauen will." Dabei reiche eine kleine Abweichung vom natürlichen Gehirn - und die Simulation liefere verwirrende, nutzlose Ergebnisse, sagt Beck. Das sei für ihn der Hauptgrund gewesen, zu unterzeichnen.

Koordinatoren des HBP reagierten am Montag mit Unverständnis auf den Boykottaufruf. Die vorgebrachten Vorwürfe entsprächen oft nicht den Tatsachen, sagt Katrin Amunts vom Forschungszentrum Jülich, Bereichsleiterin im HBP. Aus Sicht des Heidelberger Physikers Karlheinz Meier, Co-Direktor des Projekts, liegt dem Protest ein Missverständnis zugrunde: "Es handelt sich um ein Technologie- und Computingprojekt - und kein neurowissenschaftliches", sagt er. Es gehe darum, die Disziplin der computerbasierten Neurowissenschaft aufzubauen, die komplementär zur laborbasierten Neurowissenschaft sein soll. Die Laborforscher hätten vor allem Angst, dass ihre Disziplin an den Rand gedrängt werde.