Neurophilosoph im Interview "Wie viel Verlogenheit hätten's denn gern?"

Ist die Neurotechnologie bald soweit, dass Lügen unmöglich wird? Ja, meint Philosoph Thomas Metzinger und fordert: Wir müssen über ethische Fragen zum Gedankenlesen diskutieren.

Interview: Christian Weber

SZ: Müssen wir uns ernsthaft davor fürchten, dass Neurotechnologen schon bald unsere Gehirne ausspähen?

Metzinger: Natürlich nicht. Philosophen wenden ein, dass man mit objektiven Methoden ohnehin nur Eigenschaften des Trägers der Gedanken auslesen könne: Man kann vielleicht die weiße Kreide auf der Tafel erkennen, aber nicht, dass das Wort "Schwarz" lautet.

In der Praxis hat es allerdings etwa in Indien bereits viele Gerichtsverfahren gegeben, in denen Hirnscanner zum Einsatz gekommen sind. Es wäre nicht das erste Mal, dass neue Technologien mit einem gewissen Erfolg eingesetzt werden, bevor man sie wirklich verstanden hat.

SZ: Dort geht es wahrscheinlich eher um das Erkennen von Lügen.

Metzinger: Genau. Hier zeigt sich, dass die bisher übliche Trennung von Träger und Inhalt in der Praxis verwischt. Die neuen Lügendetektoren detektieren nicht den Inhalt einer Lüge, sondern Teile ihres neuronalen Korrelats. Vielleicht ist die Technik in 30 Jahren so weit, dass die Lüge praktisch abgeschafft ist.

SZ: Werden Menschen nicht Methoden erfinden, sich dem zu widersetzen?

Metzinger: Derzeit kann man sich einem Lügentest im Hirnscanner leicht widersetzen, indem man sich im Moment der Frage etwa eine Ohrfeige vorstellt. Das erzeugt solche Störungen, dass der Messvorgang nicht funktioniert. Doch im Jahre 2050 wird die Technik weiter sein. Wir sollten die ethischen Fragen diskutieren, bevor wir unter Zeitdruck geraten.

SZ: Welche Fragen wären das?

Metzinger: Eine Frage wäre, ob es für bestimmte Daten und Indizien, die prinzipiell durch Neurotechnologie gewonnen werden können, ein Beweiserhebungsverbot geben soll.

Sollte es vielleicht analog zum Hausfrieden einen Bewusstseinsfrieden geben? So wie die Staatsgewalt nicht einfach meine Wohnungstür eintreten darf, sollte sie auch nicht meine Gedanken ausspähen dürfen.

SZ: Könnte der Zugriff aufs Gehirn nicht auch vertretbare Vorteile bieten?

Metzinger: Terroristen könnten entlarvt oder unschuldig Verurteilte rehabilitiert werden. Es bleibt ein Dilemma: Wie würde sich unser Selbstverständnis als Bürger verändern, wenn es Formen des politischen Widerstandes wie die vorsätzliche Falschaussage nicht mehr gäbe?

SZ: Interessant wäre es auch, Wahlkampfkandidaten in der TV-Diskussion zu überwachen.

Metzinger: Ein scherzhaftes Gedankenexperiment aus meinem Buch. Ich bin grundsätzlich immer für mehr Transparenz, etwa beim Bankgeheimnis. Die Frage ist nur: Wann führt Transparenz zum Zusammenbruch, wie viel Verlogenheit brauchen wir? Unsere Alltagskommunikation besteht wahrscheinlich mehr aus vorsätzlicher Täuschung, als wir es uns eingestehen wollen.

SZ: Was halten Sie von der Hoffnung, potentielle Verbrecher vor der Tat per Hirnscanner zu entdecken?

Metzinger: Das ist ein problematisches Szenario: Angenommen, wir könnten eine Veranlagung für die antisoziale Persönlichkeitsstörung diagnostizieren, die - zusammen mit wichtigen Umweltfaktoren - dafür sorgt, dass Menschen zu Gewalttätern werden, bei hoher Intelligenz aber vielleicht auch beruflich besonders erfolgreich.

Zweitens ergäbe sich, dass nur eine rechtzeitige Therapie vor der Pubertät diese Entwicklung verhindern und somit den Gesamtschaden für die Gesellschaft mindern könnte - potentielle Opfer und zukünftige Täter könnten profitieren. Es könnte manchen als rational erscheinen, in die Schulen zu gehen und alle Zwölfjährigen zu scannen.

SZ: Zu Recht?

Metzinger: Wer von uns wollte in so einer Welt leben? Ich denke, hier wären Individualrechte und die Würde des Menschen tangiert. Aber: Denkt Herr Sarrazin das auch?

SZ: Hilft die ethische Diskussion bei den Fragen der Neurotechnologie?

Metzinger: Ich sehe momentan wenig echten Erkenntnisfortschritt. Die Grundstandpunkte sind formuliert, es gibt Debatten und medialen Hype. Klare Handlungsrichtlinien für die Politik fehlen.

SZ: Glauben Sie ernsthaft, Richtlinien oder Gesetze werden die Verbreitung von Neurotechnologie behindern?

Metzinger: Die Geschichte zeigt, dass sich Proliferation nur schwer begrenzen lässt. Diktaturen, das Militär oder der amerikanische Geheimdienst werden alles ausprobieren, was ihnen in die Finger kommt. Auch das organisierte Verbrechen liest heutzutage die wissenschaftlichen Fachzeitschriften.