SZ: Die Muscheln hatten also einen Wert für die Neandertaler.
Der Urgeschichtler Nicholas Conard von der Universtität Tübingen. (© Foto: AP)
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Conard: Ja, mit Sicherheit. Man schleppt nichts völlig zwecklos durch die Gegend.
SZ: Welche Bedeutung könnten die Schmuckstücke gehabt haben, dienten Sie dazu, ein Mitglied einer Sippe besonders hervorzuheben?
Conard: Das ist denkbar. Aber dafür brauchen wir mehr Funde. Diese wenigen Muscheln sind höchstens ein Einstieg in die Thematik. Wenn Zilhão Recht hat, müsste er, wenn er systematisch sucht, bald weiteren Schmuck finden.
SZ: Könnten die Schmuckstücke eine religiöse Bedeutung gehabt haben?
Conard: Das ist eine schwierige Debatte. Ich wundere mich manchmal, wir reden über Menschen, die vor 50.000 Jahren gelebt haben, in ganz unterschiedlichen Regionen und unter verschiedenen Bedingungen. Das ist, als würde man heute fragen: Was halten Sie von bestimmten Verhaltensformen des modernen Menschen? Da muss man doch wissen: Reden wir von Menschen aus Tokio, Schanghai, München oder von Kalahari-Buschmännern oder Aborigines? Die materielle Kultur entsteht aus einem konkreten Zusammenhang. Neandertaler haben auf viele Weisen gelebt, es gab viele Methoden, sich an die Umgebung anzupassen.
SZ: Sie haben im vergangenen Jahr eine fast 40.000 Jahre alte Venusfigur gefunden, ein wunderbares Objekt. Wie würden Sie die Leistung dahinter im Vergleich zu einer bemalten Muschel erklären?
Conard: Die Muscheln sind natürliche Gegenstände, die Menschen haben sie nur leicht verändert, also bemalt. Die Venus von Hohle Fels hat eine eigene Formgebung, sie trägt vermutlich ein ganzes Universum von Informationen, die von uns auch teilweise entziffert werden können. Fruchtbarkeit und Sexualität kommen darin zum Beispiel zum Ausdruck. Die Qualität und Menge an Informationen ist sehr viel größer.
SZ: João Zilhão hat natürlich seine Objekte auch genau angeschaut. Ein Farbstoff in einer Muschel könnte auch als Schminke gedient haben, er hat das gelbe Mineral analysiert. Es tauchte auch im Alten Ägypten in Kosmetik auf, man habe den Stoff auch in Mumien gefunden.
Conard: (lacht) Ich würde das nicht überinterpretieren. Neandertaler haben Pigmente in der Bestattung verwendet. Natürlich gönne ich den Neandertalern auch Kosmetik, wenn die Forscher das beweisen können. Das ist meist schwer. Nur weil sie zum Beispiel irgendwo eine Pflanze finden, die halluzinogene Wirkung haben, ist das kein Beleg für eine Drogenkultur in einer Gesellschaft. Einen Beweis haben wir erst, wenn wir sich wiederholende Muster an unterschiedlichen Orten finden.
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(SZ vom 12.01.2010/beu)
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... und keineswegs "doof" oder "emotionslos" oder "ohne Sinn für Ästhetik" oder gar "gewalttätig" etc.