Naturwissenschaft und Religion Glaube und Evolution, passt das zusammen?

Viele Gläubige lehnen die Erkenntnis ab, dass Menschen und Menschenaffen sich aus gemeinsamen Vorfahren entwickelt haben.

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Dass Menschen und Affen gemeinsame Vorfahren haben, lehnen viele Muslime und Christen ab. Doch es gibt in beiden Glaubensrichtungen Theologen und Naturwissenschaftler, die das für sich vereinbaren.

Essay von Markus C. Schulte von Drach

Unter Naturwissenschaftlern gibt es kaum etwas, das weniger umstritten wäre als die Evolutionstheorie. Seit Charles Darwin sie im 19. Jahrhundert vorgestellt hat, haben Forscher aus den verschiedensten Fachgebieten die Mechanismen der Entstehung der Arten immer weiter aufgedeckt.

Noch sind nicht alle Fragen beantwortet, vieles ist noch unverstanden. Aber nach und nach fügen sich die wachsenden Erkenntnisse der Biologen in diese Theorie ein. Wer etwas entdecken würde, das sie widerlegt, wäre ein sicherer Kandidat für den Nobelpreis.

Und doch lehnen sehr viele Menschen die Evolutionstheorie ab. Es sind jene Gläubigen, die überzeugt davon sind, dass die Erde und das Leben, so wie es derzeit existiert, von Gott geschaffen wurden. Andere zeigen sich aufgeschlossener, halten jedoch an dem Glauben fest, dass Gott zumindest lenkend eingegriffen hat, damit schließlich der Mensch entstand. Doch auch das widerspricht der Evolutionstheorie, für die der Faktor Zufall eine grundlegende Rolle spielt. Das lässt sich nur schwer mit einem Plan Gottes vereinbaren.

Trotzdem gibt es gläubige Muslime und Christen, die davon überzeugt sind, dass sich ihr Glaube wirklich mit der Evolutionstheorie vereinbaren lässt.

Widerstand gegen die Evolutionstheorie weltweit

Besonders stark ist die Ablehnung der Evolutionstheorie in den USA verbreitet. Zwei Drittel bis drei Viertel der Bevölkerung sind überzeugt, dass Gott den Menschen entweder erschaffen oder seine Entwicklung gesteuert hat.

Auch in Deutschland zeigten sich 2009 in einer Umfrage 20 Prozent überzeugt davon, dass der Mensch "von Gott geschaffen wurde, wie es in der Bibel steht", fast ebenso viele waren sich nicht sicher.

Besonders groß ist die Gruppe derjenigen, die die Evolutionstheorie ablehnen, unter den Muslimen, berichtet der Lehrer für islamische Religion, Turgut Demirci. Die große Mehrheit "erachtet die Evolutionstheorie nicht nur als falsch, sondern auch als mit dem Koran unvereinbar", so der Österreicher in seiner Magisterarbeit. Dass einer Umfrage des Pew Research Center zufolge relativ viele Muslime von einer "Entwicklung" des Menschen ausgehen, liegt ihm zufolge daran, dass nicht danach gefragt wurde, ob der Mensch aus gemeinsamen Vorfahren mit anderen Tieren entstanden ist. Dann wäre das Resultat ein anderes gewesen, so Demirci.

Hadi Schmidt-El Khaldi vom Liberal-Islamischen Bund in Deutschland vermutet, dass weltweit sehr viele Muslime in Entwicklungsländern Analphabeten sind oder nur eine geringe Schulbildung haben und sich deshalb keine klare Vorstellung von der Evolutionstheorie machen könnten. In Deutschland und Österreich werde dagegen an Schulen und Unis die Basis dafür geschaffen, sie in eine muslimische Weltanschauung zu integrieren.

Doch auch hier, sagt Demirci, hätten die meisten muslimischen Schüler eine ablehnende Haltung von ihren Eltern oder aus den Moscheegemeinden übernommen. Anders als der christliche Religionsunterricht vermittle der islamische Unterricht den Schöpfungsbericht als Tatsache. Anstatt den Schülern zu helfen, die biologischen Erkenntnisse mit ihrem Glauben in Einklang zu bringen, würden sie dazu gebracht, eine irrationale Abwehrhaltung gegenüber den modernen Wissenschaften zu entwickeln oder Widersprüche unkritisch hinzunehmen.

Glaube und Wissenschaft mit unterschiedlichen Aufgaben

Demirci weiß, wovon er spricht. Der ausgebildete Imam gehörte vor einigen Jahren noch selbst zur Mehrheit derjenigen, die die Evolutionstheorie ablehnen. Dann beschäftigte er sich an der Universität Wien mit der Frage nach der Vereinbarkeit der Evolutionstheorie und seinem Glauben - und kam zu dem Schluss: Zwischen dem Islam und der naturwissenschaftlichen Theorie von der Entstehung der Arten besteht kein Widerspruch.

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Gläubige Muslime, so sagt er heute, könnten die Evolutionstheorie problemlos akzeptieren. Sie müssten dazu lediglich erkennen, dass Religion und Wissenschaft ganz verschiedene Ansprüche und Ziele hätten.

Wissenschaftliche Forschung müsse Gott als Faktor grundsätzlich außen vor lassen: Nicht, weil er nicht existiere, sondern weil Gottes Wirken sonst für jedes noch nicht verstandene Phänomen als Erklärung gelten könnte. Übernatürliche Erklärungen zuzulassen würde zum Stillstand im Forschungs- und Wissenschaftsbetrieb führen. Wissenschaftler müssten deshalb versuchen, die Wirklichkeit mit rationalen Methoden zu untersuchen und zu erklären.

Die Erzählungen der Schriftreligionen dagegen sollen sinnstiftend sein, so Demirci. Der Schöpfungsbericht des Koran sowie der Bibel müsste als eine Erzählung aufgefasst werden, mit der den Menschen ihre Endlichkeit, ihr Daseinszweck und ihre Verantwortung gegenüber Gott verdeutlicht werden solle. "Der Koran hat überhaupt nicht den Anspruch, [...] irgendwelche wissenschaftlichen Informationen zu vermitteln", zitiert Demirci den türkischen Professor für Koranexegese, Mustafa Öztürk von der Çukurova-Universität Adana. Er greife lediglich auf das Wissen und auf die Vorstellungen der Zeitgenossen Mohammeds zurück, um religiöse Lehren zu vermitteln, so Demirci.

Historische Ursachen für die Ablehnung der Evolution

Das vorherrschende Weltbild unter Muslimen ist aber noch immer stark geprägt durch Überzeugungen von Religionsgelehrten wie dem bis heute einflussreichsten islamischen Theologen Muhammad al-Ghazali (Algazel). Er lehrte im 11. und 12. Jahrhundert, der Koran enthielte schon sämtliches Wissen. Selbst Fächer wie Arithmetik und Geometrie bargen für ihn die Gefahr, sich in Sünden zu verstricken.

In Bezug auf die Evolutionstheorie bekamen das noch die spätosmanischen Akademiker zu spüren, die Darwins Erkenntnisse im 19. Jahrhundert aus dem Westen in ihre Heimat brachten. Gegen den Widerstand der Theologen und Intelektuellen konnte sich die Theorie nicht durchsetzen. In der Türkei etwa wurde sie im modernen Biologieunterricht zwar besprochen, von den meisten Türken jedoch abgelehnt. Jetzt steht sie gar nicht mehr auf dem Lehrplan.

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Die Evolutionstheorie sei für Schüler zu kontrovers und kompliziert, hieß es aus dem Bildungsministerium. Darwins Beobachtungen sollten erst an der Uni thematisiert werden. mehr ...

Selbst die meisten muslimischen Gelehrten, die für die Evolutionstheorie eintreten, versuchen Demirci zufolge, eine spezielle, "islamtaugliche" Form zu entwickeln. So schreiben sie Gott die Rolle eines Lenkers zu, der in die Entwicklung der Arten eingreife, wie es ihm gefalle - was dem naturwissenschaftlichen Ansatz widerspricht.

Nicht überlappende Kompetenzgebiete

Die Vorstellung, Wissenschaft und Religion als zwei voneinander getrennte Kompetenzgebiete zu betrachten, wie es Demirci vorschlägt, ist nicht neu. Vor fast genau 20 Jahren etwa erklärte der amerikanische Paläontologe Steven Jay Gould, auf diese Weise ließen sich Konflikte zwischen beiden Gebieten vermeiden. Anlass war eine Erklärung von Papst Johannes Paul II. im Jahr zuvor, in der die katholische Kirche die Idee von der Evolution als wissenschaftliche Theorie erstmals offiziell anerkennt.

Unter Rückgriff auf eine Formulierung von Galileo Galilei zeigte sich Gould überzeugt, dass Wissenschaft und Religion als "nicht überlappende Lehrbereiche" völlig problemlos nebeneinander bestehen könnten. Die Nationale Akademie der Wissenschaften der USA unterstützte Goulds Ansicht.

Anfang des 17. Jahrhunderts hatte der italienische Astronom Galilei darauf hingewiesen, dass es "die Absicht des Heiligen Geistes ist, uns zu lehren, wie man in den Himmel kommt, nicht wie der Himmel sich bewegt". Letzteres herauszufinden sah Galilei als Aufgabe der Wissenschaftler an.

Zweifel am möglichen Nebeneinander

Doch manche Wissenschaftler sind nicht überzeugt, dass sich diese Trennlinie klar ziehen lässt. Der Evolutionsgenetiker H. Allen Orr von der Universität von Rochester wies etwa darauf hin, dass hinter den religiösen Antworten auf die Fragen nach Lebenssinn und Moral immer noch auch der Glaube daran steht, dass etwas Überirdisches auf die Welt einwirke.

Wenn das aber der Fall ist - wenn also durch die Hand Gottes in unserer Welt Wunder geschehen, wie die großen Religionen sagen -, begibt Gott sich in jenen Bereich, der naturwissenschaftlich überprüfbar ist, meint der britische Evolutionsbiologe und Religionskritiker Richard Dawkins von der Universität Oxford.

Selbst das Feld der Moral wollen manche nicht den Religionen allein überlassen. "Die bloße Tatsache, dass wir uns einig sind über moralische Grenzen, die jeden Anspruch auf religiöse Freiheit übertrumpfen - wir würden keiner Religion Menschenopfer erlauben -, zeigt, dass wir der Religion nicht die letzte Entscheidungsgewalt über moralische Regeln überlassen", entgegnete der amerikanische Philosoph Daniel Dennett dem Biologen Gould.