Von Marcus Anhäuser

Artenschutz-Projekte sind oft sehr aufwendig - und manchmal sogar unsinnig.

Warum haben Pinguine keine Angst vor Eisbären? Weil sie ihnen nie begegnen. Sie leben nämlich in der Antarktis, der Eisbär am Nordpol.

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Um die afrikanische Megafauna zu retten, will ein Biologe Löwen, Elefanten und Kamele aus Afrika und Asien in die Prärien Nordamerikas verfrachten. (© Foto: dpa)

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Dieser alte Witz kommt einem bei dem Projekt von Josh Donlan von der Cornell University in Ithaka in den Sinn: Um die afrikanische Megafauna zu retten, will der Biologe Löwen, Elefanten und Kamele aus Afrika und Asien in die Prärien Nordamerikas verfrachten (Nature, Bd.436, S.913, 2005).

Politische Probleme und die Bevölkerungsexplosion machten einen effektiven Artenschutz in den meisten afrikanischen Staaten unmöglich, schreibt Donlan in Nature. Deshalb sei es besser, die Tiere dorthin zu bringen, wo es künftig immer weniger Menschen geben wird, wie in den Great Plains der USA.

Im Pleistozän seien schon einmal viele Großsäuger über die Grassteppen Nordamerikas gestreift. Erst vor etwa 13.000 Jahren hätten der Mensch und das wärmere Klima des Holozäns Arten wie dem Mammut, dem riesigen Breitstirnbison oder dem Amerikanischen Geparden den Gar aus gemacht. "Wenn wir nichts unternehmen, stirbt die Megafauna Afrikas und in Nordamerika werden Ratten und Löwenzahn die Landschaft beherrschen," verteidigt Donlan seine Idee.

Grauwale auf Flugreise

Einen nicht weniger verwegenen Vorschlag machen Andrew Ramsey und Owen Nevin von der britischen University of Central Lancashire. "Wir wollen 50 Grauwale von der kalifornischen Pazifikküste in die Irische See einfliegen, um dort eine neue Population aufzubauen", verkündeten die Forscher im Juli auf der Welt-Naturschutz-Konferenz in Brasilien.

Im Meeresgebiet zwischen den britischen Inseln gibt es seit 400 Jahren keine Grauwale mehr. Walfänger haben die bis zu 40 Tonnen schweren Meeressäuger ausgerottet.

Auch bei kleineren Projekten greifen Naturschützer oft zu ungewöhnlichen Maßnahmen, um eine vom Aussterben bedrohte Art zu retten. So kämpfen Biologen angesichts schwindender Sandtigerhai-Bestände in australischen Gewässern um jeden einzelnen Embryo.

Sie operieren die sich entwickelnden Junghaie aus den trächtigen Weibchen heraus, um zu verhindern, dass diese sich noch vor der Geburt im Körper der Mutter gegenseitig kannibalisieren. Handelt es sich bei solchen Projekten um sinnvollen Artenschutz oder sind es lediglich verrückte Ideen?

Nach Ansicht der meisten Wissenschaftler kann es durchaus gerechtfertigt sein, großen Aufwand zu betreiben, um eine einzelne Art zu retten. "Vorrang bei solchen Projekten hat aber, die Arten in ihrem natürlichen Areal zu schützen", sagt Doris Eberhardt von der Umweltschutzorganisation Bund.

Bei Großprojekten wie den "Fliegenden Walen" oder "Re-Wilding Nord-Amerika" schütteln Vertreter der Naturschutzorganisationen nur mit dem Kopf: "Solche Vorschläge offenbaren eine sehr schlichte Vorstellung von dem, was ein Ökosystem überhaupt ist", sagt Jean-Christophe Vié von der Welt-Naturschutz-Union IUCN.

Das einzig Gute daran sei vielleicht, dass die Menschen über das Thema Naturschutz reden, wenn sie von solch spektakulären Aktionen hören. Statt neue Arten in den USA anzusiedeln, wäre es seiner Meinung nach besser, sich um dort heimische Arten zu kümmern wie das Bison oder den Wolf.

Volker Homes vom WWF Deutschland hielte es für sinnvoller, "die afrikanische Bevölkerung darin zu unterstützen, dass sie zusammen mit der Natur leben kann". Und Grauwale im Nordatlantik wüssten in dem für sie völlig fremden Ökosystem nicht einmal, was sie fressen sollten.

Dass menschliche Fürsorge und technischer Aufwand eine vom Aussterben bedrohte Art tatsächlich in letzter Minute retten können, zeigt das Beispiel des Arabischen Oryx. Kurz bevor diese Antilopenart ausstarb, wurden die letzten Individuen eingesammelt und auf Farmen in Kenia gehalten, vermehrt und erfolgreich ausgesetzt.

Oder das Wisent: "Es gab nur noch einige Dutzend Wisente. Die hat man in Tierparks vermehrt und semiwild gehalten.", sagt Homes. Heute weiden wieder wilde Wisente in Polen und auch in Russland.

Der Bund plant derzeit ein spektakuläres Projekt zur Rettung der Zwerggans mit Hilfe von Ultraleichtflugzeugen. Weil die Tiere in Osteuropa gejagt werden, will man die Tiere umleiten. Sie sollen eine sichere Zugroute von Skandinavien in den Süden lernen, die früher von Zwerggänsen genutzt wurde: "Dafür sollen Zuchttiere in Lappland ausgebrütet und dann auf Ultraleichtflugzeuge geprägt werden", erklärt Doris Eberhardt das Vorhaben.

Die Miniflugzeuge sollen die Gänse dann sicher von Schweden über Dänemark und Deutschland an den Niederrhein führen. In einem Pilotprojekt wird getestet, ob der Flug von Lappland nach Deutschland machbar ist und ob die Gänse zurückkehren. Im Hauptprojekt sollen dann mehrere Ultraleichtflugzeuge vier Jahre lang jeweils einhundert Gänse gen Süden führen.

Abgesehen von solch öffentlichkeitswirksamen Vorzeigeprojekten gibt es auch zahlreiche andere, die wenig attraktiv sind: "Es gibt Projekte, die können wir der Bevölkerung nicht plausibel machen, dafür bekommen wir keine müde Mark an Spenden," sagt Homes. Um aber die genetische Zukunft vieler Arten zu retten, müssen auch vermeintlich unattraktive Arten geschützt werden, die man nicht streicheln oder im Safaripark beobachten kann. Jede Art sei ein Knoten im ökologischen Netz und damit schützenswert.

Um genug Spendengeld zu bekommen, müsse man bei der jährlichen Planung aber auf Projekte achten, die sich leicht vermitteln lassen.

Pleistozän-Park in Sibirien

Josh Donlan und sein Kollege Harry Green plädieren für einen aktiveren Naturschutz: "Es kann doch nicht so weiter gehen. Diesen eher passive Ansatz, die Hände möglichst weg zu lassen, könne wir nicht länger akzeptieren", schreiben sie in Nature.

Sie verweisen auf ihren russischen Kollegen Sergey Zimov, der ein ähnliches Projekt plant. In der Fachzeitschrift Science (Bd. 308, S.796, 2005) veröffentlichte er vor zwei Monaten die Idee eines Pleistozän-Parks im nordsibirischen Jakutien.

Allerdings will er nur wenig exotische Tiere wie den kanadischen Bison oder den Amurtiger einführen. Donlan und Green sind begeistert von solchen aktiven Ansätzen. Sie wollen eingreifen, aus Angst, dass ihnen die Zeit wegläuft.

Dass die Zeit tatsächlich knapp wird, belegen neueste Studien: Infolge der weltweiten Klimaveränderung prognostizieren Wissenschaftler in den nächsten Jahrzehnten Artenverluste zwischen 15 und fast 40 Prozent weltweit.

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(SZ vom 21.9.2005)