Naturschutz Drohung mit dem Bohrturm

Der Artenreichtung im Yasuní-Nationalpark in Ecuador ist außergewöhnlich. Doch nur gegen Geld soll das Gebiet unangetastet bleiben. Denn dort gibt es Öl.

Von Daniel Lingenhöhl

Es ist ein Paradies und eines der letzten Refugien des Planeten. Im Regenwald von Ecuador leben noch etwa 50 indigene Stämme ohne Kontakt zur westlichen Zivilisation - zum Beispiel am Rio Napo, einem Nebenfluss des Amazonas. Dort leben der Stamm der Taromenane und einige Waorani isoliert im Yasuní-Nationalpark. Das Gebiet steht unter strengem Schutz: In dem Nationalpark gibt es einen Artenreichtum, der selbst für tropische Regenwälder außergewöhnlich ist.

"Die Regenwälder am Rio Napo halten mehrere Weltrekorde - etwa die Zahl ihrer Bäume oder Amphibien -, obwohl sie nur ansatzweise erforscht sind", sagt der amerikanische Biologe Clinton Jenkins von der Duke-Universität über die Region. Auf nur einem Hektar wachsen hier 220 Baumarten - mehr als in Kanada und den USA zusammen. Im gesamten Reservat, das nur halb so groß ist wie Sachsen, zählten Forscher bislang 4000 Pflanzen- und 570 Vogelarten.

Der Staat Ecuador behandelt dieses Paradies nun als Verhandlungsmasse, als Faustpfand gegenüber dem industrialisierten Westen. Das Gebiet ist für das arme südamerikanische Land wirtschaftlich von außergewöhnlicher Bedeutung: Im Boden unter dem Yasuní-Nationalpark lagert Erdöl. 920 Millionen Barrel sollen dort liegen. Mit dieser Menge ließe sich elf Tage lang der Erdölbedarf der ganzen Welt bedienen.

Den Rohstoff so zu fördern, dass Natur und indigene Bevölkerung nicht beeinträchtigt werden, ist eine Illusion. Statt dessen versucht die Regierung von Ecuadors Präsident Rafael Correa auf eine andere Weise Umweltschutz und Profit für sein Land in Einklang zu bringen: "Wir können das Öl im Boden lassen. Die internationale Gemeinschaft muss aber unsere arme Nation für dieses große Opfer entschädigen", verkündete Correa im Juni 2007.

Über 13 Jahre hinweg soll die Hälfte der erwarteten Einnahmen nach Ecuador fließen: 350 Millionen Dollar jährlich für soziale und ökologische Projekte oder alternative Energien. Ein weiterer Teil der geforderten Summe könnte zudem in einem Schuldenerlass erbracht werden und von Stiftungen oder Einzelpersonen kommen, so Correa.

Der Vorschlag der ecuadorianischen Regierung kam erst durch Proteste von Umweltschützern und Nicht-Regierungsorganisationen zustande. Das Überleben der indigenen Völker wie der Taromenane und Waorani sei akut gefährdet, warnte Guadalupe Rodríguez, die für die Hamburger Organisation "Rettet den Regenwald" in Ecuador aktiv ist: "Die Regierung hat das Amazonas-Tiefland bereits großflächig in Konzessionen aufgeteilt - auch den Yasuní-Nationalpark." Für die Indios könne die Ölförderung den Tod bedeuten, befürchtet Rodríguez.

Erfahrungen aus der Zeit, in der US-Konzern Chevron-Texaco in Ecuador Öl gefördert hat, nähren die Bedenken: "Zwei Völker - die Tetete und die Sansahuari - wurden durch die Aktivitäten des Konzerns ausgelöscht. Heute existieren sie nur noch als Namen zweier Ölfelder", sagt Rodríguez. Das Unternehmen hat sich mittlerweile aus Ecuador zurückgezogen, die ökologischen Altlasten - verseuchte Landstriche - sind zurückgeblieben. Seit Jahren läuft deshalb eine Klage vor Gericht.

Damit dem Yasuní-Nationalpark und seinen Menschen nicht das gleiche Schicksal droht, formierte sich Widerstand: Aktivisten blockierten Straßen, Indianer protestierten in der Hauptstadt Quito, Wissenschaftler appellierten an Ecuadors Präsidenten Correa, den Park nicht anzutasten. Der Vorschlag Correas, einen internationalen Fonds einzurichten, wird von der Protestbewegung unterstützt.

Testfall für die Welt

Eigentlich stehen die Kurse für einen derartigen Handel gut, schließlich wird dem Schutz von Urwäldern auf Klimakonferenzen mittlerweile hohe Priorität eingeräumt. Unter dem Titel REDD (Reduce Emissions from Deforestation in Developing Countries) soll natürlichen Wäldern ein Wert beigemessen und ihren Nationen als Kohlenstoff-Kredite gutgeschrieben werden. Klimasünder kaufen diese auf, im Gegenzug verpflichtet sich der Verkäufer, den Wald zu schützen.

Einige Staaten signalisierten Interesse, an dem Vorschlag der Regierung Ecuadors. "Norwegen, Spanien, Italien und Deutschland haben Unterstützung versprochen, aber noch kein Geld fest zugesagt", sagt Clinton Jenkins, der die Folgen des Ölbooms in Amazonien untersucht. Ecuador seinerseits macht Druck: Bis Juni 2008 solle das Geld zusammenkommen hieß es erst, sonst würden die Konzessionen für die Erdöl-Bohrungen freigegeben.

Viele potentielle Geldgeber betrachteten diese knapp gesetzte Frist als Erpressung - zumal Correas Regierung bisweilen einen Zickzackkurs fuhr: "Ecuador hat immer wieder die Bedingungen geändert und die Verantwortlichen ausgetauscht. Zudem konnte oder wollte die Regierung nicht endgültig garantieren, wie sie den Park umfassend schützt", sagt Jenkins.

Auf Drängen der deutschen Regierung verlängerte das Land die Frist nun immerhin bis Jahresende, damit offene Fragen geklärt werden können. "Sollte dies scheitern, dürfte bald Öl aus dem Yasuní gepumpt werden", sagt Jenkins.

Ein fatales Signal, denn das käme einem Startschuss für die Nachbarländer gleich: Auch Peru will große Teile Amazoniens für die Öl- und Gasförderung freigeben. "Mehr als 70 Prozent des Territoriums befinden sich bereits unter der Lizenz von Energieunternehmen. Diese Aussichten treiben die Rodungen an und die Indianer aus dem Land", sagt David Hill von der britischen Gruppe "Survival International", die sich für den Schutz der Ureinwohner einsetzt.

Auch Clinton Jenkins und Guadalupe Rodríguez fürchten diese Konsequenzen: "Der Fall Yasuní ist ein Testfall für die Weltgemeinschaft. Finden wir keine ernsthafte Antwort auf Ecuadors Vorschlag, signalisiert dies deutlich: Wir sind immer noch nicht bereit, angemessen für den Natur- und Klimaschutz zu zahlen."