Naturkatastrophe Als der Berg in den See fiel

Die eindringlichste Warnung jedoch erhielt die SADE am 3. Juli 1962 von Wasserbauingenieuren. Laborexperimente mit einem Wassertank hatten ergeben, dass das Wasser des Sees nach einem Bergsturz über die Staumauer treten und Siedlungen im Tal überfluten würde. Doch die Firma hielt den Bericht geheim, der Weg war frei für die Fertigstellung des Projektes. Im April 1963 erteilte das Ministerium die Genehmigung, den Stausee endgültig zu füllen.

Der Ort der Katastrophe aus einer anderen Perspektive.

(Foto: Foto: sueddeutsche.de/Google Earth)

"Alles unter Kontrolle"

Was danach im Berg geschah, haben Emmanuil Veveakis und seine Kollegen nun minutiös nachvollzogen. Dazu fügten sie die bekannten Ereignisse und geologische Informationen zusammen und ließen den Kollaps am Computer in Zeitlupe ablaufen. Während sich der Stausee allmählich füllte, begann der Berg zu vibrieren. Im August setzte sich die Flanke merklich in Bewegung. Am 3. September erschütterte dann ein heftiges Erdbeben das Vajont-Tal. "Alles unter Kontrolle", beruhigte der Bürgermeister eines Dorfes im Tal die Anwohner.

Am 15. September ruckte die gesamte Flanke am Toc um 22 Zentimeter nach unten. Damit wurde das Argument der SADE widerlegt, das Gestein würde im Ernstfall nicht auf einmal ins Wasser fallen. Die Verantwortlichen sahen ein, dass sie das Projekt stoppen mussten.

Sie glaubten jedoch, dass sie nur das Wasser abzulassen brauchten, um die Rutschung zu stoppen. Doch auch nachdem die Schleusen geöffnet wurden, bewegte sich die Flanke weiter, bis sie am 9. Oktober 1963 vollständig in den Stausee fiel. In den Tagen vor der Katastrophe war die Bewegung der Landschaft deutlich erkennbar. Bäume, Zäune und Straßen wurden von dem abrutschenden Boden talwärts gezogen.

Ein Hang auf dem Luftkissen

Emmanuil Veveakis und seine Kollegen konnten nun klären, warum der entscheidende Rettungsversuch scheiterte. Die stete Reibung der Gesteine habe eine Tonschicht unter der Flanke stark aufgeheizt, schreiben die Forscher.

Drei Wochen vor der Katastrophe wurde die Hitze so groß, dass sich unter dem Gestein ein heißes Luftkissen bildete wie unter einem Dampfbügeleisen. Auf diesem Hitzekissen beschleunigte sich die Masse. Schließlich wurde die Bergflanke nur noch von einzelnen Tonmolekülen gehalten, die aneinander hafteten wie Klettverschlüsse.

Am 9. Oktober 1963 um 22 Uhr 39 jedoch sprengte heißes Wasser diese Verbindungen bei einem sogenannten thermoplastischen Kollaps. Die Bergflanke rutschte mit fast 100 Kilometern pro Stunde zu Tal und stürzte in den Stausee. Das Wasser schoss über die Staumauer.

Es trieb einen Sturm vor sich her, der Menschen im Tal die Haut vom Körper riss. Die Flutwelle löschte fünf Dörfer komplett aus, andere wurden zu großen Teilen zerstört. Im Städtchen Longarone gab es die meisten Opfer.

In Dutzenden Gerichtsprozessen wurde die Katastrophe in den folgenden Jahrzehnten verhandelt. Den Opfern wurde Schadenersatz von insgesamt 22 Milliarden Lire - heute etwa elf Millionen Euro - zugesprochen. Mehrere Verantwortliche wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt.