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Naturkatastrophe Als der Berg in den See fiel

Ein ehrgeiziges Staudamm-Projekt in Italien tötete 1963 fast 2000 Menschen - jetzt haben Geologen die Abläufe von damals im Detail rekonstruiert.
Axel Bojanowski

Es war eine der größten Naturkatastrophen, die sich je in Europa ereignet haben. Am 9. Oktober 1963 löste sich in den italienischen Alpen eine 270 Millionen Tonnen schwere Flanke von dem Berg Monte Toc. Geröll und Steine rutschten in den Vajont-Stausee.

Ein Blick aus der Luft auf den Ort des Unglücks.

(Foto: Foto: sueddeutsche.de/Google Earth)

Der Aufprall setzte eine Energie frei, die jener von drei Hiroshima-Atombomben vergleichbar ist. 25 Millionen Tonnen Wasser schwappten über den Staudamm, eine 160 Meter hohe Flutwelle vernichtete fünf Dörfer im Tal. Fast 2000 Menschen starben. Nun endlich, über 40 Jahre nach der Katastrophe, stehen die Ereignisse von Vajont vor der endgültigen Aufklärung.

Der Bergrutsch löste einen der größten Skandale der italienischen Geschichte aus. Jahrelang hatten Geschäftsleute, Politiker und Wissenschaftler Alarmsignale am Berg ignoriert. Mit aller Kraft sollte der Bau eines riesigen Wasserkraftwerkes vorangetrieben werden. Warnungen einzelner Experten blieben unbeachtet.

Streit noch bis 1997

Noch bis 1997 stritten Angehörige der Opfer und Menschen, die ihre Häuser verloren hatten, mit dem italienischen Staat vor Gericht um Entschädigungszahlungen. Abertausende Beweisstücke wurden zusammengetragen: Dokumente, Zeugenaussagen und Untersuchungsergebnisse.

Eine Studie liefert nun die letzten fehlenden Details. Forscher um Emmanuil Veveakis von der Technischen Universität Athen haben den Bergrutsch am Computer minutiös nachvollzogen ( Journal of Geophysical Research, Bd. 112, S. F03026, 2007). Ihre Studie sei auch als Warnung zu verstehen: Ähnliches könne auch an anderen Alpenhängen geschehen. Die Experten fordern, Überwachungsanlagen zu installieren.

Die Katastrophe von Vajont begann mit Betrug. Die Adriatische Elektrizitätsgesellschaft SADE hatte in den 1930er-Jahren beantragt, ein Wasserkraftwerk in den Bergen 100 Kilometer nördlich von Venedig bauen zu dürfen. Die Firma plante eine abenteuerliche Architektur, wie sie zuvor niemand gewagt hatte: In einem steilen Alpental wollte sie das Wasser mehrerer Flüsse stauen, der Vajont-Staudamm ist noch heute mit 261 Metern der höchste seiner Art.

Doch bereits bei der Genehmigung des Bauwerkes ging es nicht mit rechten Dingen zu. Am 15. Oktober 1943 erteilte das zuständige Ministerium der SADE die Bauerlaubnis, obwohl nicht genügend Stimmberechtigte anwesend waren.

Die SADE trieb das Projekt mit Entschiedenheit voran. Hunderte Familien wurden enteignet und umgesiedelt. Der Bau der Staumauer begann 1956, noch bevor die Regierung zugestimmt hatte. Einspruch der Politik hatte die SADE nicht zu befürchten. Im Gegenteil: Das Ministerium berief als Sachverständige Geologen, die auf der Lohnliste der SADE standen.

Bald stellte sich heraus, dass ihre Expertise unvollständig war. Während der Bauarbeiten rissen an den Hängen über dem Tal Straßen auf. Hastig wurde nach einem geologischen Gutachten gesucht. Doch nur die Flanken unterhalb der geplanten Staumauer waren geologisch analysiert worden. Für die Hänge fehlte ein Gutachten.

Klage gegen Kritiker

Drei Jahre nach Beginn der Bauarbeiten wurden endlich weitere Experten mit Erkundungen beauftragt. Der Österreicher Leopold Müller erkannte als Erster, dass eine Katastrophe drohte: Der Geologe identifizierte eine 600 Meter dicke und zwei Kilometer weite M-förmige Rutschmasse auf dem Monte Toc. Doch Müllers Warnung fand kaum Gehör bei den Verantwortlichen, andere Experten widersprachen. Der Bergrücken bestehe aus kompaktem, stabilem Gestein, erklärte zum Beispiel der Geophysiker Pietro Caloi.

Vor allem der Chef-Ingenieur des Vajont-Staudamms, Carlo Semenza, blieb starrsinnig. Er ließ sich selbst dann nicht beeindrucken, als sein Sohn Edoardo Semenza - selbst Geotechniker - die Planungen in Frage stellte. Dieser verschärfte sogar die Warnung von Leopold Müller: Edoardo Semenza hatte entdeckt, dass sich 200 Millionen Kubikmeter Gestein auf dem Berg unmerklich talwärts bewegten. Seine Schätzung kam der schließlich abgestürzten Gesteinsmenge ziemlich nahe.

Vater Semenza versuchte dennoch, seinen Sohn zu bewegen, die Aussagen abzuschwächen. Doch der weigerte sich. So beschlossen die SADE und Politiker, das nicht genehme Gutachten unter Verschluss zu halten und zu ignorieren. Gegner des Projektes wurden von den öffentlichen Stellen verfolgt: Die Journalistin Tina Merlin etwa, die in einem Zeitungsartikel vor der Gefahr eines Bergsturzes gewarnt hatte, wurde verklagt.

Für die Regierung gab es kein Zurück mehr, der Staudamm war im Herbst 1959 fertig geworden. Die SADE begann damit, den See zu füllen; zunächst zur Probe. 1960 war das Wasser so weit gestiegen, dass es an den Fuß der labilen Bergflanke schwappte. Schon im November 1960 gab der Berg eine Warnung: Ein mächtiger Gesteinsblock stürzte ins Wasser, im Hang taten sich meterbreite Gräben auf - sie verliefen M-förmig, wie es Müller vorhergesagt hatte. Die Gräben umrissen die Gesteinsmasse, die drei Jahre später in den See stürzen sollte.

Nun hatten alle Anwohner erkannt, dass sie in großer Gefahr waren. Der Geophysiker Pietro Caloi bezweifelte jetzt sogar sein eigenes Untersuchungsergebnis, wonach der Berg harmlos sei. Die Bedrohung erschien offensichtlich: Der Berg könnte sich mit Wasser vollsaugen und damit seine Stabilität verlieren. Einzig der vom Staat eingesetzte Geologe Francesco Penta blieb bei seiner Einschätzung, dass keine Gefahr drohe. Im Dezember 1961 erteilte das Ministerium die Genehmigung, den See fast komplett zu fluten. Die Füll-Probe dauerte bis Oktober 1962. Leichte Erdbeben ließen während der gesamten Zeit das Tal vibrieren.

Als der Berg in den See fiel

Die eindringlichste Warnung jedoch erhielt die SADE am 3. Juli 1962 von Wasserbauingenieuren. Laborexperimente mit einem Wassertank hatten ergeben, dass das Wasser des Sees nach einem Bergsturz über die Staumauer treten und Siedlungen im Tal überfluten würde. Doch die Firma hielt den Bericht geheim, der Weg war frei für die Fertigstellung des Projektes. Im April 1963 erteilte das Ministerium die Genehmigung, den Stausee endgültig zu füllen.

Der Ort der Katastrophe aus einer anderen Perspektive.

(Foto: Foto: sueddeutsche.de/Google Earth)

"Alles unter Kontrolle"

Was danach im Berg geschah, haben Emmanuil Veveakis und seine Kollegen nun minutiös nachvollzogen. Dazu fügten sie die bekannten Ereignisse und geologische Informationen zusammen und ließen den Kollaps am Computer in Zeitlupe ablaufen. Während sich der Stausee allmählich füllte, begann der Berg zu vibrieren. Im August setzte sich die Flanke merklich in Bewegung. Am 3. September erschütterte dann ein heftiges Erdbeben das Vajont-Tal. "Alles unter Kontrolle", beruhigte der Bürgermeister eines Dorfes im Tal die Anwohner.

Am 15. September ruckte die gesamte Flanke am Toc um 22 Zentimeter nach unten. Damit wurde das Argument der SADE widerlegt, das Gestein würde im Ernstfall nicht auf einmal ins Wasser fallen. Die Verantwortlichen sahen ein, dass sie das Projekt stoppen mussten.

Sie glaubten jedoch, dass sie nur das Wasser abzulassen brauchten, um die Rutschung zu stoppen. Doch auch nachdem die Schleusen geöffnet wurden, bewegte sich die Flanke weiter, bis sie am 9. Oktober 1963 vollständig in den Stausee fiel. In den Tagen vor der Katastrophe war die Bewegung der Landschaft deutlich erkennbar. Bäume, Zäune und Straßen wurden von dem abrutschenden Boden talwärts gezogen.

Ein Hang auf dem Luftkissen

Emmanuil Veveakis und seine Kollegen konnten nun klären, warum der entscheidende Rettungsversuch scheiterte. Die stete Reibung der Gesteine habe eine Tonschicht unter der Flanke stark aufgeheizt, schreiben die Forscher.

Drei Wochen vor der Katastrophe wurde die Hitze so groß, dass sich unter dem Gestein ein heißes Luftkissen bildete wie unter einem Dampfbügeleisen. Auf diesem Hitzekissen beschleunigte sich die Masse. Schließlich wurde die Bergflanke nur noch von einzelnen Tonmolekülen gehalten, die aneinander hafteten wie Klettverschlüsse.

Am 9. Oktober 1963 um 22 Uhr 39 jedoch sprengte heißes Wasser diese Verbindungen bei einem sogenannten thermoplastischen Kollaps. Die Bergflanke rutschte mit fast 100 Kilometern pro Stunde zu Tal und stürzte in den Stausee. Das Wasser schoss über die Staumauer.

Es trieb einen Sturm vor sich her, der Menschen im Tal die Haut vom Körper riss. Die Flutwelle löschte fünf Dörfer komplett aus, andere wurden zu großen Teilen zerstört. Im Städtchen Longarone gab es die meisten Opfer.

In Dutzenden Gerichtsprozessen wurde die Katastrophe in den folgenden Jahrzehnten verhandelt. Den Opfern wurde Schadenersatz von insgesamt 22 Milliarden Lire - heute etwa elf Millionen Euro - zugesprochen. Mehrere Verantwortliche wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt.