Nationalsozialismus Die unerträgliche Schuld der Ärzte

Zwangssterilisationen, Menschenversuche, Krankenmorde - ein neuer Forschungsbericht beschreibt, wie sich Mediziner an grauenhaften Nazi-Verbrechen beteiligten.

Von Nina von Hardenberg

Schwach und einsam - im Sommer 1939 konnten solche Eigenschaften für Psychiatriepatienten in Deutschland ein Todesurteil sein. Es ist die Zeit der ersten Massentötungen der Nationalsozialisten. Sie nehmen vieles voraus, was später beim Genozid an den europäischen Juden fortgesetzt wird. Opfer sind Behinderte und Psychiatriepatienten. Getötet werden vor allem Kranke, von denen sich die Nazis keinen ökonomischen Nutzen erwarten. Frauen sind fast doppelt so oft Opfer wie Männer. Pflegebedürftige, sozial isolierte oder unruhige Patienten trifft es am häufigsten.

200.000 solcher "Ballastexistenzen" erfassen die Behörden auf Meldebögen. Mehr als 70.000 sterben bis August 1941 in eigens eingerichteten Gaskammern. Die "Aktion T4", benannt nach dem Sitz der Zentrale in der Berliner Tiergartenstraße4, zeigt erstmals in ganzer Deutlichkeit, mit welcher Systematik die Nazis gegen Menschen vorgehen, die sie in ihrem Rassenreinheitswahn für lebensunwert halten. Sie zeigt auch die schuldhafte Verstrickung der Ärzte in die Euthanasiepolitik der Nazis. Ohne die aktive Mitwirkung oder zumindest passive Hinnahme durch die Anstaltsärzte hätten die Morde nicht stattfinden können.

Die Krankenmorde gelten als am besten erforschter Teil der Euthanasie-Verbrechen der Nazis. Und doch besteht noch Forschungsbedarf, wie ein Expertenteam um den Medizin-Historiker Robert Jütte in einem am Mittwoch in Berlin vorgelegten Forschungsbericht zeigt. So sei noch nicht ausreichend dokumentiert, warum in manchen Regionen radikaler selektiert wurde als anderswo, heißt es darin.

Der Bericht gibt einen umfassenden Überblick über die Forschung zur Medizin im Nationalsozialismus. Er zeigt, dass Verbrechen im Namen der Medizin wie Menschenversuche, Zwangssterilisationen und Krankenmorde gut aufgearbeitet worden sind. Das Schicksal der Mehrzahl der etwa 8000 jüdischen Ärzte, die vor 1933 in Deutschland praktizierten und dann in die Emigration getrieben oder ermordet wurden, liegt dagegen noch vielfach im Dunkeln. Ähnliches gilt für den zum Teil heroischen Einsatz von Ärzten, die in Konzentrationslagern ihre Mithäftlinge betreuten.

Für Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe, der die Arbeit mitangestoßen hat, geht es auch um ein persönliches Anliegen. "Ich werde der letzte Ärztepräsident sein, der in dieser Zeit noch gelebt hat", sagte der 70-Jährige. Die Ärzteschaft habe sich nach dem Krieg "erst spät, zu spät" zu der Schuld der Ärzte im Nationalsozialismus bekannt.

Bis weit in die 70er Jahre gab es keine wirkliche Auseinandersetzung mit den Verbrechen. Erst 1987 stellte sich der damalige Kammerpräsident Karsten Vilmar dem Thema: "Die Scham wird immer bleiben", sagte er. Den Ärzten bliebe "vielleicht die Gnade des Verzeihens, aber niemals das Vergessen", zitierte Hoppe seinen Vorgänger.

Auch unter seiner Präsidentschaft diskutierten die Ärzte auf mehreren Ärztetagen, warum so viele Mediziner ihren hippokratischen Eid, Kranke zu heilen und Patienten nicht zu schaden, brachen. Unbestritten ist inzwischen, dass nicht nur Feigheit oder Opportunismus die Ärzte antrieb, sondern auch Überzeugung. So wurde kein Mediziner gezwungen, sich an Krankentötungen zu beteiligen, doch viele von ihnen teilten schon vor der Nazizeit verbreitete rassehygienische Gedanken.

"Die übergroße Mehrheit der Ärzte schwieg oder war einverstanden", sagte Hoppe. Das sei eine "unerträgliche Erkenntnis".