Nasum hominis Der Geruchssinn des Menschen ist besser als sein Ruf

So schlecht kann der Mensch gar nicht riechen.

(Foto: Robert Haas)

Gerüche können unser aller Verhalten beeinflussen. Und manchmal sogar riechen Menschen besser als Tiere.

Von Tina Baier

Die Frau schnüffelt ziellos auf der Wiese herum. Auf allen vieren robbt sie vorwärts und zieht immer wieder witternd Luft durch die Nase. Plötzlich nimmt sie eine Fährte auf. Zielsicher folgt sie der zehn Meter langen Schokoladenspur, die amerikanische Wissenschaftler gelegt haben. Sie folgt der Fährte auch dann noch, als sie nach rechts abknickt.

"Menschen können Geruchsspuren folgen und zeigen sogar ein hundeähnliches Suchverhalten, wenn die Spur die Richtung wechselt", schrieb der Psychologe John McGann von der amerikanischen Rutgers University kürzlich in der Fachzeitschrift Science. Dass Menschen einen schlechten Geruchssinn haben, sei ein Mythos. Bettina Pause, Psychologin und Geruchsforscherin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf kann das bestätigen: "Es stimmt nicht, dass Menschen Mikrosomaten sind", sagt sie - also Lebewesen mit einem niedrig entwickelten Geruchssinn.

"Wenn wir diesen Sinn trainieren würden, könnten wir auch wieder besser riechen"

Manche Substanzen könnten Menschen sogar besser wahrnehmen als Tiere. 3-Mercapto-3-methylbutyl-format aus Urin zum Beispiel können Menschen dreimal so gut riechen wie Ratten. Einen Stoff im menschlichen Blut erschnüffeln Menschen besser als Mäuse und den typischen Geruch von Bananen genauso gut wie Hunde oder Kaninchen.

Riech doch mal!

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Für Hanns Hatt, Geruchsforscher an der Ruhr-Universität Bochum, ist Riechen Übungssache. "Wenn wir diesen Sinn trainieren würden, könnten wir auch wieder besser riechen", sagt er. Hatt hat es selbst ausprobiert. "Sobald ich morgens im Institut den Aufzug betrete, erkenne ich meist schon am Geruch, wer vom Lehrstuhl schon da ist", sagt der Forscher.

Gerüche sind seiner Erfahrung nach eng mit Emotionen verknüpft. Welcher Geruch im Gehirn mit welchem Gefühl verknüpft ist, sei aber individuell sehr unterschiedlich und hänge von den Erfahrungen ab, die ein Mensch in Zusammenhang mit einem bestimmten Duft gemacht hat. Dass man Menschen regelrecht darauf konditionieren kann, mit einem bestimmten Duft eine bestimmte Wahrnehmung zu verknüpfen, hat Hatt in einem beeindruckenden Experiment bewiesen.

Er ließ Männer mehrere Male das Alter junger, schlanker Frauen schätzen, die sich zuvor mit einem speziellen Duft parfümiert hatten. Im zweiten Teil des Experiments sollten die Männer dann das Alter deutlich älterer und fülligerer Damen angeben, die dasselbe Parfüm benutzt hatten. Die Probanden, die mit dem Mädchenduft konditioniert worden waren, schätzten die älteren Frauen deutlich jünger ein, als sie tatsächlich waren. Der Duft des Parfüms war in ihrem Gehirn offenbar unter "jung" abgespeichert.

Unklar ist derzeit noch, ob Menschen über Gerüche, die sie etwa mit dem Schweiß absondern, miteinander kommunizieren. Unter Tieren ist eine solche chemische Kommunikation über artspezifische Substanzen weitverbreitet. Sie haben dafür ein spezielles Organ in der Nähe der Nasenwand, das Vomeronasalorgan. Ob es dieses auch beim Menschen gibt, ist umstritten, wahrscheinlich eher nicht. Dafür hat man in der Riechschleimhaut der Nase neben den Geruchsrezeptoren sogenannte Pheromonrezeptoren gefunden, über die solche chemischen Botenstoffe wirken könnten. Menschliche Pheromone hat bislang allerdings noch niemand entdeckt.

Bettina Pause ist trotzdem überzeugt, dass körpereigene Gerüche Emotionen übertragen können. Das hat die Psychologin in verschiedenen Experimenten immer wieder gezeigt, etwa bei Studenten, die vor und während ihrer Abschlussprüfung ein Wattepad unter der Achsel getragen hatten, das sich mit ihrem Angstschweiß vollsog. Zur Kontrolle nahm sie von denselben Studenten Schweißproben, während sie angstfrei auf einem Ergometer strampelten. Beide Gerüche - den der Angst und den des Sports - präsentierte Pause dann anderen Versuchspersonen in einem sogenannten Olfaktometer.

Der Geruch von Angstschweiß versetzte die Probanden in Alarmbereitschaft

Die Konzentration war dabei so niedrig, dass die Studienteilnehmer bewusst keinen Geruch wahrnehmen konnten. Trotzdem stellte Pause Veränderungen bei den Probanden fest, sobald sie den Duft der Angst einatmeten. Unter anderem veränderte sich ihre Wahrnehmungsfähigkeit; sie konnten auf Fotos besser erkennen, ob Menschen einen ängstlichen Gesichtsausdruck hatten. Viele machten auch selbst ein "Angstgesicht", obwohl ihre Situation alles andere als furchteinflößend war. Der Geruch der Angst versetzte die Probanden offenbar in Alarmbereitschaft. "Man nennt das auch emotionale Ansteckung", sagt Pause. Ähnlich übertragbar von Mensch zu Mensch seien Stress und möglicherweise auch Ekel und Aggression.

Dass Pheromone wahrscheinlich nicht nur Gefühle übertragen, sondern auch komplexe menschliche Verhaltensweisen beeinflussen können, zeigt eine Studie, die Hanns Hatt gemeinsam mit dem Verhaltensökonom Sebastian Berger von der Universität Bern gemacht hat. Da menschliche Pheromone bis jetzt noch nicht gefunden wurden, bedufteten die Forscher ihr Labor mit Hedion, einem Molekül, das einen Pheromonrezeptor in der Nase aktiviert. Die Konzentration war so niedrig, dass die Probanden den Duft, der höher dosiert nach Magnolien riecht, nicht bewusst wahrnahmen. Dennoch verstärkte das Hedion sogenannte reziproke Verhaltensweisen. "Die Versuchsteilnehmer reagierten etwas freundlicher auf Freundlichkeit und etwas unfreundlicher auf unfaires Verhalten", sagt Berger.

Forscher gehen davon aus, dass solche reziproken Verhaltensweisen die Voraussetzung für Kooperation sind - eine Fähigkeit, die in der Evolution von entscheidender Bedeutung war. Ein weiterer Hinweis, dass die Nase für Menschen vielleicht doch ähnlich wichtig ist wie die Augen oder die Ohren.

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