Von Daniel Lingenhöhl

Auf der Atlantik-Insel Gough fallen aggressive Nager über seltene Vogelarten her und bringen diese damit an den Rande des Aussterbens.

Zehntausende Küken sterben jedes Jahr auf der zu St. Helena gehörenden Insel Gough im Atlantik. Sie verbluten an tiefen Bisswunden, manche werden bei lebendigem Leib aufgefressen. Täter sind aggressive Mäuse, die sich inzwischen so stark vermehrt haben, dass mehrere Vogelarten auf der Insel vom Aussterben bedroht sind. Eine Million Mäuse sollen derzeit auf Gough hausen.

Mäuseplage

So friedlich wie hier geht es auf der Insel Gough im Atlantik nicht zu. (© Foto: dpa)

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Biologen konnten sich das Gemetzel unter Küken und Jungvögeln lange Zeit nicht erklären. Raubtiere gibt es auf dem abgelegenen Eiland nicht. Eine Videoaufnahme zeigte dann vor drei Jahren, wie die Mäuse trotz des eklatanten Größenunterschieds den Nachwuchs von Albatrossen und Sturmvögeln auffressen. Die Wissenschaftler konnten es kaum fassen: "Albatrossküken wiegen mehrere Kilogramm, die Mäuse nur 35 Gramm - es ist, als ob ein Kätzchen ein Nilpferd angreift", sagt Geoff Hilton von der britischen Vogelschutzgruppe RSPB.

"Ohne umfassende Schutzmaßnahmen stirbt die Art bald aus"

Im vergangenen Winter waren die Nager besonders aggressiv. "Nicht einmal ein Fünftel aller Albatrossküken kam durch", sagt der Ornithologe Richard Cuthbert. Es überleben zu wenig Jungtiere, um den Fortbestand des stark bedrohten Tristan-Albatrosses zu sichern. Nur noch 1500 Brutpaare nisten auf Gough, ihrer einzigen Heimat. Der Tristan-Albatross wird von zwei Seiten in die Zange genommen. An Land fressen die Mäuse die Küken, auf See verenden die erwachsenen Vögel an den Angelhaken der Langleinen-Fischer. "Ohne umfassende Schutzmaßnahmen stirbt die Art bald aus", warnt John Croxall, der sich bei der Organisation Birdlife International um Seevögel kümmert.

Die Mäuse bedrohen auch das Überleben anderer Vogelarten: Vergangenen Winter starben etwa eine halbe Million Küken des Schlegelsturmvogels. Ebenfalls bedroht ist die Gough-Ammer, von der es nur noch 1000 Exemplare gibt. Die Nager fressen dem Singvogel Samen und Insekten weg. Wenn diese Nahrungsquellen knapp werden, stürzen sie sich auf die Küken. Inzwischen gibt es nur noch wenige Jungtiere. "Wenn das so weitergeht, sind die Tage der Gough-Ammer gezählt", sagt der Biologe Peter Ryan von der Universität Kapstadt.

Die Mäuse sollen jetzt bekämpft werden. Geplant ist, giftige Köder aus dem Hubschrauber über der Insel abzuwerfen - im Winter, wenn die Nager am hungrigsten sind und die meisten Seevögel Gough verlassen haben. "Das ist wegen der zerklüfteten Berge und der steilen Klippen die einzig realistische Methode. Neuseeland hat auf diese Weise einige große Inseln erfolgreich von Ratten gesäubert", sagt Cuthbert. Er erwartet, dass sich die Insel ohne die Mäuse positiv verändern wird: "Es wird mehr Pflanzen und Insekten geben und auch wieder mehr Albatrosse, Sturmvögel und Ammern."

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(SZ vom 18.12.2008/reb)