Von Felix Berth

Schwedische Eltern zeugen lieber Mädchen - eine Neigung, die ihren Nachbarn fremd ist und Forscher vor Rätsel stellt.

Schwedische Eltern haben eine geheime Vorliebe: Wenn schon Nachwuchs, dann bitte eine Tochter. Natürlich würden sie dies niemals laut sagen, schließlich ist die Gleichberechtigung der Geschlechter ein schwedisches Ideal. Doch Demografen können die Vorliebe in den Statistiken erkennen. Dafür bietet sich ein Blick auf Eltern an, die bereits zwei Kinder gleichen Geschlechts haben: Wen drängt es eher, beim dritten Versuch ein Kind des andere Geschlechts zu zeugen? Der Unterschied ist in Schweden statistisch deutlich: Um fünf Prozent wahrscheinlicher ist es, dass zwei Jungs noch ein Geschwister bekommen als zwei Mädchen.

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Diese Präferenzen sind in Schweden und den Nachbarstaaten Norwegen und Dänemark erst seit den achtziger Jahren festzustellen; zuvor waren dort beide Geschlechter ähnlich beliebt. Erstaunlicherweise breitet sich die Sehnsucht nach weiblichem Nachwuchs nicht bis nach Finnland aus: Dort sinkt die Wahrscheinlichkeit einer dritten Geburt um fast zehn Prozent, wenn ein Paar zwei Söhne hat.

Seitdem diese Befunde bekannt sind, grübeln die Demografen, was den Umbruch in den achtziger Jahren ausgelöst haben könnte. Der schwedische Wissenschaftler Gunnar Andersson, der am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock arbeitet, hat sich der Frage auf einem weiten Umweg genähert. Er hat sich zwei kleine Gruppen genauer angesehen: die Migranten, die von Finnland nach Schweden umgezogen sind, sowie die schwedischsprachige Minderheit in Finnland.

Das mag auf den ersten Blick eigenartig und irrelevant-exotisch wirken; allerdings erweist sich das Forschungsdesign von Andersson und seinen beiden Kollegen als ausgesprochen clever. Denn es ermöglicht eine fundierte Antwort auf eine Frage, die Bevölkerungswissenschaftler schon lange beschäftigt - die Frage nämlich, wie stark kulturelle Einflüsse den Drang zur Fortpflanzung prägen.

Und es zeigt sich: Diese Einflüsse sind ausgesprochen hoch. So verhalten sich Finnen, die in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts zum Arbeiten nach Schweden ausgewandert waren, weiterhin wie ,,echte'' Finnen: Sie bevorzugen auch heute noch Söhne, und zwar in ziemlich genau dem Maß, das sich in ihrem Ursprungsland feststellen lässt. Dabei gilt lediglich eine kleine Einschränkung: Kam eine Finnin bereits als Kind nach Schweden, ähnelt ihr Verhalten als Erwachsene eher dem der Schwedinnen. Die Anpassung an die ,,Fertilitäts-Kultur'' eines Landes dauert offensichtlich einige Jahrzehnte. ,,Das Land, in dem jemand seine Kindheit verbracht hat, prägt relativ stark'', interpretiert Andersson die Ergebnisse.

Dies wird auch bei der anderen Gruppe deutlich, die Andersson untersucht hat: den Schweden, die in Finnland leben. Sie bewohnen seit Jahrhunderten eine ehemals schwedische Provinz. Zwar behielten sie stets ihre Sprache, doch ihre Nachwuchs-Wünsche passten sich dem neuen Heimatland an. Auch sie verhalten sich heute also wie ,,richtige'' Finnen und bevorzugen Söhne, wie sich bei den dritten Geburten zeigt. Nach zwei Buben haben viele von ihnen genug vom Kinderkriegen.

Wer die Studie liest, ahnt, dass Wünsche der Eltern wohl nur schwer zu verändern sind: Kulturelle Einflüsse prägen die Muster der Reproduktion für Jahre und Jahrzehnte. Um daran etwas zu ändern - wie es Deutschland ab 2007 mit dem neuen Elterngeld versucht -, ist viel Zeit nötig. Überdies packt Demografie-Forscher der Neid, wenn sie die Qualität der Daten sehen, mit denen Andersson und seine Kollegen arbeiten: Skandinavische Bevölkerungsregister sind so exzellent, dass sich damit höchst präzise Aussagen treffen lassen. ,,Unsere Daten beinhalten Informationen über alle Einzelpersonen, die zwischen 1971 und 1999 jemals in beiden Ländern gelebt haben'', schreiben die Autoren nüchtern.

Würde man ihre Fragestellung in Deutschland verfolgen, wäre das Scheitern gewiss: Hier ermöglicht die amtliche Statistik nicht einmal eine Aussage, wie viele erste, zweite und dritte Kinder es gibt. Denn die Melderegister klassifizieren nicht einfach ,,Kinder pro Frau'', sondern ,,Kinder in bestehender Ehe''. Ist eine Frau mehrmals verheiratet, verhagelt dies automatisch den Datenbestand. Also sind die Bevölkerungsforscher auf Umfragen angewiesen - mit dem bekannten Ergebnis, dass in Deutschland über Demografie viel Meinung auf dem Markt ist, aber wenig Wissen.

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