Mythos Mittelalter Das Ende der Finsternis

Das Mittelalter gilt vielen als Zeitalter voll dumpfer Religiosität und irrationalem Aberglauben. Doch Historiker widerlegen den Mythos vom düsteren Zeitalter.

Von Laura Weißmüller

Es stinkt gewaltig. Der Geruch ungewaschener Körper zieht im Mittelalter durch die Dörfer, über Burgzinnen und Klostermauern. Vielleicht stinkt es dort sogar besonders schlimm. Manche Mönche halten die Körperreinigung für verwerflich und lassen sich ihr Hemd nur von einem ausziehen: dem Sensenmann.

Pikiert notiert im Jahr 973 ein Gesandter des Kalifen al-Hakam II. über die Menschen im süddeutschen Franken: "Sie reinigen und waschen sich nur ein- oder zweimal im Jahr mit kaltem Wasser. Ihre Kleider aber waschen sie nicht, nachdem sie sie angezogen haben, bis dass sie in Lumpen zerfallen."

Die Geruchsprobe aus dem Mittelalter passt zum Klischee der angeblich so finsteren Zeit zwischen dem 5. und dem 15. Jahrhundert: brutale Raubritter, einsame Mönche in dämmrigen Studierstuben, die nichts außer der Heiligen Schrift gelten lassen. Während die Antike bis heute glänzt, wird das Mittelalter gerne in die finstere Ecke der Geschichte geschoben - zu Unrecht, meinen immer mehr Forscher.

"In der ganzen Weltgeschichte rund um die Erde ist nirgends eine Phase von 1000 Jahren so diskriminiert worden wie das Mittelalter", sagt Johannes Fried. Der Geschichtsprofessor sieht mit seinen schlohweißen Haaren, den kleinen Augen hinter der Brille und dem Bart selbst aus wie ein Schriftgelehrter aus vergangenen Jahrhunderten.

Sein Büro in der Frankfurter Goethe-Universität verrät hingegen zunächst nicht, dass es sich hier um einen der führenden Mittelalterforscher handelt: Ein Poster von Henri Matisse hängt neben einem Bild mit ägyptischen Hieroglyphen, vom Türstock baumelt eine kleine Papierhexe, und im Hintergrund strahlen die Frankfurter Banktürme in der Nachmittagssonne. In Frieds Büro herrscht ein fröhliches Durcheinander der Zeiten.

Erst auf den zweiten Blick fällt ein großes Holzgerüst neben seinem Schreibtisch auf. Das Modell mit der Erdkugel im Zentrum des Universums zeigt das ptolemäische Weltbild der Antike - trotzdem kommt es in Frieds Vorlesungen über das Mittelalter zum Einsatz. "Für die Menschen damals war die Erde rund", sagt der Geschichtsprofessor und zeichnet einen Kreis auf ein Stück Papier, so, als müsste er selbst noch einmal den Beweis antreten.

Doch den liefern auch alle Künstler dieser Epoche: In den damaligen Bildern liegt die Welt stets als Kugel in der Hand von Christus oder vom Kaiser. Das antike Wissen von der Erdkugel war nur kurzzeitig unter Konstantin dem Großen um das Jahr 300 in Gefahr. Ansonsten stellten sich auch damals die Menschen ihren Planeten rund vor.

Das Jüngste Gericht - schwer in Mode

Selbst die katholische Kirche nimmt damals an dieser Theorie keinen Anstoß, prominente Theologen wie Albertus Magnus und Thomas von Aquin vertreten sie. Der Franziskanermönch Berthold von Regensburg predigt Mitte des 13. Jahrhunderts sogar von einer Erde, die aussehe "wie ein Ei". Das alles nicht auf Latein, sondern auf Deutsch.

Gerade die Ungebildeten strömen im Mittelalter in Gotteshäuser, die ohne Sitzbänke alles andere als gemütlich sind. Da kaum einer die lateinischen Worte des Pfarrers versteht, treibt man während der Predigt lieber Handel oder fürchtet sich vor den Wandgemälden: Im flackernden Licht der Kerzen sehen die Kirchgänger Teufelsfratzen und Monstertiere.

Darstellungen des Jüngsten Gerichts sind gerade schwer in Mode. Sie zeigen in detaillierten Bildern, wohin ein sündiges Leben unweigerlich führen wird. Die gruseligen Motive passen zum Aberglauben der Menschen. Besonders in einer solchen Atmosphäre muss ein Mönch, der auf Deutsch und in verständlichen Bildern von der Welt erzählt, großen Einfluss gehabt haben. Ein Ei ist den Bauern einfach näher als ein Vaterunser in Latein.

Die Leute glauben den Priestern aufs Wort, für die meisten Menschen im Mittelalter ist die Erde also eierrund - bis zur Neuzeit: "Wie jede pubertierende Bewegung hat die Renaissance Vatermord an den vorangegangen Erfindungen des Mittelalters begangen", sagt der Kunstwissenschaftler Stefan Trinks. Für den Leiter des Goldschmidt-Zentrums der Berliner Humboldt-Universität ist vor allem die Neuzeit schuld am schlechten Ruf des Mittelalters.

In seinem winzigen Büro im hintersten Eck des Kunsthistorischen Instituts schlägt der schlaksige 35-Jährige einen mächtigen Bildband nach dem nächsten auf, um die Fortschrittlichkeit der mittelalterlichen Künstler zu beweisen. Warum die "Propaganda der Renaissance" trotzdem so erfolgreich war, erklärt Trinks ganz pragmatisch: "Die saßen mit der Buchpresse am längeren Hebel und hatten sozusagen die Medienmacht."

Doch auch die ersten Wissenschaftler der Neuzeit bemühen sich, den Graben zwischen dem aetas medias und der eigenen strahlenden Gegenwart möglichst tief zu ziehen. "Man wollte die eigene Überlegenheit gegenüber der Vergangenheit präsentieren", sagt der Historiker Reinhard Krüger, der seit Jahren gegen "wissenschaftliche Gerüchte" über das Mittelalter ankämpft.

Dass die Epoche gar nicht so dumm war, wie es die Neuzeit gerne vorgaukeln wollte, verrate gerade einer der Klügsten von ihnen: Nikolaus Kopernikus. Der Astronom habe seine Schriften, in denen er die Erde aus dem Zentrum rückte, auf dem Wissen des mittelalterlichen Forschers Johannes de Sacrobosco aufgebaut.

"80 Prozent des wichtigsten Textes von Kopernikus stammt von Sacrobosco", so Krüger. Was heute als Plagiat gelten würde, bekümmerte damals niemanden. "Das Wissen über die runde Erde gehörte zum Allgemeingut", erklärt der Historiker.