Eine Außenansicht von Svende Merian

Nun gibt es in Deutschland eine glückliche Mutti von 64 Jahren. Aber für den Fall, dass jetzt noch mehr Rentner ein Baby wollen: einige Anmerkungen über den Alltag von und mit Kindern.

Anderen Menschen in ihre Lebensentwürfe hineinzureden, misshagt mir. Schließlich mag ich die Besserwisserei wohlmeinender Zeitgenossen in meinem Leben ja auch nicht haben. Dennoch, die jüngste Nachricht über die glückliche, junge Mutti von 64 Jahren ließ vor meinem geistigen Auge ein aufgewecktes, neugieriges Kleinkind durch die Gegend flitzen, das seinen beiden Rentnereltern Beine macht.

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Ich selbst war ein sogenanntes Nesthäkchen, ein Kind von Eltern, die noch zu Kaiser Wilhelms Zeiten geboren wurden. Das war nicht einfach: Die Eltern mit etwas obsoleten Erziehungsidealen und eine Tochter in der Aufbruchstimmung der frühen siebziger Jahre. Was also steht nun dem neugeborenen Mädchen bevor, für das heute, 2007, sein Leben beginnt, und das auf seine Zukunft vorbereitet werden soll? Von Eltern, die 1943 geboren wurden und in den vierziger und fünfziger Jahren ihre eigene Sozialisation genossen haben. Ich wünsche dem Kind, dass seine Eltern im Kopf genauso frisch wie in ihren Fortpflanzungsorganen sind.

Als mir allmählich dämmerte, dass es etwas Ungewöhnliches ist, so alte Eltern zu haben, war ich fast 13 oder 14 Jahre alt. Die Klassenkameradinnen hatten nicht so altmodische Eltern.

Mit zehn oder elf Jahren wurde meine Mutter beim Einkaufen für meine Oma gehalten. "Das ist nicht meine Omi! Das ist meine Mutti!", protestierte ich lauthals und entrüstet, verstand die Verwechslung aber noch nicht wirklich. Dennoch ist dieser kurze Dialog auf dem Wochenmarkt im Hamburger Stadtteil Hamm in mein Gedächtnis eingebrannt - als ein ausgesprochen irritierendes Erlebnis, das meiner Mutter offenbar auch zu unangenehm war, um es mir zu erklären.

Omi und Opa waren das zweite Nest, das es neben meinem Zuhause gab. Anerkannte, liebevolle Autoritäten, die manchmal etwas anders machten als die Eltern, also das erste Korrektiv, das einem dazu verhalf, auch als Kind schon einmal über den Tellerrand zu gucken. Jedes Kind sollte in den Genuss kommen, Großeltern kennenzulernen. Die Affenliebe, die manchmal und im günstigsten Fall zwischen diesen beiden Generationen herrscht, kann Berge versetzen.

Meine Eltern waren 38 und 40 Jahre alt, als sie mich bekamen. Im Hamburger Feuersturm vom Juli 1943 waren die Eltern meines Vaters umgekommen, der Rest meiner Familie war ausgebombt. Meine Mutter mit meinem sechs Wochen alten Bruder auf dem Arm konnte sich zusammen mit ihren Eltern retten. Mein Vater war in Holland an der Westfront und bekam Fronturlaub, damit er sich um seine Familie kümmern konnte. Die Massengräber auf dem Ohlsdorfer Hauptfriedhof hat er mir später gezeigt: "Da liegen deine andere Omi und dein anderer Opa, die du nie kennengelernt hast."

Es war eine erste Erschütterung meines kindlichen Weltbildes gewesen, als ich mit Verwunderung feststellte, dass manche Kinder zwei Großelternpaare hatten. Nun liegt es nicht in unserer Macht, jedem Kind seine Großeltern zu organisieren, aber schön wäre es schon. Auch Winnie-the-Pooh und Piglet fragen sich doch, wie denn wohl ein Großvater aussähe, und ob sie wenigstens einen mit nach Hause nehmen und behalten dürften, falls sie zwei fänden.

Was wird dieses Kind für eine Begleitung auf dem Weg ins Leben bekommen?

Aber zurück zum Elternglück von Philemon und Baucis in Aschaffenburg. Was wird dieses Kind für eine Begleitung auf dem Weg ins Leben bekommen? Wer liest ihm seine ersten Bilderbücher vor und gibt Anregungen, wenn es mit der Non-Stop-Energie des Kleinkindes fragt, zappelt, hopst, ungeduldig rumhibbelt und quengelt? Wer ist für all dies da, wenn die Eltern dem kindlichen Temperament nicht wendig genug hinterhersprinten können?

Als vor zwei Jahren einer Freundin die Tagesmutter ausfiel, bin ich todesmutig für die Betreuung ihrer vier Monate alten Tochter eingesprungen. Wohlgemerkt nur für die Kurzstrecke, zwei bis drei Stunden am Tag. Meinen Körpereinsatz in Form von Dauertragen auf dem linken Arm mit freiem Blick des Kindes über meine linke Schulter werde ich so schnell nicht vergessen. Um das Kind bei guter Laune zu halten, musste ich ohne Unterbrechung "Wiedewiedewenne heißt meine Puthenne" singen und ihm möglichst eine gute Sicht auf den Rasen vor meinem Fenster ermöglichen.

Als mein Neffe so alt wie der Säugling war, und ich 20 Jahre jünger, fand ich das alles weniger anstrengend. Wenn ich nun aber meinen Arm auch nur etwas sinken ließ, fing Julchen an zu brüllen. Und Tränen kullerten über ihre Wangen, weil sie dann nicht mehr über meine Schulter sehen konnte. Wenn ich aufhörte zu singen, fing Julchen auch an zu brüllen. Und hinlegen, um aus dem Kühlschrank ein Fläschchen zum Aufwärmen zu holen, durfte ich sie erst recht nicht. Julchen wollte durchgehend getragen und besungen werden.

Irgendwann ertappte ich mich bei dem Gedanken: Warum muss dieses Kind eigentlich jetzt schon achteinhalb Kilo wiegen? Zum Nachdenken darüber kam ich aber nicht, denn da brüllte Julchen schon wieder, weil ich aufgehört hatte zu singen. Irgendwann war Julchen in Tränen und ich in Schweiß gebadet. Meine Entertainment-Bemühungen fielen in den Augen des Kindes ausgesprochen ungenügend aus.

Das Kind ist nun mal da

Inzwischen kann Julchen laufen wie ein geölter Blitz und hat mir verziehen. Wenn ich heute junge Eltern beobachte, erinnere ich mich dunkel daran, dass es Zeiten gab, in denen es mich nicht im Geringsten anstrengte, in eben diesem Tempo hinter meinem Neffen herzuflitzen und den ganzen Tag Kinderprogramm zu absolvieren. Dem Kind von Philemon und Baucis wünsche ich, dass seine Eltern so agil sind, wie ich es mit 30 war. Und überhaupt wünsche ich ihm so viel Normalität wie möglich.

Das Kind ist nun mal da. Moralische Abhandlungen nutzen ihm wenig. Diejenigen, die dieses Ei gelegt haben, stellen die Gesellschaft auf jeden Fall vor die Aufgabe, ein fürsorgliches Auge mit auf dieses Kind zu werfen. Alleinerziehende Mütter liegen noch im Wochenbett, da bekommen sie schon Post vom Jugendamt, das gucken möchte, ob auch alles in Ordnung ist. Hier ist das Hingucken mindestens genauso wichtig. In der Rolle als biologisch echter Urheber kann in dem Fall sowieso nur der Mann glänzen.

So wie Goethes Werther einst eine Welle von Freitoden auslöste, wird die Publizität dieses Falles wahrscheinlich den Trend zum Rentnerbaby einläuten. Der fehlte uns noch.

Svende Merian, Jahrgang 1955, schrieb 1980 ein Buch, das vielen Frauen aus der Seele sprach: "Der Tod des Märchenprinzen". 2007 erschien ihr Hörbuch "Kafka und Computerspiele".

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(SZ vom 5.12.2007/mcs)