Multiresistente Keime Supererreger im Kanal

In den Gewässern rund um indische Pharmafabriken finden sich erschreckende Mengen an Antibiotika und resistenten Keimen.

Von Christina Berndt und Hanno Charisius

Derart hohe Konzentrationen von Medikamenten hatte zuvor noch niemand in der Umwelt gefunden. Im vergangenen November nahmen Wissenschaftler um den Infektiologen Christoph Lübbert vom Universitätsklinikum Leipzig gemeinsam mit einem Rechercheteam von NDR, WDR und SZ Proben aus mehreren Gewässern rund um die indische Pharma-Metropole Hyderabad. Die Forscher vermuteten Medikamente im Wasser - und auch gesundheitsgefährdende Keime. Doch was sie gemessen haben, übertraf ihre übelsten Vermutungen. Und es legt nahe, dass Pharmafirmen direkt zur Ausbreitung resistenter Keime beitragen.

In zahlreichen Proben wiesen die Forscher in Zusammenarbeit mit dem Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP) aus Nürnberg Antibiotika in so hohen Konzentrationen nach, wie sie nicht einmal im Blut von Patienten nötig sind, um Krankheiten zu bekämpfen. Noch dazu haben die Arzneien offenkundig negative Folgen, wie die Forscher auch im Fachblatt Infection berichten: Sie fanden in den Gewässern rund um die Pharmafabriken Bakterien, gegen die mehrere Antibiotika nicht mehr wirken. Dies sei "sehr beängstigend", sagt Lübbert, die resistenten Keime könnten sich ausbreiten und Menschen infizieren. Über Reisende könnten sie auch nach Deutschland gelangen. Der Leiter des IBMP, Fritz Sörgel, spricht von einer "Zeitbombe". Denn laut Weltgesundheitsorganisation gehören multiresistente Keime zu den größten globalen Bedrohungen. Schon jetzt sterben jedes Jahr 700 000 Menschen, weil Ärzte nichts mehr für sie tun können. Die einst so wirksamen Antibiotika sind durch die Resistenzen stumpfe Waffen geworden.

"So große Mengen von hochwirksamen Substanzen in der Umwelt sind erschreckend"

Die höchste Konzentration aber fanden die Wissenschaftler von einem Pilzmittel namens Fluconazol: 237 Milligramm pro Liter, 20-mal so viel, wie Kranke im Blut benötigen. Resistenzen gegen Pilzmittel (Antimykotika) haben bislang nur wenig Aufmerksamkeit erregt. Dabei können Pilze bei älteren und immungeschwächten Patienten grässliche, mitunter tödliche Infektionen auslösen - und sie entwickeln wie Bakterien durch falschen oder überhöhten Gebrauch von Gegenmitteln Resistenzen. "So große Mengen von hochwirksamen Substanzen in der Umwelt sind erschreckend", sagt Oliver Kurzai, Leiter des Nationalen Referenzzentrums für Invasive Pilzinfektionen. Resistente Pilze seien ein wachsendes Problem. "Gegen Pilzinfektionen haben wir nur sehr wenige Medikamentengruppen. Wenn eine oder zwei ausfallen, kann es schon dramatisch werden."

Dass die Arzneien im Wasser von den Pharmafirmen stammen, ist nicht bewiesen. "Es gibt allerdings angesichts der hohen Konzentrationen keine andere logische Erklärung", meint der schwedische Umweltpharmakologe Joakim Larsson. So wurde Moxifloxacin in großer Menge in einem Kanal direkt an einer Pharmafabrik nachgewiesen, die das Antibiotikum für den europäischen Markt herstellt.

80 bis 90 Prozent aller Antibiotika kommen Schätzungen zufolge aus Indien und China. Nach den Recherchen von NDR, WDR und SZ beziehen fast alle in Deutschland tätigen großen Generikahersteller Antibiotika und Pilzmittel aus Hyderabad. Auf Anfrage teilten die Firmen mit, sie nähmen die Daten sehr ernst. Doch sie verwiesen zugleich darauf, dass in den indischen Fabriken entsprechend den Gesetzen Kontrollen unternommen würden. Welches Niveau die Kontrollen haben, lässt ein Videoclip ahnen. Hyderabad wirbt darin mit dem Slogan "Minimum Inspection, Maximum Facilitation" für den Standort: minimale Kontrolle, maximale Förderung.