Müll im Mittelmeer "Wer den Unrat rausholt, zerstört das Ökosystem"

Die Familie Mas schmeißt den Müll aus dem Meer nicht zurück ins Wasser, sondern entsorgt ihn an Land. Im Fischereihafen steht ein großer Container, den die Müllabfuhr wöchentlich drei Mal leert. Am Abend nach jeder Leerung quillt der Behälter trotzdem immer über. Der Container soll deshalb durch gleich drei Wertstofftonnen ersetzt werden, in die der Müll sortiert wird.

Die Fischer selbst hätten das größte Interesse daran, das Meer zu schützen, schließlich lebten sie vom und im Meer, sagt Rafael Mas, dessen Großvater auch schon Fischer war. Er meint, dass selbst der Gebrauch des umstrittenen Schleppnetzes in Tiefen, in denen nichts mehr wächst, das Meer pflege:

"So wie der Bauer sein Feld pflügt, graben wir den Meeresboden um. An den Stellen, an denen wir das einige Zeit nicht machen, gibt es plötzlich keine Fische mehr. Wenn wir unsere leeren Netze, die den Boden berührt haben, wieder hochziehen, riechen sie nach Fäulnis."

Die Meeresschutzorganisation Oceana sieht das anders. Sie kritisiert den Einsatz des Schleppnetzes, weil es die Pflanzen auf dem Meeresboden zerstört. Und dort, wo nichts mehr wächst? Man wisse gar nicht, ob dort nicht doch etwas wachse, der Meeresboden sei nicht ausreichend erkundet.

Es herrscht auch Unklarheit darüber, ob es überhaupt sinnvoll ist, den Abfall aus dem Meer zu bergen. "Manchmal ist es besser, den Müll auf dem Meeresboden zu lassen", sagt zum Beispiel Silvia García. Lebewesen besiedelten nämlich den Dreck, den Menschen im Meer zurück lassen. "Wer diesen bewachsenen Unrat dann rausholt, zerstört das Ökosystem aufs Neue", erklärt die Meeresforscherin von Oceana.

Auf dem Müll, den Familie Mas aus dem Meer fischt, befinden sich zumindest keine Spuren maritimen Lebens.

Schildkröten ersticken an Plastikfetzen

Zum Mittagessen an Bord gibt es fangfrischen Fisch - seit Jahren das gleiche Essen, das allen an Deck immer noch schmeckt. Kapitän Manuel Mas blickt über die spiegelglatte Wasseroberfläche, während sein Vater erzählt, dass es in seiner Jugend noch wesentlich mehr Fische im Mittelmeer gab. Vater Mas glaubt aber, dass sich der Fischbestand zumindest rund um die Küste Mallorcas wieder erholen wird, denn es gibt nur noch wenige Fischer.

Pep Amengual vom Umweltministerium ist anderer Meinung: "Die Fischer im Mittelmeer - also auch die Mallorquiner - fangen immer noch zu viel Fisch." Andere Behörden und Umweltschutzorganisationen teilen seine Ansicht. So hat beispielsweise die Brüsseler Kommission eine neue Richtlinie für Fischernetze erarbeitet. Seit 1. Juni müssen die Netze großmaschiger sein, damit kleine, junge Fische durch die Maschen fallen, im Meer bleiben, wachsen und sich fortpflanzen, bevor sie im Kochtopf landen.

Für Amengual sind die Fischer die größere Bedrohung für das Meer rund um Mallorca als der Müll. Und welchen Einfluss Abfälle auf dem Meeresboden wie Plastik, Glas und Metall auf das Ökosystem hätten, lasse sich nur schwer messen.

Dass Müll ein übles Futter für große Tiere wie Thunfische, Haie, Wale und Delfine ist, wurde allerdings schon nachgewiesen. Besonders viel Müll schluckt der Eissturmvogel Fulmar, hat François Galgani von Ifremer festgestellt.

Im Magen des Vogels, der Plastikschnipsel und anderen Dreck von der Oberfläche der Nordsee pickt, befinden sich durchschnittlich 0,6 Gramm Müll, im Extremfall sogar 200 Gramm. Auf den Menschen hochgerechnet wären das bis zu zwei Kilogramm Abfall im Magen. Wie das im schlimmsten Fall wirken kann, zeigt das Beispiel der Meeresschildkröte: Sie frisst oft Plastikfetzen, die auf der Meeresoberfläche schwimmen, weil sie die Fetzen für Quallen hält - und erstickt daran.

Nach zwölf Stunden Fahrt läuft die Port d'Andratx mit wenig Fisch an Bord im Hafen von Palma de Mallorca ein. Rafael Mas deutet auf den Yachthafen, der den überschaubaren Fischereihafen einrahmt.

"Dort drüben habe ich noch nie gesehen, dass jemand mit einem Müllsack von Bord gegangen wäre. Wo sind die Flaschen und Dosen, die auf See leer getrunken wurden?" Er selbst hat seinen Müllsack geschnürt. Darin sind Fetzen alter Plastiktüten, Plastikflaschen, Dosen und Glas. An Land bringt Sohn Daniel den Müll zu den großen Containern, neben denen ein verrostetes Ölfass steht - das haben die Fischer gestern aus dem Meer gezogen.