Müll im Mittelmeer Über die Reling entsorgt

Der Grund des Mittelmeeres gleicht einer Müllkippe - der meiste Abfall stammt von Kreuzfahrtschiffen und Yachten. Nun sind sich Fischer und Meeresforscher uneins: Liegen lassen oder herausfischen?

Von Stephanie Eichler

Es ist noch finster, als das Fischerboot der Familie Mas aus dem Hafen Palma de Mallorca ausläuft. Die Motoren dröhnen so laut, dass sich die Besatzung mit Handzeichen verständigt.

Plastiktüten, altes Spielzeug und anderer Müll verschmutzen vielerorts den Grund des Mittelmeeres. Für die maritimen Ökosysteme stellt der Abfall eine ernste Bedrohung dar: So finden Wissenschaftler im Magen vieler verendeter Tiere Plastikstückchen.

(Foto: AFP)

Viel gibt es sowieso nicht zu reden, jeder weiß, was er zu tun hat. Der 30-jährige Kapitän, Manuel Mas, steuert die Port d'Andratx zum ersten Fischgrund. Sein Vater Rafael, der jüngere Bruder Daniel und zwei Hilfskräfte entwirren das Netz und rollen es auf. Eine gute Stunde vom Hafen entfernt werfen es die Fischer zum ersten Mal an diesem Tag aus.

Stahlseile laufen über eine Rolle, bis das Netz in 400 Metern Tiefe Kontakt mit dem Meeresboden hat. Das Fischerboot fährt langsam weiter, schleift das Netz über den Grund und wühlt den Meeresboden auf. Meerbarben und Garnelen werden aufgescheucht und schwimmen in den trichterförmigen Fangsack. Zwischen den Fischen landen auch Plastikflaschen, Tüten, Getränkedosen und Benzinkanister im Netz.

In der Tiefe der Ozeane häuft sich der Müll. Wind und Strömung treiben riesige Mengen an Verpackungen aus Plastik, Glas und Metall sogar bis in die abgelegensten Winkel der See, wo Teile des Unrats auf den Boden sinken und "jahrhundertelang bleiben, denn dort unten fehlen Licht und Sauerstoff, so dass beispielsweise Plastik nur sehr langsam abgebaut wird", erklärt François Galgani vom französischen Meeresforschungsinstitut Ifremer.

Kühlschränke und Eimer mit Lacken

Das Wasser rund um Mallorca ist zwar sehr sauber. Schon längst leiten Fabriken und Hotels ihr Abwasser nicht mehr in die See, doch in keinem anderen Meer lagert so viel Müll wie auf dem Grund des Mittelmeers.Selbst Kühlschränke und Eimer mit Lacken und Farben haben sie schon an Deck gezogen, erzählt Rafael Mas.

"Du kannst dir nicht vorstellen, wie es ist, wenn du den ganzen Tag gearbeitet hast und dann alles wegschmeißen musst, weil der Fisch voller Farbe ist", schimpft der Fischer. "Und das, weil irgendein Herr nur die Hälfte seines Farbeimers gebraucht hat und dann nicht wusste, wohin mit dem Rest. Da schmeißt er ihn eben von seiner Yacht."

Von ähnlichen Erfahrungen berichtet Pep Amengual vom Umweltministerium der Balearen. Als die kleine Insel Cabrera nahe Mallorca 1991 zum Nationalpark erklärt wurde, fischten freiwillige Helfer Hunderte Tonnen Verpackungsmüll und anderen Unrat aus der Inselbucht Santa Maria.

Hier waren an den Wochenenden jahrzehntelang um die 300 Yachten und viele Militärschiffe vor Anker gegangen. 70 Prozent des Mülls, der in der Tiefe des Mittelmeers lagert, stammen allerdings von Kreuzfahrtschiffen, die laut Daten der internationalen Meeresschutzorganisation Oceana täglich bis zu 4000 Kilogramm Abfall produzieren.

Als die Sonne längst hoch über dem Meer steht und rings um die Port d'Andratx nichts als glitzerndes Blau zu sehen ist, ziehen Daniel Mas und die beiden Hilfskräfte das Netz wieder hoch. Der Fang besteht nur aus ein paar zappelnden Fischen. Die Mannschaft ist enttäuscht; aber es ist Freitag, der letzte Arbeitstag in einer 60-Stunden-Woche, und die Stimmung an Deck bleibt gelöst.

Vielleicht liegt es auch daran, dass diesmal mit dem Fang nur wenig Müll an Bord landet: einige Plastikfetzen, Plastikflaschen, eine Glasflasche und ein paar Dosen. "Wo wir jetzt sind, werfen wir fast jeden Tag das Netz aus, aber es gibt viele Stellen, wo kaum jemand fischt und da häuft sich der Müll", sagt Daniel Mas.