Mörderische Medien Jahrzehntelang verdrängt?

Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Jugendforscher, Universität Bielefeld, über Gewalt als Folge von zu viel Fernsehen.

SZ vom 02.04.2002

SZ: Gleich nachdem das Fernsehen 1946 sein Programm aufgenommen hatte, befürchteten Kritiker, dass es dadurch zu mehr Gewalttätigkeit kommen könne. Seither gibt es immer wieder Diskussionen über den Einfluss des TV auf die Seele.

Nun präsentieren New Yorker Psychologen eine Langzeitstudie. Sie haben 707 Familien über 17 Jahre beobachtet und warnen: Es gibt einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Zeit, die ein junger Mensch vor dem Fernseher verbringt, und dem Aggressionspotenzial, das er als Erwachsener in sich trägt. Ist die Debatte nun beendet?

Klaus Hurrelmann: Das kann man bei solchen komplexen Themen nie sagen. So könnte es auch sein, dass gewalttätige Menschen einfach nur mehr fernsehen.

Aber die Untersuchung ist dennoch sehr aussagekräftig, weil sie über so viele Jahre ging und andere Faktoren wie ein schlechtes soziales Umfeld berücksichtigt wurden. Die Ergebnisse stützen unsere Theorien deutlich. Denn im Grunde ist uns Jugendforschern ja schon seit langem klar, dass gewalttätiges Verhalten etwas mit dem Fernsehkonsum zu tun hat.

SZ: Die Forscher fragten aber nur nach der Dauer des Fernsehkonsums und nicht danach, ob sich jemand besonders viele Gewaltfilme ansieht.

Hurrelmann: Das ist gerade das Wichtige an der Studie: Sie zeigt, dass es allein zwischen der Häufigkeit des Fernsehkonsums und dem späteren aggressiven Verhalten einen Zusammenhang gibt. Schon ab einer Stunde täglich scheint sich die Gewaltbereitschaft zu erhöhen.

SZ: Allerdings nahmen die Forscher an, dass pro Stunde drei bis fünf Gewalttaten gezeigt werden. Gilt das auch für das deutsche Programm?

Hurrelmann: Wir sind nicht weit davon entfernt. Außerdem haben auch bei uns 40 Prozent der Kinder einen eigenen Apparat im Zimmer. Bis zur 12.Klasse haben sie 15.000 Stunden in der Schule verbracht, aber 18.000 vor dem Fernseher. Daran kann man erkennen, dass das Medium ein wichtiger Miterzieher ist.

SZ: Und wozu erzieht dieser Pädagoge genau?

Hurrelmann: Starker TV-Konsum führt zu einem hohen Maß an Desensibilisierung. Man gewöhnt sich an Ungewöhnliches - auch an Aggressivität und Gewalt. Enthemmung tritt ein, weil kulturelle Standards kaputtgemacht werden durch Dinge, die im täglichen Leben gar nicht vorkommen und deren Muster man nachahmt.

Außerdem vergeht beim Fernsehen viel Zeit, in der ich stillsitze, keine Kontakte habe und nur wenige Regeln einhalten muss. Ich bin nicht in ein soziales Gefüge eingebunden. Zu viel von dieser riskanten Freizeitbeschäftigung ist einfach nicht gut für die Persönlichkeit.

SZ: Erstaunlich ist an den Ergebnissen aus New York, dass die Psychologen mit Hilfe ihrer Fragebogen und der Kriminalstatistik nur eine erhöhte Gewaltbereitschaft gegenüber Personen feststellten. Viel-Gucker neigten aber nicht stärker zu Vandalismus, der doch auch eine Form von Gewalt ist.

Hurrelmann: Dieses Ergebnis kann man nur interpretieren. Gewalt gegen Sachen gilt als ein Signal dafür, dass ich meinen Platz in der Gesellschaft nicht gefunden habe. Ich greife den sozialen Raum an, in dem ich mich befinde, weil ich mit meinem Platz darin nicht einverstanden bin.

Häufiges Fernsehen allein hat diese Folge offenbar nicht, sondern führt zur Unfähigkeit im kommunikativen, zwischenmenschlichen Raum. Wenn solche Menschen in eine soziale Beziehung eintreten, können sie sich nicht mehr zivilisiert verhalten.

SZ: Zwei Psychologen aus Iowa haben die Studie in der Fachzeitschrift Science mit drastischen Worten kommentiert. Experten seien sich schon lange darin einig gewesen, dass Fernsehen die Gewaltbereitschaft erhöhe, schreiben sie.

Diese Botschaft sei in der Öffentlichkeit nur immer wieder heruntergespielt worden - ähnlich wie bei dem Streit um den Zusammenhang von Rauchen und Krebs, der noch anhielt, als die Daten längst eindeutig waren. Sehen Sie das genauso?

Hurrelmann: Es ist tatsächlich an der Zeit, die Ergebnisse der Forschung nicht mehr zu zerreden und daraus Konsequenzen zu ziehen.

SZ: Welche?

Hurrelmann: Gerade die neuen Daten zeigen, dass wir uns nicht so sehr darin verbeißen dürfen, was die jungen Leute gucken. Vielmehr sollten wir mit ihnen strenge Vereinbarungen treffen, wie lange sie schauen dürfen. Die Schulen sollten es sich zudem zur Aufgabe machen, das Fernsehen zu entzaubern; indem sie zeigen, wie es arbeitet und warum es so faszinierend ist.

Kinder könnten selbst einmal eine Sendung machen, damit sie sich von der Faszination nicht aufsaugen lassen. Fernsehen ist sicherlich ein anregender Faktor, aber keiner, der allein strukturierend wirkt. Wer ihm ausgeliefert ist, weil er nichts anderes mehr hat und kann, deformiert seine emotionale und intellektuelle Entwicklung.

Die Fragen stellte Christina Berndt