Bekämpfung von Insekten mit Neonicotinoiden Gift für Bienen und Vögel

Hollands Rauchschwalben verschwinden

(Foto: Ingrid Taylar / CC-2.0)

Eine moderne Sorte von Pestiziden steht in der Kritik. Biologen vermuten nicht nur einen Zusammenhang mit dem Bienensterben. Die Gifte töten offenbar auch Vögel.

Von Kathrin Zinkant

Am auffälligsten ist das Schnarren. Fast rhythmisch durchbricht es das Gezwitscher der blauschwarz glänzenden Rauchschwalbe. Zu hören ist es im Sommer fast europaweit. Überall dort, wo der Mensch Kulturlandschaften geschaffen und sie vielfältig gestaltet hat. Vor allem in der Nähe artenreicher Äcker.

Für Freunde des eleganten kleinen Vogels aber hat der Nimwegener Populationsdynamiker Caspar Hallmann schlechte Nachrichten. Hollands Rauchschwalben verschwinden. In einigen Regionen der Niederlande sogar rasant, und schuld daran ist mit großer Wahrscheinlichkeit letztlich ein Insektengift, das in diesen Gebieten sehr großzügig von Landwirten eingesetzt wurde. Es heißt Imidacloprid und macht nicht nur der Rauchschwalbe das Leben schwer: Gemeinsam mit Kollegen des Sovon-Zentrums für Ornithologie und der Radboud-Universität in Nimwegen hat Hallmann neben der Rauchschwalbe noch 14 weitere Sperlingsvogelarten in der holländischen Fauna untersucht.

Der systematische Vergleich zwischen der Entwicklung der Bestände und dem Einsatz von Imidacloprid seit Mitte der 1990er-Jahre zeigt eindrücklich, wie das Insektengift die Sperlingsvögel dezimiert hat - und zwar allein durch seine Wirkung auf Insekten. Die Vögel finden einfach nicht mehr genug Futter bei den Kerbtieren, die die Landwirte eigentlich gar nicht als Schädlinge bekämpfen müssten. Im Mittel berechneten die Forscher, dass die Bestände jährlich um 3,5 Prozent sinken, sobald die Konzentration des Pestizids eine Schwelle im Oberflächenwasser überschreitet. Den Niederländern ist es damit gelungen, einen bezifferbaren Zusammenhang zwischen dem Schwund einheimischer Ackervögel und einer Klasse moderner Pflanzenschutzmittel herzustellen.

Die Pestizide töten schädliche wie gute Insekten

Und es ist nicht irgendeine Sorte Gift, um die es hier geht: Imidacloprid gehört zu den Neonicotinoiden, kurz Neonics, die ihre toxische Wirkung fast exklusiv im Nervensystem von Insekten entfalten. Seine Effektivität und breite Anwendbarkeit bescherten dem Nervengift große Erfolge: 2011 entfiel in Deutschland ein Drittel des gesamten Absatzes an Schädlingsbekämpfungsmitteln auf die Substanzklasse.

Zugleich aber stehen die Neonics schon seit den späten 1990er-Jahren im Verdacht, für den weltweit zu verfolgenden Untergang ganzer Honigbienenkolonien verantwortlich zu sein. Die Lebensmittelsicherheitsbehörde der EU nahm vor zwei Jahren Ermittlungen auf. Im vergangenen Jahr wurde ein Moratorium für den Einsatz der betreffenden Pestizide beschlossen, mit der Begründung, die Mittel stellten vermutlich ein "inakzeptables Risiko" für nützliche Insekten dar. Im Dezember 2015 allerdings wird das Moratorium wieder enden - falls neue Belege kein endgültiges Verbot erzwingen.

Die Studie der Niederländer dürfte ein wichtiger Beitrag zu dieser Beweisführung sein. Sie kreiste in den vergangenen Jahren fast ausschließlich um Honigbienen und Hummeln - und löste sich dabei auch vom Boden der Tatsachen. So war im Juni zu lesen, dass die Schuldfrage in Sachen Bienenmord geklärt sei. Unabhängige Wissenschaftler der europäischen Task Force on Systemic Pesticides hätten 800 Studien ausgewertet und gezeigt, dass Neonicotinoide für das Massensterben der Bestäuber die Hauptverantwortung tragen. Die Aussage lässt sich bis heute nicht überprüfen, weil die angekündigte Meta-Analyse noch nicht veröffentlicht ist. Das betreffende Journal Environment Science and Pollution Research hat bislang nur Teile der Arbeit akzeptiert.

Weniger Beachtung fand, dass britische Mitglieder der Task Force schon im Juni Alarmierendes über die Effekte von Neonics auf Wirbeltiere berichteten: Demnach schaden sie den Tieren sehr wohl direkt. Neonics stören die Fruchtbarkeit, das Wachstum, das Nervensystem und die Immunabwehr von zahlreichen höheren Arten, darunter Vögel, Fische und Säugetiere. Was das in Zahlen bedeutet, wissen die Forscher noch nicht.

Viele Äcker sind so dicht bepflanzt, dass kaum Licht auf den Boden fällt

Zugleich ist offenkundig, dass der massive Neonic-Einsatz der vergangenen beiden Jahrzehnte auch indirekte Effekte auf die Ackerfauna und die angrenzenden Ökosysteme haben muss. Weil Neonics zu etwa 94 Prozent im Boden und Grundwasser verschwinden, bis zu drei Jahre lang chemisch intakt bleiben und keineswegs zwischen guten und bösen Insekten unterscheiden, dezimieren sie weltweit die Lebensgrundlage vieler Insektenfresser: von südafrikanischen Borstenhörnchen über die igelähnlichen Tenreks und Sandleguane auf Madagaskar - bis hin zur Rauchschwalbe.

Auch die meisten Sperlingsvögel ernähren sich von Insekten. Nur Bienen stehen selten auf dem Speiseplan. Der indirekte Effekt der modernen Pestizide auf die Vögel wird also über andere "Nicht-Ziel-Insekten" vermittelt, die rund um die behandelten Felder leben. "Die Neonicotinoide reihen sich ein in den Reigen der vielen Pestizide", sagt Hermann Hötker vom Bergenhusener Michael-Otto-Institut des Naturschutzbundes Deutschland. Hötker hat kürzlich im Auftrag des Umweltbundesamtes ein Papier zum Risikomanagement von Pestiziden verfasst und zuletzt eine Studie zur Bedrohung von Vögeln in der Ackerlandschaft veröffentlicht. Man habe lange gesehen, dass es einen Zusammenhang zwischen Pestiziden, Insekten und Artenschwund gibt, erzählt der Ornithologe. Nur die Empirie habe gefehlt. "Diese neue Studie liefert zum ersten Mal handfeste Daten", lobt er die Arbeit der Niederländer. Zugleich sieht der Vogelkundler ein grundsätzlicheres Problem, das selbst ein Verbot von Neonicotinoiden allein nicht lösen wird. In Deutschland sind rund 250 Pestizide zugelassen, jedes davon beseitigt eine oder mehrere Nahrungsquellen von höheren Tieren. "Mir fehlt der technologische Glaube an ein Schädlingsbekämpfungsmittel, das so spezifisch wirkt, dass es keine Folgen für die Biodiversität hat."

Letztlich gehe es nicht einmal nur um die Pestizide, sondern um die sich stetig intensivierende Landwirtschaft in Deutschland und in ganz Europa. "Die Äcker sind heute dicht an dicht bewachsen, da dringt kein Licht durch", sagt Hötker. Für Vögel seien diese Felder per se lebensfeindlich. Die Pestizide, die eine Voraussetzung für intensive Formen des Ackerbaus sind, setzen mit ihren indirekten Effekten auf das Nahrungsangebot der Vögel bloß noch einen drauf.

Ein endgültiges Verbot der Neonicotinoide erscheint also zwingend, das belegt auch die Studie der Niederländer. Das Problem des Artenschwundes aber lässt sich wohl nur durch eine veränderte Agrarwirtschaft lösen. Biolandbau sei eine Möglichkeit, sagt Hötker. Eine andere seien Biodiversitätspunkte, die vom Verbraucher über die Lebensmittel mitbezahlt würden. Ein solches Modell gibt es derzeit in der Schweiz. Am Ende aber muss Hötker zufolge auch die Politik eingreifen und Gegenleistungen für die hohen Agrarsubventionen von den Landwirten fordern.

Sonst wird wohl schleichend eine Variante des Klassikers von Rachel Carson wahr, der einst die Umweltbewegung beflügelte: "Der stumme Acker" statt "Der stumme Frühling". Ohne Bienen. Und ohne das Schnarren der Rauchschwalbe.