Von Christian Weber

Eine Frage der Aufmerksamkeit: Bei der Deutung des Gesichtsausdrucks gibt es kulturelle Unterschiede. Asiaten beurteilen Mimik anders als Europäer.

Wer als Europäer nach China reist, versucht in der Regel erst gar nicht, sich in der Landessprache zu verständigen. Für die Basiskommunikation vertrauen Touristen darauf, dass ihr Lächeln oder ihre Zornesfalten über alle Sprach- und Kulturgrenzen hinweg verstanden werden.

Bild vergrößern

Wer seine Aufmerksamkeit allein auf die Augen konzentriert, liegt bei der Deutung des Gesichtsausdrucks leichter daneben. (© Foto: iStock)

Anzeige

Schließlich haben auch Ethnologen viele Belege dafür gefunden, dass sich Grundemotionen wie Angst oder Freude überall auf der Welt in ähnlicher Weise im Gesicht zeigen - und jeder Mensch sie interpretieren kann. Neue Forschungsergebnisse deuten nun darauf hin, dass es auch beim Wahrnehmen von Emotionen Übersetzungsprobleme geben kann.

Wie ein Team um die Psychologin Rachael Jack von der Universität Glasgow in der Fachzeitschrift Current Biology (online) berichtet, tun sich Menschen aus Ostasien deutlich schwerer als Europäer und Amerikaner, Emotionen zu identifizieren.

"Menschen aus dem Westen schauen gleichermaßen auf Augen und Mund, während Asiaten die Augen bevorzugen und den Mund vernachlässigen", sagt Jack. "Das führt dazu, dass sie Probleme haben, Gesichtsausdrücke zu erkennen, die sich in der Augenregion nur wenig unterscheiden."

Dies sei zum Beispiel der Fall bei Angst und Überraschung, wo die Augen weit geöffnet sind oder bei Ekel und Ärger, wo sie eher zusammengekniffen sind.

Ihre These belegten die Forscher mit einem Experiment, an dem jeweils 13 westliche und fernöstliche Probanden teilnahmen. Ihnen wurden Fotos mit Gesichtern vorgelegt, die nach einem standardisierten System einen fröhlichen, traurigen, überraschten, ängstlichen, angeekelten, ärgerlichen oder neutralen Gesichtsausdruck zeigten.

Unterschiedliche Emoticons

Während die Versuchsteilnehmer damit beschäftigt waren, die dargestellten Emotionen zu identifizieren, zeichnete eine Spezialkamera ihre Augenbewegungen auf. Die Auswertung bestätigte, dass Asiaten sich vor allem mit den Augen auf den Bildern beschäftigten. Vermutlich unterliefen ihnen deshalb deutlich mehr Fehldeutungen.

Die Unterschiede bei der Gefühlswahrnehmung lassen sich nach Ansicht der Studienautoren auch an den sogenannten Emoticons nachweisen, mit denen im elektronischen Schriftverkehr Gefühle übermittelt werden.

Im Westen werden meist kombinierte Augen- und Mundsymbole verwendet; so steht :) für Freude und :( für Trauer. E-Mail-Schreiber in Fernost nutzen hingegen für den Ausdruck der gleichen Gefühle die augenbetonten Emoticons ^.^ und ;_;.

Bereits 2005 hatte der Psychologe Richard Nisbett von der Universität Michigan gezeigt, dass amerikanische und chinesische Studenten Bilder von komplexen Szenen unterschiedlich betrachten. Er legte ihnen zum Beispiel das Foto eines Tigers vor, der in einem Wald an einem Bachufer steht.

Wiederum wurden die Augenbewegungen beobachtet. Diesmal ergab sich, dass die Amerikaner von der ersten Sekunde an ihren Blick primär auf den Tiger richteten. Die Chinesen hingegen wendeten deutlich mehr Zeit für die Betrachtung des Hintergrundbildes auf und konnten sich anschließend auch besser an die Umgebung erinnern.

Nisbett vermutete damals, dass solche Sehgewohnheiten darauf beruhen, dass Asiaten in komplexen sozialen Gemeinschaften aufwachsen, in denen die Beachtung des Kontextes wichtiger sei als im individualisierten Westen. Die neue Untersuchung bestätigt jetzt zumindest, dass die Kultur vermeintlich biologisch festgelegte kognitive Fähigkeiten wie die optische Wahrnehmung beeinflusst.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Elektro-Dreckschleudern

Strom-Autos in China belasten die Umwelt stärker als Benziner. Jetzt lesen ...

(SZ vom 14.08.2009/gal)