Mikrobiologie Klein, gefräßig, gemein

Das räuberische Bakterium Bdellovibrio bacteriovorus (gelb) setzt sich an Wirtsbakterien (blau) fest, um dann in sie einzudringen und sie von innen zu verzehren. Danach reproduziert es sich - und das Spiel beginnt von vorne.

(Foto: dpa/Picture-Alliance)

Auch in der Welt der Bakterien gibt es Mord und Totschlag. Für den Menschen könnte das hilfreich sein: Forscher wollen die räuberischen Keime nutzen, um Wasser zu reinigen und Krankheiten zu bekämpfen.

Von Katrin Blawat

Die Angreifer kommen einzeln oder im Schwarm, sie attackieren direkt oder setzen ihrer Beute im Rudel chemisch zu. Die Opfer, das sind Bakterien. Und die Angreifer? Sind ebenfalls welche. Manchmal kündet schon ihr Name von ihrer räuberischen Lebensweise. Der Vorzeigejäger unter den Bakterien zum Beispiel heißt Bdellovibrio, darin steckt das griechische Wort für Blutegel (bdello). Auch ein Vampirococcus findet sich unter den Raubbakterien. Wer so heißt, der schlägt sich wohl kaum als Veganer in der Mikrobenwelt durch.

Schon angesichts dieser beiden Beispiele taucht die Frage auf: Warum nur denkt man bei Jägern und Räuber ausschließlich an Lebewesen mit Krallen und Reißzähnen? Als ob es im Mikrokosmos friedlicher zuginge als in der großen Welt. Doch auch in der Wissenschaft setzt sich diese Erkenntnis erst langsam durch, nicht zuletzt getrieben von dem Wunsch, die räuberischen Bakterien irgendwann als Reinigungskolonnen in Industrieanlagen oder Gewässern oder gar als lebende Antibiotika im Kampf gegen Infektionskrankheiten einsetzen zu können. Die aktuelle Forschung dreht sich jedoch noch vorrangig um elementare Fragen, etwa die, wie Jagdbakterien ihre Beute überhaupt finden

Klar ist: Die mikroskopischen Räuber sind unter uns. "Die heutigen Belege deuten darauf hin, dass die mikrobielle Welt von Wettkampf und Jagd geprägt ist, dass es um Fressen und Gefressenwerden"geht, schreibt der amerikanische Biologe Mark Martin in einer Übersichtsarbeit über "prädatorische Prokaryoten". Prokaryoten sind Lebewesen, denen - im Gegensatz zu den Eukaryoten - der Zellkern fehlt.

Dass es unter ihnen weit gewalttätiger zugeht, als bislang bekannt ist, vermutet auch Liz Sockett von der University of Nottingham, eine weitere der nicht eben zahlreichen Experten für jagende Bakterien: "Wahrscheinlich unterschätzen wir ihre Präsenz. Beinahe jede Boden- oder Süßwasserprobe enthält räuberische Bakterien." Auch im Ab- und Meerwasser leben Raubmikroben. Manche leben ausschließlich von der Jagd, andere greifen nur an, wenn sie nicht genug pflanzliche Nahrung finden.

Mit dabei fast immer, egal wo auf der Welt man sucht: Bdellovibrio (der zweite Teil des Namens verweist auf die Erdnussflip-ähnliche Form der Keime), bereits 1962 zufällig entdeckt von dem Berliner Mikrobiologen Heinz Stolp. Er suchte eigentlich räuberisch lebende Viren, sogenannte Bakteriophagen, über die damals wie heute mehr bekannt ist als über Raubbakterien. Statt weiterer Bakteriophagen fand Stolp Bakterien, die sich "wie Piranhas" auf andere Bakterien stürzten.

Der Jäger schafft sich einen privaten Speiseraum im Innern des Bakteriums

Wie es sich für ein jagdfiebriges Wesen gehört, ist Bdellovibrio wenig wählerisch bei der Beute. Es attackiert krank machende Keime wie Escherichia coli und Pseudomonas ebenso wie harmlose Boden- und Pflanzenkeime. Spezifischer ist hingegen seine Jagdtechnik, in der es sich von anderen Raubbakterien unterscheidet.

Zunächst müssen Jagdmikrobe und Beute aufeinandertreffen. Das passiert offenbar zum Teil zufällig, zum Teil wird es aber auch durch die schnellen Schwimmbewegungen gefördert, zu denen Bdellovibrio dank eines haarförmigen Körperfortsatzes fähig ist. Sie lassen Strömungen entstehen, die die Beute an einer Stelle im Wasser zusammentreiben und so die Trefferquote für den Jäger erhöhen, wie ein Team um Steve Pressé von der Arizona State University in Tempe in einer aktuellen Studie mit dem Titel "Hydrodynamische Jäger" gezeigt hat.