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Meteorologie Ein unberechenbarer "Schnellläufer"

Sturmtief "Xavier" versetzt den Norden in den Ausnahmezustand

Tief "Xavier" tötet in Norddeutschland eine Frau. Der Zugverkehr kommt vielerorts zum Erliegen. Flüge fallen aus. Die Hamburger Feuerwehr fordert die Bürger auf, nicht vor die Tür zu gehen. mehr...
Von Jonathan Ponstingl

Windstärke 11 in Hamburg, 61 Liter Regen pro Quadratmeter innerhalb eines Tages in Rendsburg in Schleswig-Holstein, ausgefallene Zugverbindungen in ganz Norddeutschland: Der Sturm Xavier ist mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 113 Kilometern pro Stunde über den Norden hinweggefegt. Derzeit zieht er weiter ins Landesinnere und nach Polen.

Zwar dürfte das Schlimmste im Norden bereits vorüber sein, der weitere Verlauf und die Auswirkungen des Sturms sind aber schwer zu berechnen. Grund ist eine meteorologische Besonderheit: Tief Xavier ist ein sogenannter Schnellläufer.

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Dabei handelt es sich um ein verhältnismäßig kleines Tiefdruckgebiet. Es bildet sich an den Rändern der Kaltfront großer Tiefdruckgebiete und kann besonders kräftig und unberechenbar sein. Xavier entstand in der Nacht zum Mittwoch südwestlich von Island. Im Zuge der derzeitigen Großwetterlage über Europa gelangte es ungewöhnlich schnell nach Zentraleuropa.

Das Sturmtief ist markant, aber nicht völlig ungewöhnlich

Xavier macht sich dabei eine Art Hochgeschwindigkeitstrasse für Tiefdruckgebiete zunutze: In acht bis zehn Kilometern Höhe herrschen Windgeschwindigkeiten von bis zu 300 Stundenkilometern. Sie resultieren aus den Druckunterschieden zwischen einem kalten Tiefdruckgebiet über Nordeuropa und einem warmen Hochdruckgebiet zwischen den Azoren und der Iberischen Halbinsel. Dieses Windband ist der sogenannte Jetstream.

Das Windband des Jetstreams hat das kleine Tief gewissermaßen eingefangen, unterhalb des Jetstreams ist es nach Mitteleuropa gelangt. Der Prozess ging deutlich schneller vonstatten als bei herkömmlichen, großen Tiefdruckgebieten; ein Schnellläufer eben.

Der Verlauf solcher Schnellläufer ist schwierig vorherzusagen, die Sturmfelder können kleinräumig und spontan auftreten. Daher ist es durchaus möglich, dass das Wetter in einem Moment noch angenehm und ruhig erscheint, einen Augenblick später aber Sturmböen und heftige Regenfälle einsetzen.

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Diese Wetterlage ist zwar durchaus markant, für den Herbst aber nicht ungewöhnlich. In Deutschland kommen solche Schnellläufer immer wieder vor. Auch Orkan Lothar im Dezember 1999 war ein eben solcher.

Mit Material von dpa.

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels wurde auch die Sturmflut in Hamburg von 1962 als Folge eines Schnellläufers beschrieben. Tatsächlich handelte es sich aber um ein großräumiges Sturmtief. Wir haben diesen Fehler korrigiert.

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