Meteoriteneinschlag über Russland Wie 500.000 Tonnen Sprengstoff

Spur des Meteors - die entsprechende Leuchterscheinung - am Himmel über dem russischen Tscheljabinsk.

Als dieses Jahr ein Meteoroid über dem Ural detonierte, filmten Dutzende Menschen mit. Wissenschaftler haben mithilfe dieser Videos den Einschlag in die Atmosphäre rekonstruiert: Die Explosion des Boliden entsprach der Zündung von 500 bis 600 Kilotonnen TNT-Sprengstoff in der Atmosphäre.

Von Christopher Schrader

Der 15. Februar 2013 war ein klarer Wintertag in Tscheljabinsk, der russischen Millionenstadt am Ural. Kurz nach Sonnenaufgang - um 9.20 Uhr Ortszeit, viele Bürger fuhren im Auto zur Arbeit - zog plötzlich ein Lichtstreifen über den Himmel südlich der Stadt. Blendend weiß, wie der Kondensstreifen eines Flugzeugs, schoss die Erscheinung von Osten heran, steigerte sich zu einem Blitz, der die Sonne für einen Moment überstrahlte, und verlosch nach wenigen Sekunden. Zurück blieb eine leuchtende Wolke.

Danach rollte eine Schockwelle über das Gebiet und ließ Fensterscheiben bersten. Knallgeräusche kündeten vom gewaltsamen Ende eines außerirdischen Besuchers. Über Tscheljabinsk und vielen kleineren Gemeinden im gleichnamigen Verwaltungsbezirk war ein Meteoroid von 19 Metern Durchmesser verglüht und explodiert.

Weil viele Russen Autofahrten mit Kameras auf dem Armaturenbrett aufzeichnen, standen schnell Dutzende Filmchen auf Youtube. Auf der ganzen Welt fanden sie ihren Weg in die Nachrichtensendungen - und mit einigen Monaten Verzögerung nun auch in wissenschaftliche Journale. Der Meteoroid von Tscheljabinsk ist der erste große Bolide aus dem Weltall, der in Zeiten des Mitmach-Internets eingeschlagen ist. Gleich drei internationale Forschergruppen haben die Videos und viele andere Daten penibel ausgewertet.

Die Teams sind sich in den Angaben zu dem einschlagenden Himmelskörper weitgehend einig: Der Meteoroid - so heißen kleine Felsbrocken im All, die nach einem Einschlag auf dem Erdboden Meteoriten genannt werden - war demnach etwa 19 Meter groß und hatte eine Masse von gut 12.000 Tonnen, etwas mehr als in ersten Schätzungen. Er traf 200 Kilometer östlich von Tscheljabinsk in 97 Kilometern Höhe mit einem Tempo von 68.500 Kilometern pro Stunde auf die oberen Atmosphärenschichten.

Augenblicke später leuchtete er in einer Höhe von knapp 30 Kilometern grell auf und war kurzzeitig 30-mal so hell wie die Sonne; dabei verdampfte das Gros seiner Masse. Nach Norden und Süden raste eine Schockwelle bis zu 120 Kilometer weit über das Land. Tausende kleine Meteorite regneten vom Himmel. Zusammen machen sie vier bis sechs Tonnen aus, ein winziger Bruchteil der Gesamtmasse. Das größte Fragment schlug ein sieben Meter großes Loch in einen zugefrorenen See. Dort wurde im Oktober ein 570 Kilogramm schwerer Felsklotz geborgen, noch anderthalb Meter groß.