Menschenopfer Morden für die Macht

Durch rituelles Töten wollten viele frühe Kulturen die Götter besänftigen. Offenbar hatten die grausamen Zeremonien aber noch einen anderen Zweck.

Von Christian Endt

Menschenopfer gab es in vielen Kulturen, sie sollten auf blutige Art den Zorn der Götter besänftigen. Offenbar hatten die ritualisierten Tötungen aber auch einen anderen, weltlicheren Effekt: Sie halfen, archaische Stammesvölker in höher entwickelte Gesellschaften zu verwandeln. Das zumindest legt ein Aufsatz von Forschern der Universität Auckland nahe, die nun in der Fachzeitschrift Nature erschienen ist. Demnach trug das religiös begründete Morden in vielen Fällen dazu bei, dass sich Hierarchien und Herrschaftsstrukturen verfestigten - eine Voraussetzung für die Entwicklung zu komplexeren Gemeinschaften.

Berichte über Menschenopfer gibt es aus nahezu allen Regionen der Erde. In Europa etwa von Germanen und Galliern, den alten Griechen und den Etruskern. Auch in China und Mesopotamien, bei den Azteken und auf Hawaii fanden Forscher Hinweise auf Ritualmorde. In vielen Fällen ist nicht klar, ob die Menschenopfer tatsächlich erbracht wurden oder symbolische Bedeutung hatten. So wie der biblische Fall von Abraham, der seinen Sohn Isaak auf Geheiß eines Engels im letzten Moment verschont haben soll.

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Wissenschaftler um den Psychologen Joseph Watts haben nun 93 Kulturen aus dem austronesischen Sprachraum untersucht. Dieser umfasst Taiwan, große Teile Südostasiens, Neuseeland, die Südsee, Madagaskar und Hawaii. Aus diesen Gegenden wissen Forschern relativ sicher, dass es tatsächlich Menschenopfer gab. In ihrer Studie stellten die Forscher fest, dass in Gesellschaften, wo mehr oder weniger Gleichheit innerhalb der Bevölkerung herrschte, Menschenopfer eher selten vorkamen.

Die Opfer kamen meist aus niedriggestellten Gruppen wie Sklaven

Je ausgeprägter hierarchische Strukturen waren, desto häufiger wurden Menschen rituell getötet. In der Regel handelte es sich dabei um Angehörige niederer Ränge wie Sklaven. "Unsere Ergebnisse legen nahe, dass rituelle Tötungen der Menschheit beim Übergang halfen von den kleinen, gleichberechtigten Gruppen unserer Vorfahren zu den großen, hierarchischen Gesellschaften, in denen wir heute leben", schreiben die Forscher. Menschenopfer waren demnach ein grausames Instrument der Machtausübung - und eine blutige Gebühr für den Weg zu modernen Zivilisationen.

Dirk Steuernagel ist Archäologe an der Universität Regensburg und hat sich mit echten und vermeintlichen Menschenopfern im europäischen Altertum befasst. "Bei Menschen- wie bei Tieropfern wird das Töten bewusst herausgestellt und symbolisch aufgeladen", sagt er. "Die Herrscher zeigen so ihre Verfügungsgewalt über Leben und Tod."