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26.05.2008    08:33 Uhr Drucken  |  Versenden  |  Kontakt
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Der große Schwund

Wer von Brasilianern verlangt, den Regenwald, zu bewahren, sollte auch die letzten heimischen Buchenwälder schützen. Aber die Menschheit macht immer wieder dieselben Fehler.
Von Wolfgang Roth


vergrößern Naturschützer weisen in Bonn bei der 9. Vertragsstaaten-Konferenz der UN-Konvention auf Umweltprobleme hin.
Foto: ddp
 

Die Bonner Konferenz zur Artenvielfalt geht an diesem Montag in die zweite Verhandlungswoche. Das sind die Tage, an denen hochrangige Vertreter der Nationen in das Geschehen eingreifen, um die UN-Konvention voranzubringen - oder weiterhin Fortschritte zu verhindern.

Deutschland hat als Gastland ein Interesse daran, einen Erfolg zu vermelden, und die große Schar von Umwelt- und Entwicklungsorganisationen hat schon im Vorfeld viel Stimmung dafür gemacht, dass mehr herauskommt als der eine oder andere Formelkompromiss. Die aufrüttelnden Reden, die nun in Bonn noch zu vernehmen sind, können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Vertragsstaaten noch weit davon entfernt sind, künftigen Generationen dieselben Chancen auf eine halbwegs unversehrte Umwelt zu garantieren wie der heutigen.


Die Parallelen zur Konvention gegen die globale Erwärmung sind deutlich. In beiden Fällen öffnet sich die Schere zwischen einer auf stetes Wachstum angelegten Entwicklung und dem Schwund natürlicher Ressourcen. Im Fall des Klimawandels ist die Umwelt im weitesten Sinne nicht mehr in der Lage, die zusätzliche Anreicherung mit Treibhausgasen zu kompensieren.

Die Artenvielfalt zu erhalten, ist unmöglich

Unablässig wächst die Weltbevölkerung, es wächst der Bedarf an Nahrungsmitteln, an Rohstoffen, Energiequellen und Lebensraum für die Menschheit. Wo die Grundbedürfnisse gedeckt sind, wird Wachstum aufrechterhalten, indem ständig neue Bedürfnisse entstehen.

Die Kehrseite dieser Entwicklung, die allein nach der Höhe des Bruttosozialprodukts bewertet wird, ist der Schwund. Es schwinden jene Energiequellen, die allesamt einmal lebende Materie waren, weil Kohle, Öl und Erdgas aus Pflanzen entstanden sind, also letztlich der Kraft der Sonne zu verdanken sind. Es schwinden die Naturräume, die als Wasser- und Kohlenstoffspeicher unentbehrlich sind, sowie die Pflanzen und Tiere, deren genetische Ausstattung noch weitgehend unerforscht ist, auch in ihrem Nutzen für die Menschheit.

Es schwindet mit der Verengung auf immer weniger Getreidesorten eine Vielfalt, die zu bewahren bitter nötig wäre. Denn die alten Sorten bringen zwar geringeren Ertrag, widerstehen aber möglicherweise besser neuen Schädlingen und dem sich verändernden Klima; ihr Überleben in den Samenbanken ist kein Ersatz für die stetige Anpassung an natürliche Bedingungen. Es schwindet auch fruchtbarer Boden, ausgelaugt durch intensive Landwirtschaft, angewiesen auf dauerhafte Nährstoffzufuhr und zugedeckt von Siedlungen und Verkehrswegen aller Art.

Die Artenvielfalt zu erhalten, ist unmöglich angesichts einer Weltbevölkerung, die sich in den letzten 40 Jahren verdoppelt hat und nach Schätzungen des UN-Büros bis 2050 auf mehr als neun Milliarden anwachsen wird. Es kann bestenfalls gelingen, den Schwund abzubremsen und Schlimmeres zu vermeiden. Auch das ist eine Parallele zum Klimaschutz, weil sich die Erderwärmung nicht mehr verhindern, sondern nur noch begrenzen lässt.

Ansonsten aber besteht ein gravierender Unterschied: Die Folgen des Klimawandels lassen sich in wissenschaftlichen Modellen anschaulich machen, in Computersimulationen und Szenarien, die eine hohe Wahrscheinlichkeit haben. Wie viel Vielfalt an Tieren und Pflanzen der Mensch braucht, ist dagegen schwerlich zu quantifizieren.

Die These, der Natur komme per se ein Existenzrecht zu, ist ein höchst respektabler philosophischer Ansatz, überzeugt aber nirgendwo eine Mehrheit. Und noch ein Unterschied besteht: Während die Erderwärmung, soweit sie durch menschliches Zutun bedingt ist, leider nur langfristig, aber immerhin mit Verzögerungseffekt reparabel ist, gilt für gefährdete Arten: Was weg ist, fehlt für immer und ewig.

Ein erschüttertes Dogma

Weder ein stabileres Klima noch der biologische Reichtum der Erde lassen sich aber dauerhaft sichern ohne die Veränderung von Lebensweisen und Wohlstandsmodellen. Das Dogma, der technische Fortschritt habe quasi einen Selbstreinigungsmechanismus und trage neben seinen Risiken automatisch auch die Fähigkeit zur Beherrschung dieser Risiken in sich, dieses Dogma ist nachhaltig erschüttert.

Das Umdenken fällt trotzdem schwer. Wie von der Erbsünde geschlagen macht die Menschheit immer wieder dieselben Fehler. In Chinas großen Städten zeigt sich, dass auch das Riesenreich blind in die Falle der Automobilität rennt, aus der sich Europas Metropolen gerade mühselig zu befreien suchen. Das Umdenken fällt auch schwer, weil der Sprung von einem quantitativen zu einem qualitativen Wirtschaftswachstum revolutionär erscheint.

In vielen Regionen der Erde kämpft die Bevölkerung um die nackte Existenz, die Sorge um den Bestand der natürlichen Lebensgrundlagen tritt verständlicherweise in den Hintergrund. In Deutschland ist kein Mensch darauf angewiesen, in den Baumärkten illegal geschlagenes Tropenholz zu kaufen.

Und wer von Brasilianern verlangt, die Lunge des Planeten, den Regenwald, zu bewahren, der sollte wenigstens imstande sein, die letzten heimischen Buchenwälder zu schützen. So viel zur Glaubwürdigkeit der Gastgeber in dieser Konferenz.

(SZ vom 26.5.2008/mcs)



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Leserkommentare (3)



26.05.2008 11:09:57

Christoph Leusch: Mythos deutscher Wald und Artenreichtum

Lieber Herr Roth,

Löblich, dass Sie sich um den Artenschutz so sorgen. Tatsächlich lügen sich viele in die Tasche, wenn sie glauben, mit der Rio Konferenz 1992 und den Folgeverhandlungen seien der Regenwald und seine Arten gerettet. - Unsere Kanzlerin, es wird immer betont sie sei Naturwissenschaftlerin, verfällt gerne in diese Rhetorik, als sie jüngst Präsident Lula empfahl, in seinem Land "Energiepflanzen" (für Diesel-Öl und Ethanol) nur dann anzubauen, wenn sie keinen Regenwald kosten. - Das geht nicht, weil eine Energieproduktion die mehr Profit bringt als die Produktion von Nahrungs- und Futtermitteln, diese "alte" Landwirtschaft auf die neu abgeholzten, aber wenig ertragreichen Tropenwaldflächen verdrängt, während dort, wo mit Intensivlandwirtschaft der größte Hektarertrag winkt, nun für Treibstoff gesorgt wird.

Noch 1992 stand das "Mädchen" neben ihrem Ziehvater Kohl und behauptete mit ihm und Herrn Töpfer in die Kameras winkend, nun sei ein wesentlicher Schritt getan. - Seit Rio hat sich in der Tendenz nichts geändert, die Abholzung schreitet unerbittlich voran.

Was den heimischen Artenschutz angeht, so erliegen Sie leider dem deutschen Mythos vom artenreichen Laubwald aus Buchen und Eichen.

Zwar finden Sie in solchen Wäldern, die derzeit wieder deutlich wachsen (aus ökonomischen Gründen!), mehr Arten als in den Nadelholzstangenwäldern, aber die eigentliche Katastrophe hierzulande spielt sich in den vom Nutzungsdruck (Verkehr, Wohnen, Landwirtschaft und neuerdings Energie) besonders belasteten reichhaltigen offenen Landschaftsbestandteilen, das sind Streuobstbestände, Hecken, Wiesenraine, extensive Wiesen, Waldränder, viele Trockenstandorte und Sondergebiete, wie Moore und Flussauen.

Aufgrund der Auslichtung durch Beweidung (Hutewald) waren die Laubwälder in der Vergangenheit ebenfalls noch viel artenreicher.

Es ist mühsam und kostet viel Geld, wenn man bei uns artenreiche Standorte erhalten will. Das Paradox: In Mitteleuropa gibt es Artenreichtum bis hinunter zu Kleinlebewesen nur mit und durch den Menschen, sonst wüchse fast überall relativ artenarmer Wald.

In Brasilien hingegen löscht der Mensch derzeit den noch einmal um den Faktor 1000 höheren Artenreichtum, das biologische Erbe der Welt, systematisch aus!

Grüße

Christoph Leusch

Buchempfehlung: z.B. Josef H.Reichholf, Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends


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