Anstieg der Meeresspiegel Atlantis im Jahr 12 000

In 10 000 Jahren könnten die Wasserpegel 50 Meter höher liegen als derzeit. Viele der heutigen Metropolen würden bis dahin im Ozean versinken.

Von Christopher Schrader

Sollte die Hamburger Elbphilharmonie im Jahr 12 016 noch stehen, wird die Nordsee wohl die Aussichtsplattform überflutet haben. Der Oriental Pearl Tower in Shanghai stünde vor der Küste im Meer; allein die Freiheitsstatue behielte noch trockene Füße auf ihrem Podest, gerade so. Der globale Meeresspiegel nämlich dürfte in den kommenden Jahrtausenden beträchtlich steigen, hat eine internationale Forschergruppe berechnet. Im schlimmsten Fall lägen die Pegel mehr als 50 Meter höher als heute. "Selbst wenn wir in diesem Jahrhundert etwas erreichen, das wir für einen Erfolg beim Klimaschutz halten, könnte das Meer langfristig um mehr als 20 Meter anschwellen", sagt Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Der Physiker und seine Kollegen wollen mit ihren Berechnungen die Welt auf einen gefährlichen Denkfehler hinweisen. Die Öffentlichkeit habe "den irreführenden Eindruck, der von der Menschheit ausgelöste Klimawandel wäre ein Problem des 21. Jahrhunderts", schreibt das Team in Nature Climate Change (online). Tatsächlich gerät oft in Vergessenheit, dass der Wasserpegel noch einige Jahrtausende lang weiter ansteigt. Im besten Fall wären es den Berechnungen zufolge fünf Meter bis zum Jahr 3000, weitere fünf bis zum Jahr 4000 und dann noch ungefähr zwölf Meter in den folgenden 8000 Jahren.

Auf den ersten Blick erscheint es tollkühn, 10 000 Jahre in die Zukunft zu blicken. Die heutige Geschichtsschreibung sieht kaum halb so weit in die Vergangenheit. Es ist nicht zu erwarten, dass Kulturdenkmäler von heute im Jahr 12 000 noch stehen. Levermanns Forschergruppe zieht denn auch selbst keine Vergleiche mit Freiheitsstatue oder Elbphilharmonie. Die Wissenschaftler benennen lediglich heutige Megastädte wie New York, Shanghai oder Kairo und Regionen wie Südvietnam, Bangladesh, die Golfemirate, Florida und die Niederlande, die bei einem derartigen Anstieg des Meeres kaum zu halten wären.

Vom Blickwinkel der Klimaforschung ist es kein großes Problem, Modellrechnungen für kommende Jahrtausende anzustellen. Wissenschaftler können sich darauf verlassen, dass ein Großteil der Gletscher verschwunden sein wird, wenn sich die Treibhausgase irgendwann auf hohem Niveau stabilisiert haben. "Bei einem Eiswürfel auf dem Küchentisch kann man sich fragen, ob er in fünf oder zehn Minuten schmilzt, aber es ist klar, dass er nach einer Stunde geschmolzen ist", sagt Levermann.

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"Der Meeresspiegel vergisst nicht und vergibt nicht"

Das bestätigt Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg, der an der Arbeit des Teams um Levermann nicht beteiligt war: "Wenn egal ist, wann genau etwas passiert, kann man auch weit in die Zukunft blicken." Man könne darum den Zahlen für das Jahr 12 000 mehr vertrauen als Details für die kommenden 2000 Jahre. "Eins ist klar: Der Meeresspiegel vergisst nicht und vergibt nicht "

Kommt es so, wie die Autoren der Studie erwarten, lassen Inlandgletscher das Meer um weniger als 35 Zentimeter anschwellen. Die physikalische Wärmeausdehnung des Meerwassers trägt ein bis drei Meter bei. Vom grönländischen Eisschild fließen vier bis sieben Meter in die Ozeane. Die Antarktis fügt hingegen 24 bis 45 Meter hinzu.

Wie genau das ablaufen könnte, ist deutlich komplizierter. Das macht das schmelzende Antarktis-Eis, das zurzeit nur etwa ein Achtel des Meeresspiegelanstiegs verursacht, zum interessanten Forschungsthema. Ein Team vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) zum Beispiel hat soeben mit Simulationsrechnungen ergründet, wann der Kollaps mindestens der Eismassen in der Westantarktis unausweichlich wird. Ergebnis: Wenn sich das Meer um weitere zwei Grad Celsius erwärmt, unterspült der Polarozean die Haltepunkte der Gletscher auf den Felsen der Antarktis. "Dies führt zu einem drastisch erhöhten Beitrag der Antarktis zum Meeresspiegelanstieg von etwa drei bis fünf Metern", sagt der AWI-Wissenschaftler Johannes Sutter - innerhalb von 1000 Jahren oder mehr (Geophysical Research Letters, online).

Gerade in der Antarktis verläuft der Klimawandel zurzeit noch langsam. Der Blick auf 10 000 Jahre - das ist auch dem Team um Anders Levermann klar - motiviert heute kaum jemanden, viel Aufmerksamkeit oder Geld aufzuwenden, um Menschen in mehreren Jahrtausenden den Meeresspiegelanstieg zu ersparen. Doch reine Kosten-Nutzen-Rechnungen, warnen die Forscher, beantworteten nicht die "tieferen moralischen und ethischen Fragen" nach der Verantwortung der lebenden für die ungeborenen Menschen. "Man muss vor dem Meeresspiegelanstieg keine Angst haben, deswegen muss niemand sterben", sagt Levermann. "Die Gesellschaft muss sich aber entscheiden, ob sie die Küstenregionen schützt oder aufgibt."

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