Medizinische Versorgung Hoffentlich nicht privatversichert

Hat sich schon jemand bei den Privatversicherten bedankt? Nein? Dabei ermöglichen sie den medizinischen Fortschritt - weil sie jeden Test mitmachen.

Von Werner Bartens

Kommt ein Kassenpatient zum Arzt. Er hat Stress im Büro, Ärger mit der Frau und Bauchschmerzen. Der Arzt drückt auf dem Bauch herum, sagt, "das wird schon wieder" und "gönnen Sie sich mal ein paar Tage Ruhe". Auf Wiedersehen im nächsten Quartal.

Kommt ein Privatpatient zum Arzt. Er hat Stress im Büro, Ärger mit der Frau und Bauchschmerzen. Der Arzt nimmt viel Blut ab, macht Ultraschall von Bauch und Herz ("Sie sind jetzt in dem Alter"), den Helicobacter-Atemtest, den Laktosetoleranztest und schreibt den Patienten sofort zur Darm- und zur Magenspiegelung ein. "Vorerst kommen wir ohne Kernspin aus", sagt der Arzt. "Aber wir müssen dran bleiben, die Ursache finden wir schon." Bis morgen.

Der Kassenpatient hat noch etwas Magengrummeln, dann schläft er aus, und es geht ihm wieder gut. Der Privatpatient fühlt sich erstklassig betreut und hält den Arzt für gründlich. Sein Bauch drückt noch etwas, und er macht sich natürlich Sorgen, ob nicht Schlimmeres dahinter steckt. Er schläft schlecht, muss sich bei der Arbeit abmelden, denn er hat Arzttermine für den Rest der Woche. Bei ihm wird nichts Gefährliches gefunden, nur Polypen ("die müssen wir regelmäßig kontrollieren"), leicht erhöhte Harnsäure- und Cholesterinspiegel ("sollten wir medikamentös richtig einstellen, da sehen wir uns öfter") und eine Neigung zur Laktose-Intoleranz ("diätetisch können wir da was machen").

Zwei Männer mit ähnlichen Beschwerden. Zwei Männer, die eigentlich gesund sind. Nur ist der eine privat versichert, der andere nicht.

Hat sich schon jemand bei den Privatversicherten bedankt? Nein? Dabei sind sie es, die den medizinischen Fortschritt ermöglichen. Sie lassen unbewiesene Therapien über sich ergehen, schlucken neue Medikamente, machen jeden Test mit und opfern sich für uns alle auf. Sonst traut sich keiner. Die 8,6 Millionen Privatversicherten im Land - gerade zehn Prozent der Bevölkerung - zahlen sogar höhere Beiträge. Privatversicherte sind die Märtyrer der Medizin.

Die heutigen Ärzte haben die löbliche Tradition des Selbstversuchs schleifen lassen. Keiner in Sicht wie Max Pettenkofer. Der Hygiene-Professor schluckte 1892 freiwillig Cholera-Brühe, weil er überzeugt war, dass die Erreger ihm nichts tun würden. Da irrte er gewaltig, überlebte aber trotzdem. Oder Werner Forßmann - er stach sich 1929 einen selbst gebastelten Katheter in die Ellenbeuge, schob ihn bis zum Herz vor, ging in die Röntgenabteilung und machte eine Aufnahme. Sein Chef, Ferdinand Sauerbruch, hat ihn sofort 'rausgeschmissen. 1956 erhielt Forßmann den Nobelpreis.

Heute müssen für unbewiesene Therapien die Privatpatienten ran. Also nochmals: Danke, liebe Privatversicherte!

Dafür werden sie zuvorkommender behandelt. Einen schönen Satz sagt Peter Sawicki, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen: "Privat Versicherte warten kürzer auf unnötige Operationen und überflüssige Röntgenaufnahmen."

Das Ärzte-Latein

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