Medizingeschichte Archäologie des Kinderzimmers

(Foto: Alexa Seewald)

Spielzeug, Perlen, Modellflugzeuge: Schon immer haben Kinder Dinge verschluckt und Ärzte sie wieder rausgeholt, wie die kuriose Sammlung eines verstorbenen HNO-Arztes beweist.

Von Christian Weber

Von großer Liebe zerzauste Teddybären, lackierte Blech-Lokomotiven und kunstvoll ausgestattete Puppenhäuser, all das ist im kollektiven Gedächtnis verankert. Solche Objekte sind heute Familien-Erbstücke, von Sammlern begehrt. Sie prägen unsere Vorstellung vom Spielzeug (und der Kindheit) früherer Generationen. Doch liefern solche Prunkstücke ein unscharfes, weil makroskopisches Bild vergangener Zeiten. Es ist, als würde man die Spielwelten der Gegenwart allein anhand von Barbiepuppen und Spielkonsolen darstellen, aber Legosteine und die verflixt kleinen Säbel und Handfeuerwaffen der Playmobil-Piraten ignorieren.

Womit einst noch gespielt wurde, zeigt eine Sammlung des Hamburger Ohrenarztes Karl Wittmaack (1876-1972). Sie wurde von seinem Ulmer Fachkollegen Wolfgang Pirsig für das Medizinhistorische Museum am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf wiederentdeckt. Wittmaack hatte von 1926 an bis in die 1940er-Jahre gesammelt, was er und Kollegen aus den Nasen, Gehörgängen und Speiseröhren kleiner Kinder gefischt und operiert hatten: Ansteckblümchen mit Marienkäfern, Glöckchen, Knöpfe, Aprikosenkerne, ein Zier-Edelweiß und immer wieder Perlen. Selbst lange Schrauben, Reißzwecken und Muttern haben es zum Teil in den Magen-Darm-Trakt geschafft. Von April 2016 an werden diese Objekte unter dem Titel "Verschluckt und ausgestellt" öffentlich gezeigt.

(Foto: Alexa Seewald)

"Es sind auf den ersten Blick marginale Objekte, die aber viel über die jeweilige Zeit besagen", erläutert der Medizinhistoriker und Museumsdirektor Philipp Osten. Er verweist auf das winzige Flugzeug aus dem Jahre 1941: "Sehen Sie die Bombenattrappen unter den Flügeln?" Oder die unscheinbaren Bakelit-Abschlusskappen: "Sie künden von der beginnenden Elektrifizierung des Spielzeugs."

Vermutlich werden Kinder auch in Zukunft Kleinteile verschlucken und damit vielleicht das Interesse künftiger Kulturwissenschaftler wecken. "Daran wird auch die derzeitige Digitalisierung der Spielewelt nichts ändern", vermutet Osten. "Schließlich haben Kleinkinder immer noch ihre orale Phase, in der sie mit dem Mund die Welt erkunden." So liegt die Einsicht nahe: Ohne die Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde ist eine ernst zu nehmende Archäologie des Kinderzimmers wohl nicht zu machen.