Von Andreas Grote

Auch schwangere Frauen brauchen Arzneimittel - doch die meisten Medikamente sind offiziell nicht für sie zugelassen. Und Ärzten fehlen für die Behandlung oft wichtige Informationen.

Auch Schwangere brauchen Arzneimittel. Laut Statistik nehmen 15 bis 50 Prozent aller Frauen während der ersten drei Schwangerschaftsmonate Medikamente, um chronische Erkrankungen, akute Infekte oder schwangerschaftsbedingte Leiden zu behandeln.

Medikamente für Erwachsene können die Gesundheit von Embryos gefährden Bild vergrößern

Medikamente für Erwachsene können die Gesundheit von Embryos gefährden. (© Foto: obs/ProDente e.V)

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Doch die allermeisten Mittel sind offiziell nicht für Schwangere zugelassen. Erst kürzlich warnte die US-Arzneimittelbehörde FDA erneut vor den Blutdruck senkenden ACE-Hemmern während der frühen Schwangerschaft, da als Folge schwere Geburtsfehler beobachtet wurden.

Damit das Ungeborene keinen Schaden nimmt, muss der Arzt Nutzen und Risiko für Mutter und Fetus gut abwägen. Doch dazu fehlen oft wichtige Informationen.

"Den meisten Hausärzten und Gynäkologen dienen dazu lediglich die Fachinformationen der Pharmafirmen", erklärt Wolfgang Paulus vom Institut für Reproduktionstoxikologie am Krankenhaus St. Elisabeth in Ravensburg.

Für eine objektive Risikoabschätzung reichen diese Angaben jedoch nur selten aus. Die Informationen sind spärlich, da Pharmafirmen Studien mit Schwangeren aus Angst vor Schadenersatzansprüchen ablehnen.

Seit der Contergankatastrophe, die bis Anfang der sechziger Jahre durch das Beruhigungsmittel Thalidomid schwere Defekte der Gliedmaßen bei Kindern auslöste, stuft die Pharmaindustrie Arzneimittel kategorisch für Schwangere als kontraindiziert ein, wenn im Tierversuch nur der Verdacht von Einflüssen auf die Reproduktion besteht.

Schlampige Studien

Die Ärzteschaft ist daher auf sich allein gestellt. Das Institut für Reproduktionstoxikologie ist eines der wenigen Mitglieder des European Network Teratology Information Services (ENTIS), eines Netzwerks von Reproduktionstoxikologen in Europa, die sich zu dem Thema im ständigen Informationsaustausch auch mit internationalen Kollegen befinden.

"ENTIS berät Ärzte bei der Risikoabschätzung einer Therapie von Schwangeren", sagt Paulus. Von vielen Kollegen erhält der Mediziner später Meldungen über den Schwangerschaftsverlauf mit dem Medikament und über den Gesundheitszustand der geborenen Kinder, sodass er und seine Kollegen auf eine große, aber mühsam aus Einzelfällen aufgebaute Datenbasis zurückgreifen können.

Eine vor zwei Wochen von Paulus und seinen Kollegen präsentierte ENTIS-Auswertung konnte eine FDA-Warnung vom vergangenen Oktober vor dem Antidepressionsmittel Paroxetin nicht bestätigen.

Die Warnung basierte auf schlampigen, unveröffentlichten Untersuchungen des Herstellers GlaxoSmithKline und hatte möglicherweise zur Folge, dass Frauen abgetrieben haben, weil sie befürchteten, ein behindertes Kind zu bekommen.

"Zwar gibt es seit Thalidomid nur noch sehr wenige Substanzen mit hohem Potenzial für Fehlbildungen", erklärt Thierry Buclin vom Schweizer ENTIS-Ableger STIS an der Universitätsklinik Lausanne.

Aber im ersten Schwangerschaftstrimester, in dem lebenswichtige Organe gebildet werden, besteht die Gefahr elementarer Fehlbildungen. Der veränderte Stoffwechsel in der Schwangerschaft macht es aber schwierig, die optimale Dosis zu finden. Außerdem gibt es nur wenige Daten darüber, wie viel einer Arznei beim Fetus ankommt.

Die FDA ermittelt daher zurzeit an großen klinischen Zentren an Tausenden von Schwangeren die sicherste und effektivste Dosierung von bereits gut untersuchten Arzneimitteln gegen Depressionen, Epilepsie, Frühwehen und Schwangerschaftsdiabetes.

"Wir wissen einfach zu wenig und verweigern deshalb oft Schwangeren effektive Therapien", sagt Jason Umans. Der Mediziner beobachtet am Medical Center der Georgetown University die Folgen einer Therapie mit dem Sulfonylharnstoff Glyburid, der in den USA gegen Schwangerschaftdiabetes eingesetzt wird. Bereits vor fünf Jahren hatte die FDA Studien mit Medikamenten gegen Bluthochdruck bei Schwangeren initiiert.

Die vor kurzem veröffentlichten Ergebnisse zeigten, dass neun Prozent der Kinder, deren Mütter in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten ACE-Hemmer eingenommen hatten, mit schweren Fehlbildungen am Herzen oder am zentralen Nervensystem zur Welt kamen.

ACE-Hemmer unterdrücken beim Erwachsenen den Botenstoff Angiotensin, und senken so den Blutdruck. Doch beim Ungeborenen beeinflusst Angiotensin möglicherweise die Organentwicklung.

"Wenn bei eindeutiger Indikation hingegen ein erprobtes Medikament eingesetzt wird, dann bedeutet dies kein erhöhtes Risiko", sagt Ernst Beinder, Leitender Arzt der Klinik für Geburtshilfe am Universitätsspital Zürich. Im Gegenteil: Eine medikamentöse Behandlung zu unterlassen könne zu einer Erhöhung fetaler Risiken führen.

Unbehandelte Diabetes erhöht das Todesrisiko

So verdreifacht eine unbehandelte Diabetes der Mutter das Risiko für eine Totgeburt. Ein Harnwegsinfekt ohne antibiotische Behandlung erhöht die Gefahr einer Frühgeburt und epileptische Krampfanfälle bergen ein erhöhtes Risiko für das Kind durch Verletzung oder Sauerstoffmangel.

Für fast alle akuten Erkrankungen wie Infektionen, Schmerzen, Allergien, Thrombosen und Herz-Kreislauferkrankungen in der Schwangerschaft stehen Medikamente zur Verfügung, die gut erprobt und sicher für den Fetus sind.

Bei chronischen Erkrankungen ist die Absprache mit dem Arzt wichtig. Denn das Absetzen des Arzneimittels während der Schwangerschaft kann ein größeres Risiko für den Fetus sein, als es weiter zu nehmen, warnt Margaret Howard vom Woman and Infants Hospital im britischen Providence.

Doch es gibt auch Medikamente, die problematisch sind - dazu gehören einige Epilepsie-Arzneien. Aktuellen Studien zufolge gibt es deutliche Anzeichen für eine verminderte Intelligenz von Kindern, deren Mütter diese Mittel eingenommen haben. Das Risiko für Fehlbildungen ist nach Erhebungen des Europäischen Registers für Schwangerschaften unter Antiepileptika um den Faktor drei erhöht.

Viele Antiepileptika stören beispielsweise den Folsäure-Stoffwechsel, was zu einem mangelhaften Verschluss des Neuralrohrs führen kann. "Ist eine Schwangerschaft geplant, sollte schon Monate vor dem ungeschützten Geschlechtsverkehr mit dem Arzt über den Umstieg auf ein gut dokumentiertes Mittel entschieden werden", rät Paulus. Häufig aber nehmen Frauen es ein, ohne zu wissen, dass sie schwanger sind.

Zwar kommen ständig wirksamere und nebenwirkungsärmere Medikamente auf dem Markt. "Doch hier liegen für Schwangere noch keine Erfahrungen vor", sagt Paulus. Schwangere mit Migräne, depressiven Erkrankungen, Magenulkus und Bluthochdruck erhalten daher nicht immer die wirksamsten Medikamente. Dafür ist manch ein bewährter Wirkstoff für das Ungeborene sicherer.

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(SZ vom 4.7.2006)