Medizin Alte Menschen leiden anders

Alte Menschen haben aus ärztlicher Sicht komplizierte Eigenschaften: Erstens werden sie häufiger krank als junge. Zweitens leiden sie oft an mehreren Gebrechen gleichzeitig. Drittens erholen sie sich langsamer, weswegen ihre Behandlung aufwändiger und langwieriger ist. Die Medizin hat sich aber nur unzureichend auf ihre größte Klientel eingestellt.

Von Werner Bartens

In den Leitlinien und Therapie-Empfehlungen der Ärzte wird kaum berücksichtigt, dass alte Menschen anders leiden und anders krank sind als junge.

Altersmediziner der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore haben in der heute erscheinenden Ausgabe des Journal of the American Medical Association beispielhaft beschrieben, welche absurden Folgen es in der Praxis hätte, würden die gängigen Leitlinien immer befolgt: Die Ärzte nannten in ihrem Artikel als Exempel eine 79-Jährige, die an Diabetes, Bluthochdruck, chronischer Bronchitis, Osteoporose und Gelenkrheuma leidet. Eine typische Krankheitskombination in diesem Alter.

Tägliche Medikamentendosis

Die ältere Dame müsste nach den Empfehlungen der medizinischen Fachgesellschaften zu fünf verschiedenen Tageszeiten zwölf Medikamente in insgesamt 19 Dosierungen einnehmen. Außerdem müsste sie ein Dutzend nicht pharmakologische Therapie-Empfehlungen beherzigen wie richtige Ernährung, spezielles Schuhwerk und Bewegung.

Die unübersichtliche Vielzahl der Medikamente und Ratschläge ist jedoch nicht das einzige Problem bei der Behandlung alter Menschen. Mindestens ebenso misslich ist, dass sich etliche Therapieempfehlungen widersprechen. Wenn die empfohlene Arznei gegen Gelenkrheuma die Wirkung der Tabletten gegen Bluthochdruck abschwächt oder sich andere Arzneikombinationen konterkarieren, bringt das die Patienten in Gefahr und verursacht nebenbei unnötig hohe Kosten. So fanden die Autoren der Studie, dass unerwünschte Nebenwirkungen wahrscheinlicher werden, wenn die Ärzte fünf der neun untersuchten Leitlinien befolgen.

Wichtig für Industrienationen

"Die Leitlinien sind von Expertengremien zur Behandlung einzelner Krankheiten erstellt worden", sagt Cynthia Boyd, die Leiterin der Untersuchung. "Den Ärzten, die es mit alten Menschen zu tun haben, die an mehreren Krankheiten leiden, ist damit nur wenig geholfen." Dass der Beispielfall aus der Fachzeitschrift nicht der Phantasie praxisferner Statistiker entspringt, zeigt die demografische und gesundheitliche Entwicklung der Industrienationen:

In diesen Ländern klagt fast die Hälfte der Menschen jenseits der 65 über mindestens drei chronische Leiden. Zwanzig Prozent dieser Altersgruppe haben sogar fünf oder mehr chronische Erkrankungen. Doch obwohl ältere Menschen einen immer größeren Anteil unter den Patienten ausmachen, stellt sich die Medizin unzureichend auf ihre Bedürfnisse ein.

"Natürlich gibt es die Forderung, medizinische Leitlinien interdisziplinär besser abzustimmen", sagt Gerd Antes, der das Cochrane-Zentrum zur Bewertung medizinischer Studien in Freiburg leitet. "Viele Ärzte sind überfordert, Einzelinformationen zu den Erkrankungen zusammenzuführen." Doch bisher blieb es bei Versuchen. Dabei ist es gerade für die Behandlung alter Patienten wichtig, nicht einzelne Krankheiten zu therapieren, sondern den Menschen als Ganzes.