Umstrittene Medikamententests in Indien Versuchsperson, ohne es zu wissen

Über Forschungsagenturen lassen westliche Pharmakonzerne Medikamente in Indien testen. Viele Probanden sind Analphabeten und ahnen nicht, dass sie ein Placebo erhalten - oder ein Medikament, das noch nicht zugelassen ist.

Von Benjamin Best und Rebecca Gudisch

Wenn Ameena lächelt, entblößt sie die klaffenden Lücken in ihrem Mund. Sie hat nur noch einzelne, schief stehende Zähne. Bei ihrem Mann sieht es nicht anders aus. "Unser Geld reicht geradeso für das Essen", sagt Ameena. Extras wie ein Zahnarztbesuch sind da nicht drin. Die 62-Jährige und ihr Mann leben in Pithampur, einer kleinen Siedlung aus notdürftig mit Plastikplanen und Lehm geflickten Hütten. Die Toilette ist das freie Feld hinter dem Dorf. Ihr ganzer Stolz ist ihre Kuh und einige Ziegen, die sie züchten, um von dem Ertrag irgendwie zu überleben.

Als Ameena vor ein paar Jahren krank wurde und Probleme mit dem Herzen bekam, brachte ihr Mann sie mit dem Bus in das staatliche Krankenhaus der Millionenstadt Indore, ungefähr eine Autostunde vom Dorf entfernt. Dort erhofften sie sich bezahlbare Hilfe. Der Arzt verordnete Ameena Tabletten.

"Was das für Tabletten waren, weiß ich nicht", erzählt sie. Der Arzt bat sie, einige Papiere zu unterschreiben. "Aber ich kann nicht lesen und schreiben, deshalb weiß ich nicht genau, was das war. Ich habe meinem Arzt vertraut, dass er mich heilen kann." Einige Papiere habe sie deshalb mit ihrem Daumenabdruck abgezeichnet.

Jetzt ist Ameenas Name nach Recherchen des WDR auf einer brisanten Liste aufgetaucht: Es handelt sich um eine interne Aufstellung der indischen Polizeibehörde. Auf dieser Liste stehen Namen und Adressen von 81 Menschen, die an medizinischen Versuchen im Raum Indore teilgenommen haben - für die unterschiedlichsten Pharmafirmen und Medikamente. Aus der Liste geht hervor, dass Ameena eine Versuchsperson in einer klinischen Studie des Pharmakonzerns Bristol-Myers Squibb war, die in Zusammenarbeit mit dessen Konkurrenten Pfizer durchgeführt wurde.

Eingeklemmt unter dem Wellblechdach, damit das Papier bei der nächsten Flut trocken bleibt, hat Ameena eine zerknitterte Medikamentenschachtel verwahrt. Auf ihr klebt noch ein Siegel von Bristol-Myers Squibb und es findet sich die Aufschrift: "Vorsicht neues Medikament. Laut US-Gesetz nur für den Test-Gebrauch bestimmt". Auch die Versuchsnummer CV 185-048 ist zu lesen.

Mithilfe dieser Nummer ist die Arzneimittelstudie im amerikanischen Register schnell gefunden. Denn nur Studien, die dort zu Beginn registriert werden, können anschließend für die Zulassung des getesteten Medikaments in den USA verwendet werden. Im Register ist zu erfahren, dass die Studie immer noch andauert und nachweisen soll, ob der Gerinnungshemmer Apixaban bei Patienten mit Vorhofflimmern einen Schlaganfall effektiver verhindert als Acetylsalicylsäure, besser bekannt unter dem Markennamen Aspirin.

"Außerdem soll die Sicherheit dieser Behandlung getestet werden", heißt es weiter in der Studienbeschreibung. In den USA läuft der Zulassungsantrag gerade auf der Basis eines anderen Versuchs - wurde aber erneut aufgeschoben, weil die US-Zulassungsbehörde FDA im Juni von Bristol-Myers Squibb und Pfizer weitere Informationen verlangt hat. In Europa ist der Wirkstoff zwar zugelassen, aber nur, um nach dem Einsatz eines künstlichen Knie- oder Hüftgelenks Thrombosen zu verhindern; nicht jedoch bei Vorhofflimmern.

Bristol-Myers Squibb erklärt auf Nachfrage zu dem Fall von Ameena: "Wir legen hohe Maßstäbe in Bezug auf unser ethisches Verhalten. Unsere Medikamente entsprechen den von den (indischen) Zulassungsbehörden vorgeschriebenen Anforderungen." Ameena aber bleibt bei ihrer Aussage: Ihr Arzt habe sie nie darüber aufgeklärt, dass sie bei einem Versuch mitmache. "Ich bin wütend, dass der Arzt das mit meiner Frau gemacht hat", sagt ihr Mann.

Der Arzt erklärt, momentan zwei verschiedene Versuche zu Herzmedikamenten durchzuführen. Für welche Firmen will er aber nicht offenlegen. Analphabeten würde er dabei so gut wie nie einbeziehen. "Und wenn doch, dann muss jemand dabei sein, der den Patienten alles genau erklärt." Auf die Vorwürfe angesprochen, dass Patienten behaupten, nicht richtig aufgeklärt worden zu sein, reagiert er unwirsch. "Das sind falsche Anschuldigungen."