Kinder nehmen Medikamente anders auf als Erwachsene. Das kann verheerende Folgen haben, die sich häufig erst spät zeigen.
Wenn Kinder krank sind, reicht es nicht, Tabletten von Erwachsenen dem geringeren Körpergewicht anzupassen. Kinder nehmen Medikamente anders auf, ihre Lebern und Nieren sind aktiver als bei Erwachsenen. Das kann verheerende Folgen haben.
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Die Forschung zur Medikamentensicherheit bei Kindern steckt noch in den Anfängen. (© Foto: dpa)
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Doch die Forschung zur Medikamentensicherheit bei Kindern steckt noch in den Anfängen. Eine Studie in der Septemberausgabe des Fachmagazin Pediatrics (online) zeigt, dass viele Nebenwirkungen erst bekannt werden, wenn die Medikamente schon auf dem Markt sind.
Kinderärzte um Brian Smith von der Duke University in North Carolina haben 130 Fälle nachgezeichnet, in denen zusätzliche Warnhinweise nötig wurden. In den USA schreibt die Kontrollbehörde FDA seit 2002 vor, Arzneien nach der Marktzulassung genauer zu überprüfen. Dafür wird der Patentschutz verlängert.
Bei Antidepressiva aus der Gruppe der SSRI musste auf eine erhöhte Suizidgefahr bei Jugendlichen hingewiesen werden, bei schmerzstillenden Opioid-Pflastern auf Unverträglichkeitsreaktionen, die bis zum Tode führten. Das unter dem Namen Ritalin bekannte Methylphenidat erhöhte das Risiko für psychiatrische Störungen.
"Wenn ein Mittel klinisch getestet wurde, heißt das nicht, dass man sein Nebenwirkungsprofil kennt", sagt Danny Benjamin, der an der Studie beteiligt war. "Bevor es den verlängerten Patentschutz gab, wurden Mittel für Kinder gar nicht systematisch überprüft."
Die Europäische Union hat erst 2007 eine Verordnung in Kraft treten lassen, die Kinder besser schützen soll. Obwohl Ärzte wissen, dass der wachsende Organismus anders reagiert als der ausgewachsene, sind viele Medikamente nicht für Kinder getestet.
In Kinderkliniken liegt die Rate der unerwünschten Arzneimittelwirkungen bei sechs Prozent, wenn nicht zugelassene Medikamente verwendet werden. Werden Arzneien verabreicht, die für diese Indikation auch zugelassen sind, liegt die Rate der Nebenwirkungen bei 3,9 Prozent.
"Je kränker sie sind, desto schlechter sind Medikamente für Kinder untersucht", beklagt Hannsjörg Seyberth, ehemaliger Direktor der Universitätskinderklinik Marburg. Im Ernstfall würden Kinder so unfreiwillig zu Versuchskaninchen. Gründlich getestet seien Mittel gegen banale Erkrankungen wie Husten, Schnupfen, Heiserkeit. "Das ist ja auch ein großer Markt", sagt Seyberth.
Für Kinder mit seltenen oder schweren Leiden wie Herzerkrankungen, Epilepsie oder Krebs, die oft im Krankenhaus sein müssen, wurden jedoch 50 bis 80 Prozent der Arzneien nicht gründlich geprüft.
Auch in Europa wurde die Verordnung zum Schutz der Kinder nur mit Hilfe eines massiven Anreizes möglich: Den Arzneimittelherstellern wurde ein um sechs Monate verlängerter Patentschutz in Aussicht gestellt. In den USA wurde dies bereits ausgenutzt. Der Pharmakonzern Eli-Lily etwa hat das Antidepressivum Prozac auch an Kindern getestet. Den geringen Ausgaben für diesen Test standen Gewinne von mehreren hundert Millionen Dollar durch den verlängerten Patentschutz für den Arznei-Bestseller gegenüber.
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(SZ vom 02.09.2008/mcs)
Machtkampf in der Linken
Auch bei Ritalin werden die teils erheblichen Nebenwirkungen erst langsam erkannt, nachdem das Mittel seit vielen jahren Kindern verabreicht wird. Wirkliche Langzeitwirkungen über 3 jahre hinaus sind weitgehend unerforscht. Die gesamte Pharmakinetik ist unbekannt. So hat sich z.B. erst kürzlich bestätigt, dass die Kinder nicht mehr richtig wachsen. Über die Nebenwirkungen gibt es keineswegs viele Studien. Und dass die positiven Effekte die Nebenwirklungen übersteigen sollen, ist eine kühne Behauptung, die nirgends belegt ist. Im Gegentwil, drei Viertel der Kinder sind falsch diagnostiziert und bekommen deshalb zu Unrecht Ritalin. Hier können also die positiven Wirkungen gar nicht überwiegen.
Meine Vorrednerin (Lotta...) hat es auf den Punkt gebracht: Medikamente an Kindern zu testen ist nicht so ohne Weiteres möglich.
Nun muss aber auch die Frage gestattet sein, was jeweils schwerer wiegt: Die eigentliche Krankheit und ihre Symptome oder eventuelle Nebenwirkungen, die auftreten könnten, wenn man Medikamente gegen Krankheit und / oder Symptome verabreicht.
Ich wage zu vermuten, dass sehr oft die positiven Wirkungen vieler Medikamente überwiegen und die eventuellen Nebenwirkungen in Kauf genommen werden können oder müssen.
Es wäre z.B. eine Katastrophe, wenn einem Kind aus Angst vor den Nebenwirkungen das Paracetamol-Zäpfchen vorenthalten werden würde und das Kind deshalb wegen zu hohem Fieber ernsthaft Schaden nimmt.
Was also tun? Ganz Einfach: Erfahrung! Es gibt Erfahrung! Und diese wird genutzt und das ist durchaus ok. Anwenden von Erfahrungen zusammen mit einer Risikoabwägung ist angesagt.
Ähnliches gilt für das (zu Unrecht) oft gescholtene Ritalin. Auch hier ist das durch Ritalin vom Kind abgewendete Leid vielfach höher als eventuelle Nebenwirkungen. Hier "psychiatrische Störungen" pauschal als wahrscheinliche Nebenwirkung darzustellen ist schlicht unseriös! Es gibt einfach unglaublich viele dokumentierte Erfahrungen zum Gebrauch von Ritalin. Und im Gegensatz zum Autor dieses Artikels habe ich Quellen und gebe diese an, z.B. : http://www.paediatrie-hautnah.de/archiv/2006/03/ph0603_144.pdf
Was stört: Wiedereinmal müssen in dem Artikel die "üblichen Verdächtigen" wie Antidepressiva, Ritalin und Opiate als Sündenbock herhalten - und das auch noch ohne Quellenangabe. Einfach so dahin geschrieben, eine Behauptung in den Raum gestellt. Stimmungs- und Meinungsmache mit populär-kontroversen Themen statt echter Recherche und redaktioneller sorgfältiger Arbeit.
Herr Bartens stellt die Problematik sehr einseitig dar. Seine Lösung sieht einfach aus: Die Arzneimittelhersteller erhalten einen (finanziellen) Anreiz, testen ihre Medikamente daraufhin auch an Kindern, alle sind glücklich.
Für mich stellen Medikamentenstudien an Kindern jedoch ein großes ethisches Problem dar. Ein erwachsener, mündiger Mensch mag freiwillig, zum Wohle anderer und gegen gute Bezahlung seine Gesundheit oder gar sein Leben aufs Spiel setzen, dagegen habe ich wenig einzuwenden.
Ein Kind kann allerdings noch nicht abschätzen, welche Folgen derartige Tests für sein Leben haben könnten (der Artikel legt ja sogar nahe, die Auswirkungen könnten wesentlich schlimmer sein als beim Erwachsenen), genau aus diesem Grund ist es auch vom Gesetzgeber als UNMÜNDIG eingestuft. Ebensowenig kann es mit der "Belohnung" oder vielmehr Entschädigung - viel Geld - in diesem Alter etwas anfangen, zumindest nichts Sinnvolles.
Sowohl über die leibliche Unversehrtheit als auch über die Finanzen des Kindes müssen aus diesem Grund die Eltern wachen. Die Frage ist: Hat irgendein Mensch das Recht, einen anderen Menschen, gleich wie alt dieser ist und wie nahe er ihm steht, unnötigen körperlichen Gefahren auszusetzen? Und wie bereits erwähnt: Die Zustimmung des Kindes selbst reicht auch nicht, weil es das Risiko noch nicht einschätzen kann.
Es mag grausam klingen, aber vielleicht ist die bisherige Praxis nicht die unethischste: An Kindern ungetestete Mittel schwer- bis todkranken Patienten verabreichen, die sowieso auf sie angewiesen sind, weil sie keine andere Chance mehr hätten. Sie hätten auch keine bessere Ausgangsposition, wenn das entsprechende Medikament etwa für Kinder verboten wäre.
Was diese Handhabung allerdings nicht fördert, ist die Herstellung von Arzneimitteln speziell für Kinder.