Patienten sehen in den Beipackzetteln von Arzneimitteln nur eine Liste bedrohlicher Nebenwirkungen. Manche Forscher dagegen suchen hier nach Ideen für neue Therapien.
Es gibt Forscher, die suchen den Regenwald mit seinen exotischen Pflanzen und Tieren nach neuartigen Wirkstoffen ab. Andere steigen in die Meere oder erschaffen im Labor ein Molekül nach dem anderen, in der Hoffnung auf einen medizinischen Wirkstoff gegen Krebs, Demenz, Bluthochdruck oder Mikroben. Peer Bork macht es sich einfacher, er schaut einfach in seinen Arzneischrank.
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Die Nebenwirkungen mancher Medikamente bringen Forscher auf die Spur neuer Therapien. (© Foto: ddp)
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Viele der heutigen Medikamente wirken nicht nur gegen eine Krankheit, sondern entfalten auch an anderen Stellen des Körpers einen Effekt, der dann als mehr oder weniger schlimme Nebenwirkung im Beipackzettel aufgeführt wird. Bork benutzt sie, um neue Einsatzgebiete für alte Medikamente zu finden.
Ähnliche Medikamente, etwa zwei Heuschnupfenmittel, greifen im Körper oft dieselben molekularen Zielstrukturen in den Zellen an, funktionieren auf ähnliche Weise und führen zu vergleichbaren Nebenwirkungen.
Im Umkehrschluss könnte das aber auch bedeuten, so die Überlegung von Bork und seinen Kollegen vom European Molecular Biology Laboratory (EMBL) in Heidelberg, dass Medikamente, die ähnliche Nebenwirkungen zeigen, womöglich auf ähnliche Weise im Körper arbeiten.
Dies könnte zu neuen Anwendungen für etablierte Medikamente führen, sagt Bork, "selbst wenn sie nicht speziell für dieses Krankheitsbild entwickelt wurden".
Um das zu prüfen verglichen die Biochemiker und Bioinformatiker zwei Jahre lang systematisch die Nebenwirkungen von 502 Medikamenten immer paarweise miteinander. Dabei beobachteten sie, dass für 754 dieser Paare auffällig stark ähnelnde Nebenwirkungen im Beipackzettel beschrieben wurden.
Das Magenmittel Rabeprazol verursacht zum Beispiel ähnliche Beschwerden wie fünf verschiedene Antidepressiva, darunter Fluoxetin, das unter dem Handelsnamen Prozac bekannt ist. Daraus folgert Bork: "Vielleicht kann Rabeprazol auch Depressiven helfen."
Ob sich diese Hoffnung bestätigt, könnten nur klinische Studien mit Patienten klären, doch die seien so teuer, dass nur die Pharmaindustrie sie finanzieren könnte. Erste Laboruntersuchungen an Zellkulturen mit vorerst 20 Wirkstoffen, die einen nutzbaren Nebeneffekt im Beipackzettel offenbarten, machen den Forschern immerhin Mut. Tierversuche sollen folgen.
Viagra fürs Herz
Die Geschichte der Pharmazie ist voll von Beispielen, bei denen sich aus einer ungeplanten Nebenwirkung eine neue Anwendungsmöglichkeit und damit der eigentliche Erfolg eines Medikaments entwickelte. Viagra sollte eigentlich ein Herz-Kreislauf-Mittel werden, bis die männlichen Patienten ihren Ärzten von einer verbesserten Potenz berichteten.
Die Nebenwirkung wurde schnell zur Hauptwirkung. Der Wirkstoff wurde 1998 zur Behandlung von Erektionsstörungen zugelassen und erst acht Jahre später auch für die ursprüngliche Indikation. Aspirin ist ein weiteres Beispiel. Anfangs wurde es nur als Schmerzmittel eingesetzt. Heute wird der Wirkstoff Acetylsalicylsäure wegen seiner antientzündlichen Effekte und der Fähigkeit, die Verklumpung von Blutplättchen zu verhindern auch gegen Fieber, Rheuma und zur Vorbeugung von Thrombosen verwendet.
Ein Anliegen der Pharmaindustrie bestehe durchaus darin, Bekanntes weiterzuentwickeln, bestätigt Rolf Hömke vom Verband forschender Arzneimittelhersteller (VFA). "Studien zur Erweiterung des Anwendungsgebietes zugelassener Medikamente spielen für unsere Unternehmen natürlich eine große Rolle."
Die Entwicklung eines neuen Medikaments ist zeitaufwendig und teuer. Zugelassene Medikamente müssten nur einen Teil der notwendigen Tests durchlaufen, weil sie ihre Wirksamkeit und Verträglichkeit teilweise schon in jahrzehntelanger Anwendung bewiesen haben. Doch ist Hömke kein Unternehmen bekannt, das "systematisch anhand der Nebenwirkungen auf neue Anwendungsgebiete für Präparate" schließen würde.
Peer Bork und seine Kollegen haben sich mit Patenten dagegen abgesichert, dass die Industrie ihren Ansatz kopiert. Zwar haben die Forscher sämtliche von der US-Arzneimittelbehörde FDA zugelassenen Medikamente mit starken Nebenwirkungen miteinander verglichen, doch Bork sieht in der Methode viel Potential, um sogenannte "fallen angels", Wirkstoffkandidaten, die im Lauf der klinischen Prüfungen scheiterten, wiederzubeleben.
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(SZ vom 11.07.2008/mcs)