Märchen und Mythen: Woher kommen sie? Geschichten aus der Steinzeit

Replik einer Höhlenmalerei aus der Höhle von Lascaux, ausgestellt im Cap Sciences Museum in Bordeaux.

(Foto: Caroline Blumberg/dpa)

Manche Mythen und Märchen der Gegenwart erzählten sich bereits die Menschen vor Zehntausenden Jahren. Wissenschaftler rekonstruieren mit biologischen Methoden ihren Ursprung.

Von Christian Weber

Es waren einmal drei Schwestern, die waren allein zu Haus. Da klopfte es an der Tür. "Macht auf, ich bin es, eure Großmutter!" Die Mädchen öffneten die Tür und wunderten sich: "Großmutter, warum hast du so große Augen?"

"Damit ich euch besser sehen kann!"

"Und wieso ist deine Stimme so tief?"

"Damit ihr mich besser hören könnt."

Mit dieser Auskunft gaben sich die drei offensichtlich nicht übermäßig hellen Schwestern zufrieden. Sie protestierten auch nicht, als sich die Großmutter in der Nacht zum Schlafen zu ihnen legte. Doch dann entpuppte sich die Großmutter als finsterer Tiger. Geschwind fraß er das kleinste der drei Mädchen auf. Die beiden anderen konnten fliehen und kletterten auf einen Baum. Als der Tiger ihnen folgte, fiel er von einem Ast und war tot.

So - oder so ähnlich - erzählen die Mamas und die Papas in den Kinderzimmern Japans, Chinas, Koreas und weiterer Gebiete Ostasiens noch heute die Geschichte von der "Tiger-Großmutter". Und wer jetzt dennoch an ein bekanntes deutsches Volksmärchen denkt, der ist auf der richtigen Spur. Ja, die Geschichte erinnert an das Märchen von "Rotkäppchen und dem bösen Wolf", nur dass eben - unter anderem - der Canine durch die gestreifte Raubkatze ersetzt worden ist. Offenbar gibt es regionale Varianten dieses Märchens in ganz anderen Ecken der Welt.

Für Germanisten und Volkskundler ist das erst mal keine Überraschung. Seit den Sammlungen der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm zu Anfang des 19. Jahrhunderts weiß man, dass sich vermeintlich genuin deutsche Plots auch in der mündlichen Überlieferung unter anderem in Indien, Persien und Arabien finden. Bereits vor Jahren erstellten Wissenschaftler den ATU-Katalog (abgekürzt für Aarne-Thompson-Uther), bis heute das wichtigste Referenzwerk. Es verzeichnet 2000 unterschiedliche sogenannte "Internationale Typen" von Volkserzählungen und Märchen aus 300 Kulturen weltweit, die jeweils aus einem bestimmten Mix von Themen, Plots und Charakteren bestehen. Rotkäppchen etwa findet sich in dem Werk unter der Seriennummer ATU 333.

Neu hingegen sind die Methoden, mit denen Anthropologen und Ethnologen, Linguisten und Kognitionswissenschaftler die Märchen, Mythen und Sagen der Welt erkunden. Sie bedienen sich der Algorithmen der Genetik, um auf einer besser abgesicherten Basis zu den Ursprüngen der großen und kleinen Erzählungen der Menschheit zu gelangen. So können sie deren Stammbäume und Verwandtschaftsbeziehungen rekonstruieren sowie zu deren Wurzeln vorstoßen; sie reichen mitunter bis in die Altsteinzeit. Dabei geht es beileibe nicht nur um Literaturwissenschaft. Mithilfe der neuen Methoden lassen sich auch Erkenntnisse über die Besiedlungsgeschichte der Erde gewinnen, und darüber, wie Kulturen sich entwickeln.

Illustration: Un petit chaperon rouge by Marjolaine Leray, Actes Sud, 2009

Aber auch die kleinen Erkenntnisse sind nicht uninteressant für Märchen-freunde. So galt bislang, dass die Ge-schichte von dem kleinen, naiven ATU-333-Mädchen mit dem roten Umhang und dem bösen Tier ursprünglich aus Asien stammt. Der Sozialanthropologe Jamshid Tehrani von der britischen Durham University konnte hingegen in einer 2013 im Fachmagazin Plos One publizierten Studie mit der sogenannten phylogenetischen Analyse von 58 Märchen aus Europa, dem Nahen Osten, Afrika und Asien zeigen, dass das Rotkäppchen-Thema vermutlich doch aus Europa stammt. Damit wäre wieder Raum für die alte These des italienischen Märchenforschers Anselmo Calvetti, wonach bereits die Menschen der Urzeit diese Geschichte erzählten. Sie könne auf einem Initiationsritus beruhen, bei dem junge Männer symbolisch von einem als Totem-Tier dienenden Monster verschlungen wurden. Dazu habe es noch ein wenig Kannibalismus gegeben, der aber in den softeren, modernen Rotkäppchen-Versionen ausgespart wurde.

So verwegen solche Thesen auf den ersten Blick auch klingen, immer deutlicher wird zumindest, dass viele vermeintlich recht neue Geschichten, die irgendwann in den Büchern aufgetaucht sind, in Wirklichkeit aus der Tiefe der Menschheitsgeschichte stammen. "Wir erfinden unsere Kultur nicht neu mit jeder Generation. Wir erben eine ganze Menge Kultur", sagt Tehrani und verweist auf eine soeben von ihm und seiner Fachkollegin Sara Graça da Silva von der Universidade Nova in Lissabon im Online-Wissenschaftsmagazin Royal Society Open Science publizierten Studie. Darin versuchen die Wissenschaftler nachzuweisen, dass die bekannten Volksmärchen "Rumpelstilzchen" und "Die Schöne und das Biest" schon vor 3000 bis 4000 Jahren im flackernden Licht der Lagerfeuer erzählt wurden. Die magische Geschichte vom "Schmied und dem Teufel", in der ein sehr früher Metallhandwerker den Höllenfürsten reinlegt, sei sogar 6000 Jahre alt. Passend zur Bronzezeit. Und das ist weit mehr als bloße Spekulation.

Nun ist - wie gesagt - die Idee nicht neu, dass Märchen und Mythen einen Ursprung in einer Zeit und an einem Ort haben, von dem aus sie sich über die Welt verbreitet haben. Es ist die Grundannahme der sogenannten historisch-geografischen Schule und der Verfasser des bereits genannten ATU-Kataloges. Doch wurde dieser Ansatz immer wieder kritisiert. Den Forschern wurde beim Geschichtensammeln Eurozentrismus vorgeworfen, die Typisierung der Erzählinhalte sei viel zu grob und zudem willkürlich. Das Unterfangen sei hoffnungslos, weil die frühen, vorschriftlichen mündlichen Überlieferungen ohnehin für immer verloren gegangen seien. Grundlegende Kritik kam aus der psychoanalytischen Ecke von Sigmund Freud, C. G. Jung, Otto Rank, Joseph Campbell und ihren Nachfolgern, die in der Universalität vieler Mythen eher den Ausdruck allgemein geteilter menschlicher Erfahrungen sehen, etwa des Geburtstraumas oder anderer lebensgeschichtlicher Einschnitte. Sie waren deshalb an der historischen Mythenforschung nicht sonderlich interessiert.

Doch vor wenigen Jahren haben die ersten Märchen- und Mythenforscher der historisch-geografischen Richtung angefangen, ihre Methoden mit freundlicher Unterstützung aus der Biologie zu verfeinern. Die Grundidee ist einfach: Man behandelt eine einzelne Geschichte wie ein Gen und geht davon aus, dass sie eine Entwicklung durchmacht, die der biologischen Evolution gleicht. Absurd? Keineswegs. Es gibt tatsächlich viele Parallelen. So werden Geschichten ähnlich wie Gene von Generation zu Generation weitergegeben. Vor allem in der mündlichen Überlieferung kommt es dabei zu Fehlern, aber auch zu bewussten Veränderungen des Inhalts, vergleichbar mit Mutationen in der Biologie. Zumindest bis zur Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern gegen 1450 in Mainz war dies der Fall. Größeren reproduktiven Erfolg werden jene Varianten haben, die zum Ökosystem passen: In Ostasien erzählt man lieber vom Tiger als vom Wolf.

Ur-Erzählung So lautet die Storyline, die schon in der Steinzeit erzählt wurde: "Ein Mensch jagt ein großes, grasfressendes Huftier mit Hörnern. Diese Jagd findet im Himmel statt oder sie führt die Beteiligten dorthin. Das Tier überlebt und verwandelt sich in das Sternbild des Großen Bären."

Ursprünglich wurde die sogenannte Phylogenetik angewendet, um die Verwandtschaftsbeziehungen und die Evolution biologischer Arten zu erkunden. Mittlerweile hat sich gezeigt, dass sie sich auch auf kulturelle Phänomene wie eben Geschichten, aber auch auf Sprachen an sich, bildnerische Darstellungen oder gar Gegenstände anwenden lässt. "Volksmärchen sind exzellente Objekte für die phylogenetische Analyse, weil die fast qua Definition Abstammungsprodukte sind, die Änderungen unterliegen", erläutert Tehrani. "Ein Märchen wird ja nicht von einem individuellen Autor verfasst, sondern es entwickelt sich mit der Zeit, neue Teile werden hinzugefügt und andere gehen verloren, wenn sie von Generation zu Generation weitergegeben werden." So wird ein Wolf - wie bei Rotkäppchen - in Asien ein Tiger und in Afrika ein Monster. In der griechischen Mythologie sperrt ein Zyklop - ein einäugiger Riese - Odysseus und seine Gefährten ein; die Schwarzfußindianer in Nordamerika erzählen von einem hinterhältigen Raben, der Bisons bewacht.

Es sind solche Änderungen, die sich mithilfe statistischer Verfahren mathematisch präzise erfassen lassen. Und mehr noch: Man kann anhand des Ausmaßes der Veränderungen zurückrechnen, wo und wann eine Geschichte wohl zum ersten Mal erzählt wurde. Voraussetzung einer solchen Analyse ist allerdings, dass eine Erzählung zuvor in ihre Grundbausteine zerlegt wird - so wie ein Gen in seine Nukleinsäuren. Als kleinste Einheit dienen möglichst kurze Sätze, sogenannte Mytheme, Sätze wie "Es gibt ein Mädchen" oder "Das Mädchen wird gefressen". Mit einer 1 oder 0 wird dann kodiert, ob ein bestimmtes Mythem in einer Erzählung vorkommt oder nicht. Den Rest erledigt der Computer, der zuvor mit den passenden Algorithmen gefüttert wurde. Er kann berechnen, wie eng verwandt verschiedene Versionen einer Geschichte sind und wann sich die Wege der Erzähler getrennt haben. So lassen sich regelrechte Mythen-Stammbäume erstellen.

Noch gibt es nicht viele derartige Analysen. Neben Tehranis Rotkäppchen-Spurensuche hat sich unter anderem der Anthropologe Julien d'Huy vom Centre d'études des mondes africains in Paris hervorgetan. In mehreren Fachpublikationen und vor Kurzem im deutschen Magazin Spektrum der Wissenschaft berichtete der Forscher über die phylogenetischen Analysen dreier Mythenfamilien: der sogenannten "Kosmischen Jagd", des "Pygmalion"- und des "Polyphem"-Mythos .

Die bekannteste Version der "Kosmischen Jagd" schrieb der römische Dichter Ovid vor ungefähr 2000 Jahren in seinen "Metamorphosen". Es ist die Geschichte von der schönen Kallisto, die als Nymphe der Jagdgöttin Diana eigentlich zur Keuschheit verpflichtet war, aber von Jupiter (Zeus) verführt und dabei schwanger wurde. Deshalb wurde sie verstoßen. Nach der Geburt ihres Sohnes Arkas wurde sie von Zeus' eifersüchtiger Gattin Hera in eine Bärin verwandelt. Als der zum Jäger gewordene Arkas sie Jahre später als vermeintlich wildes Tier töten will, erbarmt sich Zeus und befördert die beiden als Sternbilder in den Himmel: Kallisto wird zum Großen Bären, Arkas zum Kleinen Bären. Dort kann man sie noch heute sehen.

Mithilfe phylogenetischer Analysen konnten d'Huy und andere Forscher nachweisen, dass die Ur-Storyline ("Ein Mensch jagt ein großes, grasfressendes Huftier mit Hörnern. Diese Jagd findet im Himmel statt oder sie führt die Beteiligten dorthin. Das Tier überlebt und verwandelt sich in das Sternbild des Großen Bären") sich schon Jahrtausende vor Ovid über die halbe Welt verbreitet hatte: Neun Varianten fanden sich in Asien, eine in Afrika, zwei in Amerika. Womöglich kannte sie bereits jener Künstler, der vor mehr als 17 000 Jahren in der Höhle von Lascaux in Südfrankreich eine entsprechende Szene an die Wand malte. Und nach Amerika gelangte die Geschichte wahrscheinlich mit frühen Migranten, die zwischen 25 000 und 14 000 v. Chr. die damals noch begehbare Beringstraße zwischen Sibirien und Alaska nutzten.

Der Rekonstruktion der Verbreitungsgeschichte der "Kosmischen Jagd" liefert somit ein starkes Indiz: Offensichtlich gibt es tatsächlich so etwas wie Ur-Erzählungen. Es muss also nicht so sein, wie die psychologische Schule vermutet, dass die großen Mythen viele Male unabhängig voneinander entstanden sind, etwa weil die Menschen über den Sternenhimmel staunten und sich dann ähnliche Geschichten dazu ausdachten. Ein weiteres Argument nennt d'Huy: "Warum fehlen entsprechende Erzählungen in den mündlichen Traditionen Indonesiens, Papua-Neuguineas und Australiens?"

Die neuen Einsichten sind nicht nur für die Märchenforscher interessant. Mit der Analyse von Mythen-Stammbäumen hat die Wissenschaft eine neue Methode gefunden, um die Besiedlungsgeschichte der Erde durch den Menschen zu rekonstruieren. Zugleich ermöglicht sie ein besseres Verständnis davon, wie sich kulturelle Traditionen durch soziales Lernen verbreiten. Bislang setzten Ethnologen vor allem auf die vergleichende Analyse etwa von Werkzeugen und Waffen. Doch diese können sich auch durch Handel und Diebstahl verbreiten, geben Robert Ross von der University of London und Quentin Atkinson vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena in einer neuen Studie zu bedenken (Evolution and Human Behavior). Volksmärchen hingegen können sich in schriftlosen Kulturen nur über persönlichen Kontakt verbreiten. Die beiden Forscher untersuchten deshalb den Märchenschatz von 18 arktischen Jäger-Sammler-Gesellschaften in Sibirien, Alaska, Kanada und Grönland und konnten nachweisen, dass sie erstaunlich engen Kontakt gehabt haben mussten, obwohl sie heute in unwirtlicher Umgebung bis zu 6000 Kilometer voneinander entfernt leben. Märchen und Mythen, sie scheinen ziemlich robust zu sein.