Luftverschmutzung Peking ist unbewohnbar

Peking versinkt schon jetzt im Smog - und der Kohleverbrauch wird noch bis 2020 wachsen.

Nun ist es offiziell: Die Hauptstadt der Volksrepublik China ist wegen Smogs für menschliches Leben ungeeignet. So steht es in einer kürzlich erschienen Studie. Die Staatsmedien versuchen zu beschwichtigen. Doch die Feinstaubwerte sind alarmierend.

Von Kai Strittmatter

Geahnt hatten es ja schon viele, jetzt haben sie das Urteil schriftlich, die Pekinger: Für menschliches Leben ist ihre Stadt nicht geeignet. Das sagt nicht etwa Greenpeace, das sagen von der Regierung bestellte Wissenschaftler - in einem soeben veröffentlichten gemeinsamen Blaubuch der Shanghaier Akademie für Sozialwissenschaftler und des Pekinger Sozialwissenschaftlichen Akademischen Verlags. Wörtlich heißt es darin, Peking sei wegen der Luftverschmutzung "für Menschen kaum bewohnbar".

Klagen über den Smog in Chinas Städten sind altbekannt, aber so unverblümt hatten Pekings Bürger den Zustand ihrer Stadt selten beschrieben gefunden. Die Nachricht verbreitete sich schnell im Netz - bis das Informationsbüro des Staatsrats, Chinas oberste Zensurbehörde, mit einem Edikt einschritt: "Von allen Webseiten löschen". Da kursierten längst Tausende sarkastische Kommentare. "Kann ja nur aus Shanghai kommen, so ein Bericht", maulte ein Lokalpatriot. Shanghaier verteidigten sich im Gegenzug, in diesem Winter sei bei ihnen die Luft viel schlimmer. Ein Pekinger schrieb stolz: "Stärker als die Kakerlaken sind wir!"

Galgenhumor gilt den Chinesen längst als gängiges Antidot gegen ihre Ohnmacht. Nach der Smog-Apokalypse vom Januar vergangenen Jahres schütteten sie Kübel von Spott aus über jenen Beamten, der die rauchenden Woks der Hauptstadt als Feinstaubquelle ausmachte und die Bürger bat, sich bitte beim Kochen zurückzuhalten.

Ähnlich schlecht kam der Artikel in der parteieigenen Global Times an, der die militärischen Vorteile dichten Smogs pries. Pekinger mögen sich beschweren, dass sie zuweilen die andere Straßenseite nicht mehr sehen, "auf dem Schlachtfeld" aber, schrieb das Blatt, sei das "von Vorteil" - feindliche Lenkraketen fänden so ihr Ziel nicht mehr.

Der Kohleverbrauch wird noch bis 2020 wachsen

Dabei hat die Regierung gemerkt, dass ihr die Bürger von der Fahne gehen. Parteichef Xi Jinping verspricht, die Jagd nach mehr Wirtschaftswachstum solle nicht länger allein die Entwicklung bestimmen. Peking kündigte Programme zur Säuberung der Luft an, die Hunderte von Milliarden Dollar kosten sollen. Mehr als 300 Dreckschleudern sollen bis Ende 2014 geschlossen werden.

Schöne Pläne, aber Umweltschützer und Bürger halten sich mit Jubel noch zurück, zu oft hat es schon leere Versprechen gegeben. Chinas schmutzige Kohle etwa ist einer der Hauptschuldigen für den Smog - und der Kohleverbrauch wird Prognosen zufolge noch bis 2020 wachsen.

Chinas Staatsmedien versuchen nun, die Aufregung um das Blaubuch einzufangen. Die Volkszeitung argumentiert, die Autoren seien nur deshalb zu ihrem verheerenden Urteil gekommen, weil sie "besonders hohe Standards angelegt" hätten. Und die Global Times beruhigte ihre Leser: Tatsächlich hätten die Wissenschaftler Peking das Prädikat "unbewohnbar" nur in der Kategorie "Ökologie" verliehen - um das "kulturelle und geistige Leben" sei es hingegen bestens bestellt. "Die Behauptung, Peking sei unbewohnbar", resümiert das Blatt, sei demnach "übertrieben".

Am Freitag erreichten die Feinstaubwerte in Peking wieder 464 Mikrogramm pro Kubikmeter. Gesund, sagt die Weltgesundheitsorganisation, sind höchstens zehn.