Loveparade: Experte zur Unglücksursache Die Menschen sind risikobereiter

SZ: Folgt die Loveparade anderen Gesetzen als andere Großveranstaltungen?

Schreckenberg: Es ist etwas anderes als ein Weltjugendtag. Die Menschen bei der Loveparade sind mobiler, risikobereiter. Sie haben einen stärkeren Drang, zum Ziel zu kommen. Dass sie sich darauf gefreut haben, unter freiem Himmel zu feiern und plötzlich in einem Tunnel stecken, kann dazu beitragen, dass sie schwerer zurückzuhalten sind. Das muss man wissen, wenn man so etwas veranstaltet. Auch muss man die Masse beobachten. Im Tunnel gab es offenbar Kameras, die gefilmt haben. Sie wurden im Laufe des Tages zerstört. Da hätte man schon reagieren und den Tunnel sperren müssen.

SZ: Das Gelände war rundum mit Zäunen abgesperrt. Birgt das nicht Gefahr?

Schreckenberg: Ich habe schon im Vorfeld geprüft, dass genügend Notausgänge zur Verfügung stehen und Zäune nicht aufgebaut werden, die ein festes Hindernis sind. Man muss sich wirklich fragen, warum die Treppe nicht besser gesichert war. Da reicht der Zaun nicht aus, der davor war. Die Treppe hätte man vorher sprengen müssen. Es sind oft kleine Sachen, die Katastrophen auslösen. Das kann auch eine gefühlte Gefahr sein. Beim Königinnentag in Amsterdam vor kurzem hat der Ruf "Da ist eine Bombe" ausgelöst, dass die Masse sich in Bewegung gesetzt hat und Menschen verletzt wurden. Dabei gab es gar keine Bombe.

SZ: Kann man Menschen in so einer Situation lenken oder sind sie dann blind?

Schreckenberg: Es ist wichtig, Eingeschlossenen Perspektiven zu zeigen, sie durch Durchsagen zu informieren, sie zu beruhigen. Das war auch ein Hinweis vorher von mir, dass man intensiv informiert. Dass die Leute wissen, jetzt geht's nicht voran, dass sie nicht drücken von hinten. Man hätte Durchsagen machen können, dass die Leute auch über die Notausgänge auf das Gelände kommen können, um den Druck von dem Tunnel zu nehmen. Das ist wohl nicht geschehen.

SZ: Die Musik wurde Stunden weitergespielt. Viele empfanden tanzende Raver angesichts der Katastrophe verstörend. War das die richtige Entscheidung?

Schreckenberg: Es war die einzige Möglichkeit. Wenn man die Loveparade plötzlich beendet hätte, wäre die gesamte Menge der Menschen, die auf dem Gelände waren, auf einmal losgezogen. Das war etwas, das man auf jeden Fall verhindern wollte. Immerhin das hat funktioniert.