Linguistik Die Regeln von morgen

Sprachen verändern sich schon immer und überall auf der Welt. Die Angst der Sprachschützer vor dem Verfall des Deutschen ist überflüssig, der Widerstand gegen den Wandel ohnehin aussichtslos.

Von Andreas Frey

Wenn über die Zukunft der deutschen Sprache geredet wird, fällt ein Wort garantiert: Verfall. Ischwör! Geklagt wird über die zunehmende Zahl von Anglizismen, über falsche Kasus, übers Kiezdeutsch. Angeblich verlottert das Deutsche, und am besten wäre es, wenn alles bliebe, wie es ist. Dieses Beharrungsstreben kann man sympathisch finden. Kein Mensch muss Box für Strafraum sagen. Kausalsätze verlangen immer noch einen Nebensatz, weil das hat sich halt so entwickelt. Und "Isch geh Schule" ist immer noch eine ziemlich eigentümliche Variante für "Ich gehe in die Schule". Allerdings steht den Sprachhütern ein mächtiger Gegner gegenüber: die Wirklichkeit.

Und die ist unberechenbar. Sprache ist ein Prozess. Laute, Wörter, Satzbau und Grammatik sind einem ständigen Wandel unterworfen. Das lehrt schon die Sprachgeschichte: Kein Mensch würde heute Althochdeutsch verstehen (oder besser: verstünde?), und unzählige Schüler und Studenten placken sich noch heute mit den mittelhochdeutschen Texten von Walther von der Vogelweide (Tandaradei!). Selbst die Sprache Schillers und Goethes wirkt für viele aus der Zeit gefallen. Wer heute so schriebe wie ehedem die großen Dichter und Denker, hätte in der Schule ein Problem.

Insofern ist es erstaunlich, wie sich die Bemühungen wiederholen, den Status quo zu konservieren, als ob die Sprache jemals einen idealen Zustand erreichen könnte. Seit etwa zweitausend Jahren wird über den Zustand der Sprache gewettert. Die Zukunft ist dabei immer ein Abgrund, in dem die Muttersprache angeblich zu verschwinden droht. Der Sprachhüter selbst ist ein nimmermüder Sisyphos, der gegen den Verfall ankämpft. Der Ton ist scharf, das Gemüt erregt. Das gilt für Platon, Rousseau, Schopenhauer - und für den Verein deutsche Sprache.

Wer hingegen mit Linguisten über das Thema redet, erfährt zunächst einmal die Nüchternheit der Wissenschaft. Sie können den Sprachwandel gut erklären. Dank dem ältesten Schriftstück in deutscher Sprache, dem Abrogans genannten Glossar mit etwa 3700 althochdeutschen Wörterbucheinträgen, verfolgen sie die Geschichte des Deutschen bis ins 8. Jahrhundert zurück. Dabei untersuchen die Forscher vor allem den Lautwandel (Phonologie) und die Beugung von Wörtern (Morphologie). Aus dem Appel wurde so der Apfel, aus Schipp Schiff, aus ik ich. Zudem zeigt die Geschichte, dass immer häufiger starke Verben schwächeln. Die frühere Vergangenheitsform von schrauben war schrob, wie man es heute noch im Adjektiv verschroben erkennt. Auch der Hund boll. Er bellte nicht. Auf einem ähnlichen Weg ist das Verb backen. Oder wer sagt heute noch buk, ohne dass er altbacken klingt?

Weniger gut untersucht sind Satzbau (Syntax) und Bedeutungswandel (Semantik). Die mittelhochdeutsche husvrou ist heute keine Hausherrin mehr, sondern eine Hausfrau. Ein toller Mensch war früher irre, heute ist er ein sympathischer Zeitgenosse, auch wenn das Wort durch ironischen Gebrauch eine neuerliche Abwertung erfährt: Na toll.

Die Linguistin Damaris Nübling von der Universität Mainz hält die Sorgen vor dem Verfall der deutschen Sprache für völlig unbegründet. "Die Sprache optimiert sich ständig und passt sich ideal den Verhältnissen an, einfach weil sie das wichtigste Werkzeug zur Kommunikation ist", sagt sie. Nübling erklärt sich die Vorbehalte wie folgt: Viele Menschen hätten in der Schule ein Deutsch gelernt, das sie für das beste halten, und mit dem sie meinten, sich über andere erheben zu können, die nicht genau dasselbe Deutsch sprechen und schreiben.

Wie beeinflussen eigentlich das Türkische, Russische, Arabische die deutschen Muttersprachler?

Sprache diene also der sozialen Distinktion, wozu eben auch die Definitionshoheit gehöre, was man für richtiges Deutsch hält. "Vor diesem Hintergrund ist jeder Wandel eine Katastrophe, weil er diesen Menschen den vermeintlich festen Boden unter den Füßen wegzieht", sagt sie. Das gilt erst recht für Menschen, die sich die gültige Rechtschreibung mit großer Mühe aneigneten. Ihnen geben die Regeln Halt, jede Abweichung wird als Bruch wahrgenommen. Der Erfolg von Bastian Sick ("Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod") gründet darauf. Der Autor zeigt lieber auf den Gemüsehändler mit dem Deppenapostroph anstatt zu erklären, warum eine Regel zur Regel geworden ist, und warum es sinnvoll sein könnte, sie einzuhalten.

SZ-Grafik: Sead Mujić

Aber Rechtschreibfehler kann man besser zählen als Denkfehler. Ein Text kann noch so klug sein, verstößt er nur minimal gegen Orthografie oder Grammatik, wird sein Inhalt entwertet. Manche haben solche Angst vor Fehlern, dass sie bei dem Versuch, sich besonders korrekt auszudrücken, übers Ziel hinausschießen und neue Fehler machen. Sie sagen gemäß des Wetters statt gemäß dem Wetter (Rettet den Genitiv!), ziehen das Präteritum dem Perfekt vor ("Ich vergaß!"), konjugieren nach dem Präsensprinzip ("Ich fande das gut") und setzen selbst dort Apostrophe, wo nichts ausgelassen wird wie im Imperativ ("Komm' mit!") oder üblicherweise Genitiv steht ("des Jenseits'").

Korrektes Deutsch wird in Deutschland mit Hochdeutsch gleichgesetzt, das in allen formellen Situationen verwendet werden sollte, Linguisten bezeichnen diese normierte Sprache als Standard. "Alle Deutschen werden so sozialisiert, dass man die wichtigen Dinge des Lebens im Standard tut", sagt der Freiburger Linguist Göz Kaufmann. Diese Standardsprache ist im Gegensatz zu den Dialekten verschriftlicht und lässt sich in Wörterbüchern und Grammatiken nachschlagen. Daraus erklärt sich das Prestige des Dudens. Ein Buch über die Zweifelsfälle des Alemannischen gebe es hingegen nicht, sagt Kaufmann.

Dialekt wird im Gegensatz zum Hochdeutschen häufig belächelt. Norddeutsche schauen häufig belustigt auf süddeutsche Dialekte herab. Vor allem Schweizer, die auch formelle Gespräche auf Schweizerdeutsch führen, fühlen sich dadurch nicht ernst genommen. "Die meisten Deutschen denken, dass die Dialekte schlecht gesprochener Standard sind; dabei ist es genau umgekehrt", sagt Kaufmann. Denn die Dialekte sind die ursprünglichen Varietäten, Hochdeutsch selbst ist aus Dialekten entstanden. Der Glaube an das Hochdeutsche und den Duden führt dazu, dass die meisten die Sprache als etwas Statisches ansehen, das stets eindeutig und festgelegt sein sollte.

Varianten, die den Wandel ausdrücken, werden als Übel angesehen. Dabei ist es Ansichtssache, ob man beispielsweise Schadensersatz oder Schadenersatz sagt. Das Fugen-s entwickelte sich aus dem Genitiv-s heraus (Des Instituts Direktor - Institutsdirektor), hat sich aber längst verselbständigt und eigene Funktionen entwickelt. Man geht ja zum Arbeitsamt, obwohl die Arbeit grammatisch feminin ist und im Genitiv kein s verlangt. In solchen Fällen gibt es kein richtig oder falsch, sondern nur gute Gründe für den einen oder anderen Fall. Allerdings besitzt die ältere Version einen höheren Status. Und möglicherweise ist das der Grund, warum Bildungsbürgertum, Verlage und Behörden grundsätzlich die alte Form verlangen. Stichwort Abgrenzung.

Geschriebene Sprache verändert sich langsamer. Aber es tut sich auch bei ihr etwas: "In den letzten Jahren ist der Einfluss gesprochener Sprache auf die Schrift größer geworden", sagt der Linguist Beat Siebenhaar von der Universität Leipzig. Die Sprache der Süddeutschen Zeitung etwa ist heute mündlicher und damit expressiver und weniger distanziert als vor 50 Jahren. Die Sätze sind kürzer geworden.

Bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts nimmt die Zahl der Wörter pro Satz ab. Damals war Bürokraten-Deutsch mit langen Schachtelkonstruktionen und Nominalsätzen ein Stilideal. Heute beschleunigen Facebook, Twitter, WhatsApp und andere neue Medien den Trend zu kurzen Sätzen und simplem Satzbau. Sie sind auf schnelle Kommunikation und Verständlichkeit ausgelegt, weswegen Orthografie und Grammatik nachrangig geworden sind. Zudem pfeifen viele Nutzer nicht nur auf Regeln, sie nutzen Slangs, Dialekte und kombinieren verschiedene Sprachen miteinander. Hauptsache, der andere blickt's.

Wie die Deutschen sprechen und wie sie schreiben sollen - dazwischen liegt nach Meinung des emeritierten Slawisten Uwe Hinrichs von der Universität Leipzig daher eine immer größere Kluft. Er sagt: "Seit fünf Jahrzehnten hat sich der Sprachwandel rasant beschleunigt." Hinrichs ist überzeugt, dass vor allem die Einwanderer diese Entwicklung antreiben. Seit einem halben Jahrhundert stehe das Deutsche in Kontakt mit Dutzenden Fremdsprachen und Slangs in den Großstädten. So entstehe eine neue Art der Sprachverarbeitung, die das Schuldeutsch in den Hintergrund drängt. "Man soll verstehen, was gemeint ist, und nicht, ob jetzt der Dativ richtig gebildet ist", sagt Hinrichs.

Diese Theorie hat Hinrichs bereits vor zwei Jahren in seinem Buch "Multi Kulti Deutsch" formuliert. Heute ist das Thema wegen der Flüchtlingsströme aktueller denn je. Allerdings beklagt er, dass die Forschung in der Migrationslinguistik nicht in die richtige Richtung gehe. Es werde zwar mit riesigem Aufwand das Kiezdeutsch in Neukölln untersucht oder das Deutsch von Russlanddeutschen. Allerdings ignoriere die Forschung die entscheidende Frage: "Wie wirkt sich die anwachsende Mehrsprachigkeit auf die gesprochene deutsche Umgangssprache aus?"

Für Hinrichs beeinflussen das Türkische, Russische, Arabische und Jugoslawische das Deutsche am stärksten. So komme es zur Erosion der vier Fälle, Abschleifungen der Endungen, Abnahme der Kongruenzen und weiteren Phänomenen im Deutsch der Muttersprachler. Nicht nur der Genitiv sei ein Auslaufmodell ("Das Haus von meinem Vater"), sondern auch der Dativ ("Er muss sich eine Behandlung unterziehen") und der Akkusativ ("Es gibt da ein origineller Autor"). Die vier Fälle des Deutschen werden weggelassen, verwechselt oder mit Präpositionen gebildet ("Wir haben eine Tendenz zur Spaltung").

Auch wenn Hinrichs' Erklärungsmodell von einigen Fachkollegen angezweifelt wird, den Sprachwandel an sich bestreitet natürlich niemand. So gibt es einen Trend zu sogenannten analytischen Sprachformen, bei denen die grammatische Funktion der Wörter im Satz durch unabhängige Einzelwörter deutlich gemacht wird. Auch der Einfluss des Englischen beschränkt sich nicht nur auf Anglizismen. So werden auch englische Schreibungen aus dem Kyrillischen übernommen (Vodka statt Wodka), bestimmte Redewendungen imitieren das Englische; "Ich bin da ganz bei Ihnen" oder "Sie hat einen guten Job gemacht". Eingebürgert haben sich auch Formeln wie "einmal mehr" ("once more") statt "wieder einmal" und "nicht wirklich" ("not really") statt "eigentlich nicht". Zudem kann man Auswirkungen auf den Komparativ, wie man ihn bei der Konstruktion "mehr zugänglich" statt "zugänglicher" sieht, schon in Zeitungen lesen.

Das Englische ist deshalb so erfolgreich, weil es sich zu einer hochanalytischen Sprache entwickelt hat. Anstatt komplexer Grammatik und unregelmäßiger Beugungen hat es eine regelmäßige Struktur gebildet, die das Lernen erleichtert. Ein Kind wendet sie automatisch an. Es esst gerne Eis, empfehlt Schokolade und befehlt: Nehm das bitte! Klingt schräg? Ist aber vor allem logisch.

Rund 30 bis 40 Prozent des englischen Wortschatzes sind französischen Ursprungs

Über manche Konstruktionen ärgern sich zwar auch Linguisten, doch der Wandel sei eben unvermeidlich. Wie solle man die Entwicklung einer Sprache auch lenken können? Soll der Staat seinen Bürgern vorschreiben, wie sie zu sprechen haben? Funktioniert das überhaupt?Der Düsseldorfer Linguist Rudi Keller hält von derlei Sprachgesetzen schon aus wissenschaftlichen Gründen nicht viel. Er betrachtet Sprache als ein Phänomen der dritten Art, die weder allein ein Werk der Natur ist, noch ein willentlich vom Menschen geschaffenes Artefakt - sondern beides zugleich. "Durch das tägliche millionenfache Benutzen der Sprache erzeugen wir eine permanente Veränderung unserer Sprache, die wir in der Regel nicht beabsichtigen", sagt er. Eine bestimmte Veränderung könnten wir in der Regel weder gezielt verhindern noch hervorbringen; häufig würde sie nicht einmal bemerkt. Damit sei Sprache in Anlehnung an Adam Smiths Wirtschaftstheorie wie von einer unsichtbaren Hand gelenkt.

Von diesem Wandel sind alle Sprachen der Welt betroffen. Ihre Sprecher wollen imponieren (Fremdwörter), Artikulationsenergie sparen (Verkürzungen und Vereinfachungen), Rücksicht nehmen (politisch korrekte Sprache). Die verbreitete Anglizismuskritik hält Keller für linguistische Xenophobie. Wer in Wörtern aus anderen Sprachen das Verderben sieht, müsste auch das Englische selbst für eine überfremdete Sprache halten, 30 bis 40 Prozent des englischen Wortschatzes sind französischen Ursprungs. Sprachtod? Von wegen. Heute ist Englisch Weltsprache.

"Was wir als Sprachverfall wahrnehmen, ist zu einem erheblichen Teil der allgegenwärtige Sprachwandel aus der historischen Froschperspektive betrachtet", sagt Keller. Wir würden die Sprache nur durch ein schmales Zeitfenster betrachten und darin jede Menge Fehler und Barbarismen erkennen. Womöglich aber sind gerade die systematischen Fehler von heute die neuen Regeln von morgen.