Mit jeder Bewegung sammelt der Säugling Erfahrungen - ein langwieriger Prozess, der weit über das erste Lebensjahr hinausreicht. Untersuchungen haben ergeben, dass die sensorischen Rückmeldungen bei der Berührung beider Hände des Babys, im Gehirn ein wahres Feuerwerk auslöst. Beide Gehirnhälften entdecken, dass sie nicht alleine sind. Die brausende Reizflut von Sinneseindrücken fordert so sehr die Aufmerksamkeit des Kindes, dass es keine zusätzlichen Stimulationen braucht. Babys sollten zwar nicht sich selbst überlassen werden, doch brauchen sie deutlich weniger Unterhaltung, als man gemeinhin glaubt.

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Erst wenn der Säugling beginnt, sich im Liegen umzudrehen, entwickelt sich zum Beispiel das dreidimensionale Sehen. Neurologen vermuten, dass motorische Fertigkeit als Initialzündung für die Neugestaltung der sensorischen Fähigkeiten gesehen werden kann. Babys wollen ihre Welt alleine entdecken und nicht durchkatapultiert werden.

Mit Reizquellen überfrachtete Spielsachen, wie zum Beispiel eine Lauflernhilfe, nehmen den Kindern diese Fähigkeit. Wo man getrost von einer sensorischen Überflutung reden kann, werben die Hersteller ungeniert, dass "das elektrische Spielbrett im Look eines Rennautos mit vielen verschiedenen Sounds und Funktionen, wie beispielsweise Lenkrad und Hupe (...) für viel Spaß bei den Kleinsten" sorge.

Bereits im Jahr 2002 konnte Mary Garrett, Direktorin der Abteilung Physiotherapie an der University of Dublin, in einer Querschnittsstudie über den Einfluss von Lauflernhilfen auf die Entwicklung der Fortbewegung nachweisen, dass sich Lauflernhilfen nachteilig auf die kindliche Entwicklung auswirken. "Lauflernhilfen verzögern signifikant das Erreichen von Entwicklungspunkten (wie Krabbeln, Stehen und Laufen) in der Bewegungsfähigkeit bei Kindern", heißt es in der Studie.

Gravierender noch als die gehemmte körperliche Entwicklung ist das Sicherheitsrisiko. Die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) mehr Sicherheit für Kinder e.V. weist darauf hin, dass "das Gefährdungspotential jenseits der technischen Funktionalität liegt". Unter technischer Funktionalität versteht man die Sicherheit des Gerätes an sich (Verletzungsgefahr an scharfen Kanten, Belastbarkeit der Räder etc.). Vielmehr können Kleinkinder in den Geräten "kurzfristig Geschwindigkeiten von bis zu zehn bis 20 Stundenkilometern erreichen".

Die Resultate sind Kopfverletzungen, Schädelbrüche, Schleudertraumen oder auch Querschnittslähmungen. Bis zu 100schwere Unfälle im Zusammenhang mit Lauflernhilfen benennt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte jedes Jahr. Der Aktionsradius der Kinder erweitert sich zudem enorm. Gefahren wie Treppen, Türschwellen, Tischecken und Schränke werden von den Eltern nicht erkannt. Insgesamt vermutet die BAG allein in Deutschland bis zu 6000Zwischenfälle pro Jahr. Die Kinderärzte zählen Lauflernhilfen zu den "gefährlichsten Verwahrungsgeräten". Anlässlich des Kinder- und Jugendärztetages 2007 in Dresden forderte der BAG-Präsident Wolfram Hartmann explizit "ein Verbot von höchst unfallträchtigen Lauflernhilfen für Kleinstkinder".

Kanada und einige Länder Skandinaviens haben diese Gefahren nicht nur erkannt, sie haben sie auch gebannt. Seit 2004 sind Lauflernhilfen dort verboten. Doch nicht nur Lauflernhilfen gehören zu den sinnlosen wie gefährlichen Gerätschaften. Auch "Babyhopser" gehören dazu. Das Kind befindet sich bei diesen in einer Sitzhose, die an einem Gummiseil im Türrahmen hängt. Bungee-Springen für Säuglinge? Wer das für absurd hält, sollte einen Blick auf den "Jumperoo Baby Hopser Rainforest" werfen, der für Kinder ab null (!) Monaten empfohlen wird und 360 Grad Hüpfspaß mit Licht-, Geräusch- und Musikeffekten verspricht.

Vorbei sind offenbar die Zeiten der harmlosen Krabbeldecke. Kinder liegen heute auch im "Spider Bouncer". Das ist eine Babywippe mit Vibrations- und Soundfunktion, integrierten Lautsprechern und einem Anschluss für den MP3-Player. Egal, ob die Geräte ein Dolby Surround System, eine stufenlos regulierbare Schüttelfunktion und eine "High Power Ecomodus"-Lichtmaschine haben, sie versetzen Babys in eine Umwelt, die nichts mit ihren Bedürfnissen zu tun hat und frei ist von jeder kreativen Eigeninitiative.

Womöglich erinnert der profane Laufstall in der aufgeklärten Welt zu sehr an Käfighaltung. Doch wenigstens können sich Babys darin angemessen bewegen. Definitiv nicht möglich ist das, wenn das Kind in eine wippende, hüpfende oder rollende Diskothek geschnallt ist - weil manche Eltern glauben, oder glauben möchten, dass so etwas förderlich sein könnte.

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  1. Babys beim Bungee-Springen
  2. Sie lesen jetzt Säuglinge in Gummiseilen
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(SZ vom 23.06.2009/beu)