Hilmar Klute sieht alles den Bach runtergehen, Bachblüten und andere Ingredienzien der Wohlfühlindustrie aber werden obenauf schwimmen: ein paar Prognosen zum Rückzug in die Aromagrotten.

Jetzt wird es wohl bald losgehen mit der globalen Ungemütlichkeit. Es fühlt sich ja schon keiner mehr so richtig wohl, weil alle fürchten, dass ihnen demnächst die Kreditkarten in der Hand zerbröseln werden wie getrocknete Birkenblätter. 2009 wird das Jahr der hochgeschlagenen Mantelkragen werden, das Jahr des Unwohlseins und Klagens, und wenn wir nicht bloß alte Jammerlappen, sondern ausgefuchste Auguren und Haruspexe wären, müssten wir sagen: Uns steht zudem noch das Jahr der Scharlatane ins Haus, der politischen Wunderheiler und der unseriösen Geschäftemacher. Wenn es ganz mies läuft.

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Die Wellnessbranche wird im konjunkturschwachen Jahr 2009 kräftig Konjunktur haben. (© )

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Aber es läuft gar nicht so mies, passt mal auf. Denn das noch junge Jahr wird ganz den Wohlfühlexperten gehören, unseren bestgelaunten Dienstleistern, die in einer Duftwolke aus frischem Zitronengras durch die wegbrechende Welt federn und den hoffnungslos Verzagten zurufen: Lasst es euch doch einfach gut gehen; sorgt dafür, dass ihr euch wohl in eurer Haut fühlt. Esst Obst!

Nein, ganz im Ernst: Die Wellnessbranche wird im konjunkturschwachen Jahr 2009 kräftig Konjunktur haben. Weil sie nämlich mit wirklich zukunftweisenden Ergebnissen punkten kann, von denen die Börsencrashkids nur träumen können. Während die Regierungen in Europa und den USA mit Milliardenpaketen zur Rettung der Seelen anrücken, packen die Wellnesser sich ein Bündelchen Kräuter unter den Arm und bitten dich mit einem ganz lieben Augenzwinkern in die Aromagrotte, weil die ein angstfreier Raum ist, wie die Sozialpädagogen sagen würden.

In der Aromagrotte steht die Zeit still wie Volvic. Die meisten Menschen hier sind nackt, aber die nackte Angst haftet ihnen nicht lang an, sondern wird zusammen mit dem Schweiß vom Frotteetuch rasch und gierig aufgesogen. Und das Schöne ist: Dass Wellness die Angst vertreibt, ist nicht nur irgendwie so ein Gefühl, sondern als Phänomen klinisch überprüft und fein säuberlich aufgeschrieben von den Kollegen aus den Touch-Research-Instituten - ach, möchte man nicht auch in einem Institut arbeiten, wo man sich schon rein beruflich ständig berührt oder von schönen Dingen regelmäßig berührt wird?

Wie auch immer, es kann hundertprozentig nachgewiesen werden, dass Patienten, die Körper und Seele mit Lavendel umschmeicheln lassen, viel weniger Angst vorm Zahnarzt haben als diejenigen, die diese Welt ganz ohne Lavendelsubstitution bestehen müssen.

Und wer sich im düsteren Jahr 2009 an schöne Dinge aus der Vergangenheit erinnern möchte, obwohl ihm ums Verrecken keine mehr einfallen, hier der Tipp: Rosmarin! Wer Rosmarin isst, schnupft, raucht oder darin badet, bekommt ein besseres Gedächtnis. So, wer hat denn jetzt noch ein Problem und braucht dringend ein Kraut dagegen? Ach, hier der kleine nervöse Crashbanker, der immer nur rumschreit, wenn wieder eine Kurve abrutscht - verpasst dem Mann mal ein paar Massagen mit Kräuterextrakt als Schmiermittel, das schraubt die Aggressionen zurück.

Dieses Jahr wird uns allen eine große Bereitschaft zur Entspannung abverlangen. Musiktherapie, Akupunktur, Tai-Chi und Yoga lauten die Schlagworte, mit denen wir zu tun haben werden. Es sei denn, die Wirtschaftskrise erfasst die Branche dermaßen heftig, dass mit einem Mal alle Lichter in der Aromagrotte ausgehen und überhaupt alles den Bach runtergeht samt Bachblüten, Rosmarin und Massagematratze - dann könnt ihr euch echt verabschieden, dann könnt ihr wirklich alle verduften.

Der Kolumnist Hilmar Klute, geboren 1967 in Bochum, ist SZ-Redakteur und Buchautor.

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(SZ Wissen, Ausgabe 03/2009/mcs)