Lebensmittel "Starbuggs" - ein lausiger Skandal

Manche Getränke der amerikanischen Kaffeekette Starbucks enthalten einen Farbstoff, der aus Läusen hergestellt wird. Wenn das kein Grund ist, sich zu ekeln. Oder?

Von Markus C. Schulte von Drach

Wahrscheinlich war das Wortspiel für USA Today einfach unwiderstehlich: "Starbuggs? Strawberry Frappuccino Colored by Insects" meldete die US-Zeitung am 26. März. Es geht um die Firma Starbucks und um Ungeziefer.

Solche Tiere werden im Englischen eigentlich "bugs" genannt, aber offenbar sollte das doppelte "g" das "ck" im Originalnamen ersetzen. Unter dieser Überschrift jedenfalls deckte Alan Farnham im USA Today-Blog "Consumer Report" einen Lebensmittelskandal auf. Bestimmte Kaffeeprodukte des Unternehmens werden mit einem Stoff gefärbt, der aus einer Schildlaus hergestellt wird, einem Insekt. Wenn das kein Grund ist, sich zu ekeln. Oder?

Wie Farnham im selben Blogbeitrag erklärt, geht es um einen roten Farbstoff, der Starbucks-Produkten mit Erdbeergeschmack, etwa dem Strawberry Frappuccino, die passende Farbe gibt. Er verschweigt nicht, dass die US-Lebensmittelaufsichtsbehörde FDA den Stoff als sicher eingestuft hat, mit dem übrigens auch etliche andere Lebensmittel und auch Textilien gefärbt werden.

Die Sache mit den Schildläusen ist nämlich nichts Neues. Es ist sogar etwas sehr Altes. Die weibliche Cochenilleschildlaus wurde bereits in Mittel- und Südamerika genutzt, um rote Stoffe herzustellen, bevor Kolumbus den Atlantik überquerte. Nach der Eroberung Amerikas durch die Europäer führten diese die Laus auch in ihrer Heimat ein. Dort ersetzte das Insekt in der Textilindustrie die zuvor verwendete Karmin- oder Kermeslaus.

Der mit Hilfe der Schildläuse hergestellte Farbstoff heißt Karmin, Karmesin oder Koschenille. Seit Jahren wird Karmin auch als natürlicher Lebensmittelfarbstoff und zum Färben von Kosmetikprodukten verwendet. Und wer wissen will, ob in der Marmelade, dem Joghurt, der Marinade, dem Fleischprodukt, der Limonade oder dem Lippenstift Karmin enthalten ist, muss einfach nachschauen, ob unter den Inhaltsstoffen auch E 120 (Echtes Karmin) aufgelistet ist.

Wo immer die Farbe Rot ein hervorstechendes Merkmal ist, könnte das der Fall sein. So wurden bis vor einigen Jahren zum Beispiel auch Campari und Aperol mit Karmin gefärbt. Inzwischen wird allerdings häufig die synthetisch hergestellte Alternative E120A verwendet.

Der aktuelle "Skandal" hat seinen Ursprung in einer Entscheidung von Starbucks aus dem Jahre 2010, den Veganern mit der "Soy Strawberries & Crème" einen "However-You-Want-It"-Frappuccino anzubieten, der keine Kuh- sondern Sojamilch enthält und den auch jene mit gutem Gewissen trinken können sollten, die die Verwendung tierischer Produkte vollständig vermeiden. Doch am 14. März 2012 warnte die Internetseite thisdishisvegetarian.com, sie sei darüber informiert worden, dass das Produkt leider doch nicht vegan sei - es enthalte Karmin. Starbucks erklärte die Umstellung auf den Farbstoff, die Anfang dieses Jahres stattgefunden hat, sei dem Ziel geschuldet, "künstliche Zutaten in unseren Produkten zu minimieren", wie Unternehmenssprecherin Lisa Passe USA Today erklärte. Ein Vorsatz, den viele Verbraucher eigentlich begrüßen dürften.

Petition gegen Kaffee

Die Veganer allerdings fühlen sich betrogen, es gibt bereits eine Petition "Starbucks: Stop using bugs to color your strawberry flavored drink".

Ob es sich bei der Sache um einen Lebensmittelskandal handelt, ist fraglich.

E120 ist ein auch in Deutschland und der EU für bestimmte Produkte zugelassener Stoff, dessen Einsatz sich allerdings inzwischen weitgehend auf alkoholische Getränke beschränkt.

Grund dafür ist, dass es eine Einschätzung des Gemeinsamen FAO/WHO-Sachverständigenausschusses für Lebensmittelzusatzstoffe JECFA nach dem Verzehr gelegentlich zu allergischen, auch schwerwiegenden Reaktionen kommen kann.

E120 gehört zu einer Gruppe von Lebensmittelfarbstoffen, deren Sicherheit von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) bis Ende 2015 neu eingeschätzt werden soll. Auf der Prioritätenliste wurde der Stoff nicht besonders hoch gesetzt.

Die Veganer fordern Starbucks nun auf, ebenfalls natürliche Alternativen zu verwenden, die kein Tier - schon gar nicht Hunderttausende Läuse - das Leben kosten. Die Forderung dürfte natürlich auch im Sinne jener Verbraucher sein, die anfällig sind für sogenannte Pseudoallergien (allergieähnliche Reaktionen) oder überempfindlich auf Salicylsäure oder Benzoesäure reagieren.

Wer allerdings Tiere verzehrt und nicht unter Allergien leidet, sich aber bei dem Gedanken ekelt, dass Nahrungsmittel oder Getränke Stoffe enthalten, die aus Läusen hergestellt werden, sollte Folgendes bedenken: Diese Tiere gehören zu den Insekten und damit zum Stamm der Arthropoden (Gliederfüßler). Und von diesen stehen durchaus einige auf unserem einheimischen Speiseplan: Wer etwa Krabben oder Krebse mag, verspeist ebenfalls Krabbeltiere. Alles also eine Frage der Gewohnheit.

Die Angelegenheit belegt allerdings einmal mehr, wie wenig Verbraucher darüber wissen - und wie schlecht sie darüber informiert werden -, was in den Produkten enthalten ist, die sie täglich zu sich nehmen.